Verrücktes steht neben Tiefsinnigem

Thomas Loisl Mink

Von Thomas Loisl Mink

Di, 19. Juni 2018

Lörrach

Im Theater Tempus fugit hat eine neue Form des Musiktheaters vom Ensemble Bakkhons Puns eine überzeugende Premiere gefeiert.

LÖRRACH. Es war eine neue Form des Musiktheaters, was das Ensemble Bakkhos Puns im Theater Tempus fugit aufführte. Avantgardistischer Jazz ging eine Verbindung mit Texten ein, die irgendwo zwischen Poetry-Slam und Dadaismus schillerten und von Schauspielern vorgetragen oder vielmehr aufgeführt wurden. Heraus kam eine spannende Mischung aus coolem Jazz, Ironie und tiefgründigem Humor.

Ein Stern zu sein sei einfach gigantisch, sagt ein Schauspieler. Anfangs in gespielter Schüchternheit redet er sich immer mehr in Rage, schwärmt davon, als Stern eines Tages zu explodieren und ein Schwarzes Loch zu werden und endet seinen nun rasenden Vortrag mit Immanuel Kants Kategorischem Imperativ: Nämlich sein Handeln immer an einer Maxime auszurichten, die zugleich als ein allgemeines Gesetz gelten könnte. Die Jazzband besetzt mit Trompete, Baritonsaxophon, Piano, Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug, begleitet den Vortrag mit einem sich im gleichen Maße steigernden expressionistischen Klanggefüge. Der Zuhörer merkt schnell: Intellektuelle Tiefe und Humor liegen hier nah beieinander. Das gilt sowohl für die durchweg englischsprachigen Texte wie auch für die Musik, die eine enge Verbindung eingehen.

Die Band spielt eine sehr moderne und anspruchsvolle Art von Jazz, expressiv und ausdrucksstark. Und obwohl alle Bandmitglieder sehr jung sind, spielen sie technisch brillant und sehr versiert. Mal werden Erinnerungen an das berühmte Pianotrio "e.s.t." wach, wenn der Gitarrist Pause hat und die Bläser nur vereinzelte Einsprengsel setzen, dann wieder gehen Trompete und Saxophon voran, mal nach Melodien greifend, mal expressiv die Texte unterstützend, und dann ergeht sich das Piano in lyrischen Bögen.

Die Texte stammen von dem englischen Dichter Luke Kennard, der für sein Werk schon mehrere Preise gewonnen hat und an der Universität von Birmingham Kurse in kreativem Schreiben anbietet. Er ist anwesend und führt in seine Texte ein. Mit Texten, die ihrerseits voller Wortspiele, Ironie und Humor sind.

Wenn der Schein sonnt, lautet der Titel

Die Teile des Musiktheaters sind parallel entstanden. Man hatte ein Thema, Luke Kennard schrieb einen Text dazu, während Johan Olsson, der alle Stücke komponiert hat, sich Musik dazu ausdachte. Schließlich führten die beiden die Ergebnisse zusammen. "When the Shine Suns" lautet der Titel des Programms, das bei Tempus fugit Premiere hatte, und weist auf die Wortspielereien hin. Übersetzt lautet der Titel: "Wenn der Schein sonnt". In einem Text bekennt einer: Immer wenn eines seiner Kinder etwas Kluges mache, denke er automatisch darüber nach, was er in einem Presseinterview sagen würde, wenn das Kind plötzlich sterben würde. Das steigert sich dann bis zu Phantasien, wie er im Supermarkt einen riesigen Truthahn auspacken und einer alten Frau über den Kopf stülpen würde.

Rasend schnell trägt ein Schauspieler vor: Er habe den Klimawandel verursacht, John F. Kennedy und Martin Luther King ermordet, Jesus ans Kreuz genagelt, das World-Trade-Center bombardiert und die Reichen reicher gemacht und endet mit der Bitte: "Könnt Ihr mich wenigstens hassen?" Während die Band spielt, wird ein Schauspieler immer nervöser, um sich schließlich zu beschweren: "Da ist eine Muskatnuss in meinem Cappuccino!" Verrücktes steht neben Tiefsinnigem, und die Texte sind durchzogen von einer Ironie, die alles in Frage stellt. Dazu eine Musik, die absolut auf der Höhe der Zeit ist, gespielt von einer großartigen Band. Bakkhos Puns ist ein absolut spannendes Projekt.