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24. März 2015

Von Flucht und Kirchenasyl zur Promotion

Die ermutigende Geschichte von Fabriona Murad in der Reihe "Fairnetzt"/Appell an Menschen in Behörden, Ermessensspielräume zugunsten der Flüchtlinge zu nutzen.

  1. Fabronia Murad Foto: Martina David-Wenk

LÖRRACH. Die Veranstaltung im vollbesetzten Nellie Nashorn hätte aktueller nicht sein können, obwohl die Geschichte von Fabronia Murad bereits vor 15 Jahren ihren Anfang nahm. Aktuell wird wieder einmal über Kirchenasyl diskutiert – Fabronia Murad kennt es. Sie lebte 2006 ein halbes Jahr lang in den Räumen der katholischen Pfarrgemeinde St. Josef in Rheinfelden. Heute arbeitet sie in Tübingen an ihrer Promotion im Fach Biochemie und ist endlich im Besitz der unbeschränkten Aufenthaltsgenehmigung.

Die junge Frau sitzt in dieser Veranstaltung im Rahmen der Reihe "Fairnetzt" zwischen Herwig Popken vom Freundeskreis Asyl aus Rheinfelden, Mitorganisator der Veranstaltung, und Pfarrer Jörg Hinderer von der evangelischen Erwachsenenbildung Hochrhein-Markgräflerland. Schnell ist die Trennung zwischen Podium und Zuhörern aufgehoben. Die Geschichte der jungen Frau und ihrer Familie berührt die Menschen im Nellie Nashorn, sie stellen immer wieder Fragen, können es nicht glauben, was die Familie in den letzten Jahren durchgemacht hat, vor allem mit welchem Unverständnis die Behörden darauf reagierten. 13 Jahre alt war Fabronia Murad, als sie 1999 mit ihrer Mutter und ihren beiden Brüdern über die Türkei mit falschen Pässen nach Deutschland kam. Der Vater wollte nicht für den syrischen Geheimdienst arbeiten und floh vor Verfolgung. Kein Asylgrund für die Behörden damals, der Antrag wurde als unglaubwürdig abgelehnt.

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"Es war auch schön im Asylbewerberheim," sagt sie. Wer das Heim in Rheinfelden kennt, will es nicht recht glauben. Mit drei weiteren Familien musste sich Familie Murad eine Wohnung teilen, ab halb acht abends haben sie sich aus Angst in ihrem Zimmer eingeschlossen. In der Schule hat sie niemandem erzählt, wo sie wohnt. Und doch hat sie dort Freunde gefunden und die Menschen haben sie willkommen geheißen. "Wenn Landrätin Marion Dammann von einer Willkommenskultur am Neujahrsempfang spricht, dann sollten sich das ihre Beamten und Angestellten zu Herzen nehmen", sagt Herwig Popken aus Rheinfelden.

Zufällig erfuhr die Familie von ihrer drohenden Abschiebung kurz vor Weihnachten 2005. Sie tauchte unter, lebte bei verschiedenen Freunden, dann ein halbes Jahr in den Räumen der katholischen Pfarrgemeinde St. Josef in Rheinfelden. Zu der Zeit gab es in Kirchen 30 Fälle von Kirchenasyl, heute sind es 400, erwähnt Moderator Jörg Hinderer. Die Kirchen geben Asyl, wenn eine weitere Prüfung zu einem anderen Ergebnis kommen könnte. Erfolgsaussichten müssen also bestehen.

Fabronia war mittlerweile über 18, auch sie hätte abgeschoben werden können, Doch die Stadt Rheinfelden erlaubte ihr, zur Schule zu gehen, sie stand vor dem Abitur, das wollten ihr die Behörden ermöglichen. Die wohl mit 738 Tagen am längsten andauernde Mahnwache Deutschlands, so Jörg Hinderer, hatte Erfolg, die Familie durfte 2007 wieder ins Asylbewerberheim einziehen.

"Die Gesetze sind mittlerweile gar nicht so schlecht, nur die Menschen auf den Ämtern sollten ihren Ermessenspielraum zugunsten der Asylbewerber nutzen." Herwig Popken, früher Leiter der staatlichen Gemeinschaftsunterkunft für Asyl in Rheinfelden, appelliert an die Menschen in Behörden. Er schlägt eine Art Patenschaft vor. Deutsche könnten Asylbewerber auf ihren Ämtergängen begleiten, der Umgang sei merklich anders.

Großer Beifall brandet auf, als Fabronia ihren schulischen Werdegang schildert, von der Werkrealschule über das Berufskolleg, Abitur, zum Studium aus der Ferne in Basel bis zur Doktorandin in Tübingen.

Man hört gerne Erfolgsgeschichten in diesen Tagen. Sie machen Mut, weiterzumachen.

Autor: dw