Kirchenbezirk Markgräflerland

Viele vakante evangelische Pfarrgemeinden – Hohe Mieten erschweren Suche

Kathrin Ganter

Von Kathrin Ganter

Fr, 30. März 2018 um 22:19 Uhr

Lörrach

Zwölf von 49 Pfarrgemeinden im evangelischen Kirchenbezirk Markgräflerland sind derzeit vakant. Hohe Mieten und Lebenshaltungskosten sowie der ländliche Raum erschweren die Besetzung.

Die Liste ist lang: Bad Bellingen/Hertingen, Blansingen-Kleinkems-Welmlingen, Hauingen, Lörrach-Friedensgmeinde, Lörrach-Salzertgemeinde, Rheinfelden-Paulus, Rötteln, Schönau, Weil-Friedlingen, Wittlingen-Schallbach, Wyhlen, Zell im Wiesental. All diese evangelischen Kirchengemeinden haben derzeit keine eigene Pfarrerin, keinen eigenen Pfarrer, sondern müssen sich mit Vertretungslösungen behelfen. Vier Pfarrerinnen und Pfarrer im Probedienst gibt es derzeit im Bezirk, was die Situation abmildert. In manchen Fällen wachsen sie in die Gemeinden hinein, bei Pfarrerin Martina Weber-Ernst in Hausen war es zum Beispiel so. Aktuell sieht es eher danach aus, als ob die jetzigen Probedienstler den Bezirk wieder verlassen werden.

Im Vergleich zu den anderen Bezirken der evangelischen Landeskirche Baden hat das Markgräflerland relativ viele Vakanzen. In Grund dafür ist, dass die "Eckregion" weit weg ist von Heidelberg und Karlsruhe, wo die angehenden Pfarrer Theologie studieren, sagt Dekanin Bärbel Schäfer. Oft binden sie sich dort, viele Partnerinnen und Partner arbeiten im pädagogischen Bereich, sind früher mit dem Studium fertig und haben schon Stellen. "Das ist ein klarer Standortnachteil für Lörrach", sagt Schäfer. Die Zeiten, in denen die Pfarrersfrau ihrem Mann an jede Stelle folgte, sind längst vorbei.

Der ländliche Raum ist für viele ein Hindernis

Hinzu kommen die hohen Lebensstandardkosten und die hohen Mieten. Die müssen auch Pfarrer bezahlen, die in Pfarrhäusern wohnen, sie richtet sich nach den ortsüblichen Preisen. Der ländliche Raum lockt außerdem nicht jeden. Wie ist die Infrastruktur? Gibt es Kitaplätze? Stimmt das kulturelle Angebot? "Auch in der Gemeindearbeit gibt es Unterschiede", erklärt die Dekanin, "Pfarrer im ländlichen Raum müssen viel mehr unterwegs sein und Gottesdienste in verschiedenen Orten abhalten. Das muss man schon wollen."

Generell sinkt die Zahl derer, die sich nach dem Studium zum Pfarrer ausbilden lassen. Den Sieben-Tage-Job mit der Familie zu vereinbaren sei nicht leicht, meint Bärbel Schäfer. Eine Stundenbegrenzung gibt es nicht, viele Termine finden abends statt. Eine Pfarrstelle erfordere viel Idealismus und hohes Selbstmanagement, koste viel Kraft. Das wollen sich viele junge Leute nicht mehr antun. Schäfer sieht jedoch in ihrer eigenen Laufbahn als Pfarrerin einen großen Vorteil: die flexiblen Arbeitszeiten ermöglichten ihr viel Zeit mit ihren Kindern.

Das Gemeindeleben erlahmt

Die Vakanzen haben großen Einfluss auf das Gemeindeleben. Pfarrer anderer Gemeinden übernehmen die Vakanzverwaltungen, sind bei den Sitzungen der Gemeindeorgane dabei, geben Religionsunterricht, kümmern sich um die Konfirmanden, halten Gottesdienste und Kasualien ab. Um alles andere aber, Gemeindegruppen und -kreise zum Beispiel, können sie sich nicht auch noch kümmern. Bärbel Schäfer nennt dies das Spielbein: "Und es ist schlecht, wenn das Spielbein erlahmt." Die Zahl der Gottesdienstbesucher nimmt ab, das Gemeindeleben erlahmt. Auch die Voraussetzungen für die Kirchenwahlen im kommenden Jahr seien schlecht. Die Dekanin berichtet, dass einige der Ältesten in den Gemeinden mit langen Vakanzen nicht mehr antreten möchten. Und ohne innovative Angebote seien die eher Distanzierten nicht zu locken. "Das ficht mich auch sehr an", sagt Schäfer, die der missionarischen Aufgabe eine hohe Bedeutung zumisst: "Wir dürfen uns nicht damit zufriedengeben, bestehende Gemeinschaften zu pflegen." Nicht zuletzt kann das fehlende Spielbein der entscheidende Impuls zum Austritt aus der Kirche sein.

Schwarzmalen will die Dekanin nicht

Die Dekanin möchte aber nicht schwarzmalen: "Es ist beachtlich, welches Gemeindeleben trotz der Umstände vielerorts noch gelebt wird." Es gebe sehr viele hochengagierte Ehrenamtliche, Pfarrer und Diakone: "Sie aller erbringen sehr viel Zusatzleistung."

Die Landessynode will mit neuen Kampagnen nun zusätzliche Studierende gewinnen. Bärbel Schäfer hofft, dass die Kirchenleitung die stark unterbesetzten Bezirke stärker unterstützt, auch finanziell. Der Bezirk wirbt um neue Pfarrerinnen und Pfarrer auf der Homepage und via Facebook. "Wir ermutigen die Gemeinden, aktiv auf die Leute zuzugehen", sagt Schäfer. Ausgeschrieben werden die Stellen offiziell über das Gesetzes- und Verordnungsblatt – auch mehrfach. Aber je häufiger eine Stelle ausgeschrieben wird, umso weniger attraktiv scheint sie für Bewerber zu werden.

Die Zukunft wird mehr Flexibilität und neue Ideen erfordern, sagt Schäfer. Mit der Zahl der Kirchenmitglieder werden die Einnahmen durch die Kirchensteuer sinken und es weniger Pfarrstellen geben. Auch dadurch sind Diskussionen, wie das Berufsbild definiert wird, unumgänglich. "Ich hoffe, dass wir gute Ideen entwickeln, wie die Arbeit erleichtert und das Spielbein wieder aktiviert werden kann." Und sie hofft, dass die Gemeinden untereinander sich nicht als Konkurrenz, sondern als Solidargemeinschaft begreifen, sich gegenseitig stärken und neue Kraftquellen entdecken.