"Heute geht’s mir richtig gut – sonst einigermaßen"

Julius Steckmeister

Von Julius Steckmeister

Do, 20. April 2017

March

Karl Rawer aus March feiert seinen 104. Geburtstag / Er geht oft spazieren, liest viel, erledigt seine Post und singt gerne.

MARCH. Im Hause Rawer in der Hugstetter Herrenstraße gaben sich am gestrigen Mittwoch zahlreiche Gäste die Klinke in die Hand: Hausherr Karl Rawer, Weltraumforscher und ehemaliger Leiter des Breisacher Ionosphäreninstituts und später des Freiburger Fraunhofer-Instituts für physikalische Weltraumforschung, hatte zu seinem Geburtstag eingeladen, dem einhundertvierten. Im Kreise seiner Familie und etlicher ehemaliger Mitarbeiter und Weggefährten ließ der Jubilar ein langes Leben Revue passieren.

Am 19. April 1913 wurde Karl Rawer in Neunkirchen im Saarland geboren. Er studierte zunächst Mathematik in Freiburg, dann Physik in München, wo er auch promovierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Spezialist für Nachrichtenübertragung und Pionier der Kurzwellentechnik vom Physiker Yves-André Rocard in das vom Französischen Militär im Schloss Neuershausen untergebrachte S.P.I.M. (Service de Prévision Ionosphérique de la Marine), geholt, das Rawer zehn Jahre lang leitete. Danach wechselte er ans Breisacher Ionosphäreninstitut und baute schließlich das Freiburger Fraunhofer-Institut für physikalische Weltraumforschung auf, dem er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1980 vorstand. Während sein wissenschaftliches Wirken und Forschen ihn auch nach seiner Pensionierung noch weit herumkommen ließ, blieb Karl Rawer, der 1952 von Neuershausen nach Hugstetten zog, wo er bis heute lebt, March treu. Viele seiner internationalen Kontakte blieben jedoch bestehen. Bis vor zwei Jahren pflegte Rawer diese auch noch via Internet. Inzwischen gehen ihm, der geistig ansonsten noch absolut fit ist, die "vielen Schritte" doch ein wenig zu schnell. Die analoge Post allerdings erledigt der Physiker bis heute selbst. Auch die zahllosen Geburtstagsgrüße werden beantwortet werden, verspricht Rawers Tochter Hedwig.

Um das Geheimnis des Rawerschen Jungbrunnens zu erforschen, aber natürlich auch um Geburtstagsgrüße im Namen der Gemeinde March sowie von Landrätin Dorothea Störr-Ritter zu überbringen, hatten sich auch Bürgermeister Helmut Mursa und Ortsvorsteher August Wangler auf den Weg gemacht. Zu Sekt und Häppchen gab es Anekdoten. Nein, Sport treibt Karl Rawer keinen, aber wenn das Wetter mitmacht, geht er noch immer täglich zweimal spazieren. Und Gartenarbeit habe er stets geliebt. Was alle bis heute zusammenhält – alle sind Rawers sieben Kinder und mittlerweile weit über 30 Enkel und Urenkel – sei das Singen. Auf womöglich dann mitsingende Ururenkel wartet der Jubilar hingegen noch. Am Telefon gratuliert gerade ein ehemaliger Mitarbeiter, der auch bei Karl Rawer studiert hat. Als Leiter des Fraunhofer-Institutes sei Rawer ein Patriarch gewesen, aber, wie es das Wort schon sagt, eben auch ein Vater – und auch diese "Familie" ist nach wie vor anhänglich.

Zweimal im Monat ist Karl Rawer zu Gast im benachbarten Gottenheim. Hier lebt seine ehemalige Sekretärin Hilde Winter, die den Chef bis heute alle 14 Tage zum Essen einlädt. "Sie kocht gut, und das weiß sie auch", sagt Karl Rawer und lächelt verschmitzt. Nach seinen Wünschen gefragt, hat er nur einen: Dass seine Frau Waltraut, die im Jahre 2006 verstorben ist, wieder bei ihm sein könnte. Langweilig allerdings ist es dem Pensionär auch als Witwer nicht geworden. Noch bis vor wenigen Jahren hat Rawer mit den Kindern Flugreisen unternommen und sich auch in seiner Heimatgemeinde engagiert. Vor allem der Jugendclub March, dessen Vorsitzender er bis ins hohe Alter war, war ihm ein großes Anliegen gewesen.

Wenn man Karl Rawer fragt, wie es ihm geht, hört man nie ein Jammern und meist ein "einigermaßen", erzählen seine Kinder unisono. "Heute aber geht’s mir richtig gut", ergänzt der Jubilar.