Aus der Seifenkiste ins Sparmobil

Hagen Schönherr

Von Hagen Schönherr

Sa, 21. August 2010

Kenzingen

Die Hecklinger Studentin Sabine Binninger ist Testpilotin für einen Weltrekordversuch mit dem "Schluckspecht".

KENZINGEN-HECKLINGEN. Im September will die Hecklinger Studentin Sabine Binninger im Rahmen der südafrikanischen "Solar-Challenge" den Weltrekord im Kilometerfressen mit einer einzigen Batteriefüllung des E-Mobils "Schluckspecht City" von der Hochschule Offenburg knacken. Was sie dafür qualifiziert? Sie ist Seifenkisten-Expertin.

Der Werdegang von Sabine Binninger in Schule und Studium entspricht wohl der Vorstellung der Bildungsminister, die dafür plädieren, dass sich noch mehr Frauen für klassische Männerberufe interessieren sollen. Doch der 23-jährigen Mechatronik-Studentin aus Hecklingen liegen solche Überlegungen eher fern. Sie hatte sich ohnehin von Kindesbeinen an in das Fahren aller möglichen vierrädrigen Kisten verliebt: "Ich bin 15 Jahre lang Seifenkistenrennen gefahren", sagt die rennbegeisterte junge Frau, die mit sieben Jahren das erste Mal in einem solchen Gefährt saß.

Damals war es noch eine geschenkte Rappelkiste, die sie sich mit ihrem Bruder teilen musste. Erst später gab es eine eigene. Und nachdem ein gebrochenes Bodenbrett für einen saftigen Abflug von der Piste sorgte, hatte Binninger erstmal solchen Bammel vor dem Fahren, dass sie die Kistenrennen fast sein gelassen hätte. Zum Glück war der Mut stärker und Jahre später setzt sie sich wieder ans Steuer.

Mit Erfolg: Die Deutsche Meisterschaft in der Seifenkisten "Formel-X" hat Binninger später als Dritte beendet und Erfahrungen auf Landes- und Bundesrennen gesammelt. Und längst stehen in der Garage der Familie – natürlich mit Erlaubnis des ebenso rennbegeisterten Vaters – zwei Go-Karts für den Nachwuchs bereit.

Es war irgendwie klar, dass Sabine Binninger auch im Studium in Offenburg nicht vom Fahren lassen würde. Nachdem die Studentin vom Fach Maschinenbau zur Mechatronik wechselte – so nennt sich die moderne Automechanik – lernte sie eines Tages die zweite Fahrerin des sogenannten "Schluckspechts" kennen. Die Fahrzeuge, es gibt verschiedene Prototypen, mit den verkehrten Namen sind Prestige-Objekte der Hochschule Offenburg zur Erforschung möglichst energiesparender und effizienter Antriebe. 2008 fehlte gerade eine Fahrerin für den "Schluckspecht III", ein von Brennstoffzellen angetriebenes Mobil. Da war Sabine Binningers Stunde gekommen: "Ich habe mich vorgestellt, bin reingesessen und habe reingepasst", so die Studentin zu ihrem knappen Vorstellungsgespräch.

Geholfen hat bestimmt die Seifenkisten-Erfahrung. Die Mobile der Hochschule sind nämlich Spar-Weltmeister, doch Komfort wird sehr klein geschrieben. Enge Sitze, knapper Platz – das kannte Binninger irgendwoher und es konnte sie nicht abschrecken. Seit 2008 gehören Probefahrten mit den Schluckspecht-Mobilen, die die Hochschule in einem 15-köpfigen Team entwickelt, zu Binningers Studienalltag.

Die Fahrten mit den Mobilen – das neueste Modell ist der "Schluckspecht City E" mit zwei elektrischen Radnabenmotoren und einem Haufen Laptopbatterien als Energiespeicher – wäre jedoch nur halb so spannend, wenn es nicht auch etwas zu beweisen gäbe. Aktuell hält nämlich ein japanisches Elektrofahrzeug den offiziellen Streckenrekord, ohne ein einziges Mal die Batterie aufzuladen. 1003 Kilometer haben die Japaner mit ihrem E-Mobil geschafft, ehe der Akku ausgesaugt war. Diesen Rekord will Binninger jetzt mit ihrem Team schlagen. "Das schaffen wir auch", sagt sie, als sie den ambitionierten Zeitplan erklärt. Im September wird das Team mit zwei Begleitfahrzeugen nach Südafrika fahren. Ziel ist die Strecke des "Solar-Challenge-Cups", ein internationaler Wettbewerb, eigentlich für Solarfahrzeuge. "Wir haben erreicht, dass wir außer Konkurrenz mitfahren dürfen", erklärt die E-Pilotin. Um knapp 200 Kilometer wollen die Offenburger den japanischen Rekord verbessern.

Bis zum Rekordversuch wird nun noch einiges an Arbeit anstehen, bis der Schluckspecht tauglich ist. In den nächsten Wochen steht ein 24-Stunden-Testprogramm auf der Agenda von Team und Pilotin, in dem herausgefunden werden soll, wie sich der gerade einmal 5 PS starke und 160 Kilo schwere Wagen am energiesparendsten fahren lässt.