Malerische Verwandlung von Fotografie

Helmut Rothermel

Von Helmut Rothermel

Mi, 08. Juni 2016

Waldkirch

Ausstellung von Eva Rosenstiel im Georg-Scholz-Haus.

WALDKIRCH. Im Georg-Scholz-Haus ist ab 12. Juni eine Ausstellung von Werken der Freiburger Künstlerin Eva Rosenstiel mit dem Titel "Und jetzt" zu sehen. Vor diesen Titel könnte man auch ein "Früher" setzen, denn gezeigt werden Arbeiten, die im Lauf von mehr als zwei Jahrzehnten entstanden sind. Bei aller Vielfalt der Motive und Techniken haben sie eines gemeinsam: Ausgangspunkt sind Papierabzüge selbstgeschossener und digital nicht weiterbearbeiteter Fotos.

Die Abzüge haben meist das "Paradiesformat" von 10 mal 15 Zentimetern. Der Begriff stammt aus der Werbung einer Drogeriekette. Möglich, dass dem Kunden suggeriert werden sollte, dass gegenüber den kleineren und billigeren 9-mal-13-Bildern das größere Format besonders geeignet sei zur Abbildung von Urlaubs- und Gartenparadiesen oder Familienidyllen. Die Fotos bilden jedenfalls das Rohmaterial für die malerische oder zeichnerische Weiterbearbeitung, bei der Rosenstiel etwas gänzlich Neues schafft.

Ihre Fotos entstehen eher "en passant", zeigen Alltägliches, Unspektakuläres eher zufällig, bannen das beim Wandern in der Natur oder Flanieren in der Stadt so nebenbei Gesehene. Bedeutung erlangt dieses Material erst später. Im Prozess des Weitermalens, schreibt die Kunsthistorikerin Nicoletta Torcelli, "setzt die Künstlerin Akzente, indem sie jede Fotografie mit einer individuellen Struktur aus Punkten, Strichen, Linien und Kreisen überzieht". Die Inspiration komme dabei stets aus dem Bild selbst. Einzelne Details, seien es Blumen, Lampen, Gitter oder anderes können als "Initialzündung" wirken. Diese Details werden dann auf dem Foto immer wieder malerisch reproduziert, vervielfältigt. Als Muster mit Eigenleben überziehen sie die Bildfläche." Manchmal ist auf dem fertigen Werk deutlich erkennbar, was Fotografie, was hinzugefügte Malerei ist. Oft aber verschränken sich gemalte und fotografierte Bildelemente und sind nur noch bei eingehender Betrachtung zu unterscheiden.

Auch nimmt Rosenstiel diese fotografiert-gemalten Werke als Grundlage für großformatige reine Ölbilder, welche die Vorlage transformieren und malerisch weiterentwickeln. Ursprünglich fotografierte Gegenstände können dann reduziert auf Farben, Striche und Linien sein. Im Extremfall hat sich das Bild völlig von der fotografischen Vorlage emanzipiert.

Neben das ergänzende oder auch ersetzende "Dazumalen" tritt als weitere Technik die Aufnahme manipulierter Fotomotive. Einzelne Bildpartien werden dabei vor der Ablichtung abgedeckt, von einer Pflanze sind etwa nur die Blüten zu sehen, der Rest ist verborgen. Besonders bei der vergrößernden Bearbeitung zu Gemälden entstehen dann eigentümlich schwebende Kompositionen vor monochromem Hintergrund.

Originell sind die Spiegelfotografien, die das Prinzip der Übermalung quasi umdrehen. Dabei wird ein Spiegel mit Farbpunkten bemalt. Dann wird seitlich in ihn hineinfotografiert, so dass das Motiv hinter dem Fotografen im Spiegel abgelichtet wird und in Verbindung mit den farbigen Punkten tritt. Eine wahrlich verwirrende, nicht leicht zu durchschauende Zusammensetzung, die dem gewöhnlichen Begriff von Realität Hohn spottet.

Im Lauf der Jahre hat Rosenstiel ein riesiges Archiv mit Tausenden von "Paradiesbildern" zusammengestellt, auf das sie "googelnd" zurückgreift. Dabei entstehen das Ausgangsbild abwandelnde und ergänzende Serien. Auch für die Waldkircher Ausstellung hat Rosenstiel aus ihrem riesigen Fundus meist großformatige Bilder, vor allem von Stoffen, Pflanzen und Schmuck, ausgewählt, die sich immer wieder aufeinander beziehen.

Eva Rosenstiel wurde 1951 in Hüfingen geboren. Nach Abitur und Aufenthalten in USA und Kanada absolvierte sie ein Textildesign-Studium in Reutlingen. Es folgte ein Studium der Kunstgeschichte und der Kunst, letzteres bei Prof. Peter Dreher in Freiburg. Seit 1985 stellt sie ihre Werke aus, 2009 erhielt sie ein Stipendium des Landes Baden-Württemberg für die Cité Internationale des Arts in Paris.

Info: Die Vernissage im Georg-Scholz-Haus Waldkirch, Merklinstraße 19, findet am Sonntag, 12. Mai, um 11 Uhr statt. Die Kunsthistorikerin Nicoletta Torcelli wird dabei in das Werk einführen, die musikalische Umrahmung gestaltet die Pianistin Ellen Förster aus Kenzingen. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm, die Finissage ist am 17. Juli ab 11 Uhr. Das Georg-Scholz-Haus ist freitags und samstags von 15 bis 18 Uhr sowie sonn- und feiertags von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Mehr Infos unter http://www.georg-scholz-haus.de