"Eine neue Struktur der Pflege"

Valérie Pin

Von Valérie Pin

Sa, 07. November 2009

March

Das Pflegeheim March zieht neun Monate nach seiner Eröffnung eine erste Bilanz / Tagesabläufe sind nicht mehr starr festgelegt

MARCH. Am 17. Februar nahm das neu gebaute Senioren-Pflegeheim in March seinen Betrieb auf. Jetzt, nur neun Monate später, sind alle drei Stationen schon voll belegt, es gibt bereits Wartelisten. "Wir werden mit Anfragen bombardiert", sagt Theo Lucaßen. Der Heimleiter zieht eine positive Bilanz nach dem Ende der Startphase.

"Ich bin froh, hier arbeiten zu dürfen" sagt Marianne Hartung. Die Altenpflegerin betreut auf der Station "Kaiserstuhl" pflegebedürftige Senioren. Sie ist eine von rund 50 Pflegekräften, die in den insgesamt drei Stationen arbeiten. Sie gehört zu den erfahrenen Kräften, die zuvor schon in anderen Häusern gearbeitet hatten. Es arbeiten aber auch viele Berufsanfänger im Team. Denn, so betont Heimleiter Lucaßen, man wolle bewusst eine eigene, neue Pflegestruktur entwickeln und nicht eingefahrene Muster weiterführen. Dies ist auch die Absicht des DRK-Kreisverbands Freiburg, betont dessen Sprecherin Ursula Schneider. Denn für das Freiburger Rote Kreuz ist es das erste Pflegeheim, das man in eigener Regie betreibt.

Der Heimleiter hat bereits in mehreren Heimen gearbeitet und weiß, was man vermeiden muss und wie man aus Fehlern lernt. Das fängt schon mit der Architektur des vom Bauverein Breisgau errichteten Gebäudes an. Man wollte eine offene Atmosphäre schaffen, damit sich die Senioren wohl fühlen und auch die Angehörigen nicht das Gefühl haben, ihre Verwandten abzuschieben. Doch auch die Struktur im Alltag ist im Vergleich zu anderen, älteren Heimen sehr offen. Um für jeden Heimbewohner ein Minimum an Individualität beizubehalten, kann jeder in gewissem Maß selbst bestimmen wie sein Alltag aussehen soll. Beispielsweise wurde ein Zeitkorridor für das Frühstück geschaffen, so dass jeder Bewohner selbst bestimmen kann, wann er frühstücken möchte, sei er Frühaufsteher oder Langschläfer, erklärte Wiebke Fischer, die stellvertretende Pflegedienstleiterin.

Durch Veränderungen im Konzept zu einem besseren Ergebnis kommen
Eine krankenhausartige Atmosphäre mit auf die Minute genau geplantem Tagesablauf soll in dem freundlichen Heim nicht entstehen. Und obwohl einige der Rentner eigentlich bettlägerig sind, versucht das Personal beispielsweise durch Rollstühle ein wenig Mobilität zu bewahren. Die insgesamt drei Stationen werden auf die Bedürfnisse ihrer Bewohner zugeschnitten, der Wohnbereich "Tuniberg" zum Beispiel ist speziell für die Demenzkranken eingerichtet.

Zeitvertreibe bietet die Beschäftigungstherapeutin des Heimes an, eine speziell ausgebildete, festangestellte Fachkraft, die sich um die Abwechslung im Leben der Senioren kümmert. Kerstin August führt aber auch Einzeltherapiegespräche, oder versucht in Kleinstgruppen natürliche Aggressionen und Differenzen innerhalb der Gemeinschaft zu bewältigen.

Bis zum jetzigen Zeitpunkt hatten die Senioren noch wenig Kontakt zu Vereinen oder Gruppen aus March. Solche Begegnungen waren wegen Zeitmangels noch nicht möglich, sind aber in Planung. Das zwischen dem Heim und den betreuten Seniorenwohnungen liegende Café "Vis à Vis" bietet Platz auch für die Heimbewohner, um dort Zeit mit ihren Besuchern zu verbringen.

Das Heim wird selbst von seinen Bewohnern gelobt, wie auch von Frau J., der ersten eingezogenen Bewohnerin. Sie hat auch schon in einem anderen Heim gelebt. "Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht" lobt sie die offene Atmosphäre. Sie war früher bettlägerig, doch im Heim, so erzählt sie "sagten sie zu mir, dass sie mich wieder auf die Beine bringen wollen". Und das ist gelungen, sie kann nun mit einem Gehwagen laufen. Selbst das Essen sei vorzüglich, meint sie. Das Heim berücksichtige Vorschläge der Bewohner, die auch gerne gegeben werden, versichert Heimleiter Lucaßen.

67 Plätze gibt es insgesamt im Marcher Heim, die schon nach drei Monaten zu über 80 Prozent belegt waren. Prinzipiell besitzen die Gemeinde March und Mitglieder des Bauvereins Breisgau das Vorzugsrecht, jedoch müsse man das Auswahlverfahren der jeweiligen Priorität des Anwärters anpassen. "Wer dringend einen Pflegeplatz braucht, der bekommt ihn auch" erklärt Lucaßen. Denn durch geringere Verweildauer in den Krankenhäusern werden Pflegebedürftige früher entlassen. In der Anlage gibt es vier Kurzzeitpflegeplätze, aber keine Tagespflegeplätze. "Die Kunst ist es, genug Arbeitskräfte für Zeiten der Belastung zu haben, die man nicht entlassen muss, wenn diese Phase abebbt." In der gesamten Anlage arbeiten rund 80 Kräfte und abgesehen von einer Wäscherei beschäftigt das Heim keine fremden Firmen. Es wird auch ausgebildet, zurzeit gibt es im Pflegeheim fünf Azubis, 10 Ausbildungsplätze sind Ziel der Leitung. In diesem Punkt will man mit der Edith-Stein-Schule in Freiburg kooperieren. Für die Zukunft plant das Pflegeheim die Einbindung von ehrenamtlichen Helfern. Für die benachbarten betreuten Seniorenwohnungen wird seit Anfang November schon ein Mittagessen angeboten. Im kommenden Jahr soll dies zu einem offenen Mittagstisch im Café Vis à Vis ausgebaut werden.