Integrationsprojekt

Veranstalter von Kitchen on the run in Lörrach ziehen Bilanz

Barbara Ruda

Von Barbara Ruda

Mo, 03. Juli 2017 um 15:23 Uhr

Lörrach

Nächste Station Wismar: Die Veranstalter des Integrationsprojekts Kitchen on the run verlassen Lörrach. Sie ziehen im BZ-Interview Bilanz ihres sechswöchigen Aufenthaltes in der Stadt.

Die dreiköpfige Crew ist am Montag samt dem Küchencontainer ihres Begegnungsprojekts "Kitchen on the run" zu ihrer nächste Station in Wismar abgereist. Beim Abschiedsfest am Sonntag hat Barbara Ruda mit Ina Peppersack und Agnes Disselkamp ein Resümee über den sechswöchigen Aufenthalts in der Stadt gezogen.

"Da würde man gerne mehr tun, wie man es eben für Freunde tun würde, kann aber nicht zu Ende helfen." Ina Peppersack, Veranstalterin
BZ: Mit welchem Gefühl fahrt ihr aus Lörrach weg?
Disselkamp: Eigentlich mit einem richtig guten, weil wir wissen, dass wir in Lörrach etwas angestoßen haben, das bleibt. Aber wir sind auch Menschen. Wir gehen ebenso ein bisschen mit Trauer, denn wir lassen Freunde zurück. Wenn das Projekt jetzt in Wismar weitergeht, fangen wir wieder bei Null an.
Peppersack: Man hat ja viele Leute kennengelernt und ihre Geschichten gehört, und bei einigen davon hat man Hilfe in die Wege geleitet. Da würde man gerne mehr tun, wie man es eben für Freunde tun würde, kann aber nicht zu Ende helfen. Auch wenn man weiß, dass das nicht so ist, hat man das Gefühl, als ließe man diese Menschen im Stich. Gut, dass man doch noch in Kontakt bleiben kann.
BZ: Was habt ihr in Lörrach mit Eurem Projekt bewegen können?
Peppersack: Ich hoffe, dass sich bei uns Menschen begegnet sind, die sich vorher nicht kannten – egal, ob nun Beheimatete mit Flüchtlingen, Beheimatete mit Beheimateten oder Flüchtlinge mit Flüchtlingen. Teilweise waren das Leute, die mit dem Thema bisher nichts zu tun hatten. Die haben wir an die Hand genommen. Erstaunlich, dass sich auch Flüchtlinge miteinander verbunden haben, was für eine bessere Stimmung in den Unterkünften sorgte.
Disselkamp: Viel von dem, das wir bewirkten, ist gar nicht messbar. Das geht weit über die Kochabende hinaus. Wir haben ein Bewusstsein geschaffen. Einerseits hoffen wir, dass wir den Menschen im Gedächtnis bleiben, andererseits sollen sie sich nicht zu sehr an uns binden. Man steckt immer im Zwiespalt, wie weit man sich einlässt. Aber da die Emotion, die wir hineinstecken, zu uns zurückkommt, bleibt es nicht aus, dass Bindungen entstehen. Lörrach war unser erster richtiger Standort. Wir haben hier 20-mal gekocht – mehr als 60 verschiedene Gerichte –, an den Abenden waren 400 Leute dabei plus die, die zum Zuckerfest und Abschiedspicknick kamen. Immer hatte mindestens die Hälfte einen Migrationshintergrund, und 55 Prozent waren Frauen. Zu sehen, dass unser Projekt da funktioniert, wo wir niemanden kannten und jetzt eine Facebook-Gruppe mit 170 Mitgliedern sowie ein Anschlussprojekt haben, ist toll. Das beflügelt uns. Wir gehen auf jeden Fall mit viel positiver Energie.
BZ: Was hat Euch in Lörrach bewegt?
Disselkamp: Die Menschen. Klar war das Essen immer lecker, aber das rückt so in den Hintergrund, wenn davor so tolle Menschen sind. Die Menschen – ja, so werden wir Lörrach in Erinnerung behalten. Wir haben teilweise unsere Freizeit mit ihnen verbracht. Viele waren so dankbar für unser niederschwelliges Angebot und haben uns eingeladen, um uns etwas zurückzugeben. Indem wir die Einladungen annahmen, haben wir sie glücklich gemacht. Das war wirklich ein Geben und Nehmen.
BZ: Wie beurteilt ihr rückblickend den Rathausplatz als Standort?
Peppersack: Als herausfordernd – jeden Tag aufs Neue. Einerseits hatten wir das Gefühl, hier am Bahnhof stehen wir richtig, und von der Symbolik her macht das ja auch Sinn, aber wir sind zu idealistisch drangegangen. Die Leute auf dem Platz zu integrieren, hat nicht geklappt. Von Einigen kam die Botschaft: Ihr seid hier nicht willkommen. Hoffentlich steht der Container noch, wenn wir ankommen, haben wir mittags gedacht. Wir hätten uns das anders gewünscht.
Die Interviewpartner

Ina Peppersack ist der kreative Kopf bei Kitchen on the run.

Agnes Disselkamp ist unter anderem für das Crowdfunding des Projekts zuständig.

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