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29. Juni 2017

Zeichensprache hilft im Sprachendschungel

Elsässischer Abend mit dem Dichter Pierre Kretz im Dreiländermuseum / Ein Blick über die Deutsch-Französische Grenze.

  1. Der Elsässer Pierre Kretz versteht die Badener in der Regel sehr gut, sagt er. Foto: Daniel Scholaster

LÖRRACH. Das Elsass und Baden haben viele Gemeinsamkeiten – eine davon ist der in beiden Regionen gesprochene alemannische Dialekt. Der wahrscheinlich bekannteste alemannische Dichter und Schriftsteller war Johann Peter Hebel. Doch es gab und gibt auch im Elsass eine reiche Mundartliteratur. Einer ihrer wichtigsten zeitgenössischen Vertreter ist Pierre Kretz. Am Sonntagabend stellte er im Dreiländermuseum einige seiner Texte vor. Hierzu eingeladen hatte ihn der Hebelbund Lörrach.

Alemannisch hat viele Varianten

Vorweg musste der aus dem elsässischen Schlettstadt stammende Schriftsteller Pierre Kretz einige Worte zu seiner eigenen Mundart sagen. Es gibt nicht nur den einen alemannischen Dialekt, sondern eine Vielzahl von Varianten. Selbst innerhalb des Elsass würden mehrere unterschiedliche Ausprägungen des Alemannischen gesprochen. Das Lothringer Deutsch wiederum sei gar kein Alemannisch, sondern ein fränkischer Dialekt.

Er selbst könne die Badener in der Regel sehr gut verstehen. Allerdings fallen ihm doch immer wieder Unterschiede zu seiner eigenen Mundart auf. Grundsätzlich gehe der Anteil derjenigen, die noch einen richtigen Dialekt sprechen, in vielen Ländern zurück. Die Hochsprachen seien auf dem Vormarsch. Was sich aber in der Regel noch hielte, sei der sogenannte "Regiolekt". Wer diesen spreche, verwende zwar die Hochsprachen, Aussprache und Betonung ließen aber erkennen, woher er stamme.

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Das Elsass hat eine sehr bewegte Geschichte. Bis ins 17. Jahrhundert hinein gehörte es zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Dann wurde es von den Truppen Ludwigs XIV. erobert. Knapp 200 Jahre später wechselte es erneut den Besitzer und wurde dem neu gegründeten Deutschen Reich angeschlossen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es wieder französisch. Im Jahr 1940 marschierte dann die Wehrmacht ein, und das Elsass wurde mit dem badischen Gau zusammengeschlossen. Seit Kriegsende gehört es wieder zu Frankreich.

Kulturelle Zugehörigkeit der Elsässer war ambivalent

Nach jedem Besitzwechsel blieb die kulturelle Zugehörigkeit der Elsässer ambivalent. Auch heute noch ergibt sich die paradoxe Situation, dass viele Elsässer sowohl eine romanische Hochsprache (Französisch) als auch eine germanische Mundart (Elsässisch bzw. Elsässerdeutsch) sprechen.

Mit dieser kulturellen Besonderheit des Elsass beschäftigt sich Pierre Kretz in seinen Texten. Dabei ist er als Elsässer persönlich betroffen. Sein Großvater sei zur Kaiserzeit im Elsass aufgewachsen und habe zeitlebens nie richtig Französisch sprechen können. Kretz’ Eltern und er selbst hingegen seien schon mit beiden Sprachen groß geworden. Sein Roman "Der Seelenhüter", der im Jahr 2012 auf Deutsch erschienen ist, handelt von einem Elsässer, dessen Familiengeschichte die wechselvolle Vergangenheit des Elsass widerspiegelt.

Dieser schildert, wie die französische Regierung nach 1918 versuchte, im Elsass das Französische als einzige Sprache durchzusetzen. Da es keine elsässischen Lehrer mehr gab, die gut Französisch sprechen konnten, mussten eigens welche aus anderen Teilen Frankreichs geholt werden.

Das Problem war aber, dass diese wiederum kein Deutsch bzw. Elsässerdeutsch verstanden und so nur schwer mit den Schülern kommunizieren konnten. Im Roman findet der aus Marseille stammende Pädagoge am Ende eine simple Lösung: Er verständigt sich mit seinen Schülern in Zeichensprache.

Autor: Daniel Scholaster