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26. Januar 2016 20:21 Uhr

Hasskommentare

Medienwissenschaftler: "Es regiert stets ein Potential von Rechtsextremismus"

Rassistische Posts und Hasskommentare: Auf Facebook herrscht ein rauer Ton, vor allem beim Thema Flüchtlinge. Woher das kommt, erklärt Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.

  1. Auf Facebook häufen sich Hasskommentare und Äußerungen rassistischer Natur. Foto: dpa

  2. Bernhard Pörksen Foto: BERND BRUNDERT

BZ: In den sozialen Netzwerken schlagen sich die Leute hasserfüllte Kommentare um die Ohren. Kann man von Hysterie sprechen?
Pörksen: Zweifellos erleben wir, dass sich die Debatten im Moment polarisieren. Und es regiert – spätestens nach der Silvesternacht und den Übergriffen und Attacken in Köln und anderen Städten – ein Extremismus der Erregung in den sozialen Netzwerken.

BZ: Was haben Sie beobachtet?
Pörksen: Die Verbalattacken gegenüber Flüchtlingen, Politikern und auch Journalisten gewinnen an Schärfe. Gerüchte diffundieren durch das Netz, mitunter auch vollkommen frei erfundene Geschichten, die von Verbrechen und Vergewaltigungen handeln und die trotz des offensiven Dementis der Polizei geglaubt werden. Letztlich zeigt sich hier eine tiefe Vertrauenskrise und die Entstehung einer publizistischen Sphäre, die man als Parallelöffentlichkeit bezeichnen könnte.

"Gerüchte diffundieren durch das Netz, mitunter auch vollkommen frei erfundene Geschichten."

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BZ: Es scheint, als sei den Kommentatoren Respekt komplett verloren gegangen.
Pörksen: Bei aller Sorge um den Zustand der öffentlichen Debatte und das aktuelle Diskursklima: Ich bin letztlich der Auffassung, dass wir in einer Übergangszeit leben, in einer Phase der mentalen Pubertät im Umgang mit den neuen Medien. Und auf einmal ist jeder zum Sender geworden, aber eigentlich nicht wirklich auf diese neue Rolle und die mit ihr verbundene Verantwortung vorbereitet. In dieser Situation liegt ein gigantischer, gesellschaftlich noch überhaupt nicht begriffener Bildungsauftrag, der sich nicht durch ein paar mickrige Schulstunden und Seminare zur Medienkompetenz entsorgen lässt.

BZ: Vor allem in der Flüchtlingsdebatte häufen sich rassistische Äußerungen und die Seitenverantwortlichen bei Facebook können diese kaum noch unter Kontrolle halten. Wie kommt dieser geballte Hass gegen Flüchtlinge zustande?
Pörksen: Es gibt aus meiner Sicht drei Gründe. Zum einen existiert in diesem Land stets ein Potenzial von Rechtsradikalismus und man kann inzwischen europaweit das Wiederaufflammen des Nationalismus und des Rechtsradikalismus beobachten. Zum anderen liegen die medialen Werkzeuge, um im Extremfall ein Großpublikum mit den eigenen Propagandaeinfällen zu beeinflussen und sich zu neuen, immer schärfer formulierenden Wutgemeinschaften zusammen zu finden, in den Händen aller.

"Wir leben in einer Phase der mentalen Pubertät im Umgang mit den neuen Medien."
BZ: Und der dritte Grund?
Pörksen: Drittens haben diejenigen, die die gegenwärtige Flüchtlingspolitik ablehnen, keine offizielle, keine im seriösen Parteiengefüge organisierte Heimat mehr. Die CDU vermag, trotz aller Ausschläge ihrer Schwesterpartei CSU, die Ränder nicht mehr, wie noch in früheren Jahrzehnten, zu integrieren. Das mag man bedauern oder begrüßen, aber es treibt die Unzufriedenen in eine extremere Richtung.

BZ: Es gibt Hasskommentare von rechten Aktivisten – aber auch von Leuten, von denen man fremdenfeindliche Äußerungen nie erwartet hätte. Warum "trauen" sich diese Leute plötzlich?
Pörksen: Es gibt meines Wissens keine Studie, die zeigt, dass sich nun zunehmend Menschen aus dem Dunkel der Anonymität heraus trauen und platten Rassismus zu verbreiten. Und doch teile ich Ihre Beobachtung.

BZ: Haben Sie eine Vermutung, was dahintersteckt?
Pörksen: Extreme politische Ansichten werden traditionell aus einer gewissen Isolationsfurcht heraus zurück gehalten. Die womöglich angewiderten Reaktionen und die skeptischen Blicke, die man sich im Blick auf sein Publikum vorstellt, wirken als eine Art Filter der Selbstregulation. Meine Beobachtung ist, dass die Netzöffentlichkeit die allgemein menschliche Isolationsfurcht senkt, weil man auf einmal überall Gleichgesinnte entdeckt. Das bedeutet: die Mehrheitsillusionen der Vernetzten könnten enthemmend wirken.

"Die Netzöffentlichkeit senkt die allgemein menschliche Isolationsfurcht."
BZ: Wie reagiert man am besten, wenn einem ein Hasskommentar auffällt oder sich dieser sogar gegen die eigene Person richtet? Gespräch suchen, gegenargumentieren, zurückschimpfen?
Pörksen: Es gibt kein Patentrezept für die angemessene Kommunikation, weil angemessene Kommunikation immer stimmig sein muss: Sie braucht die Passung zur eigenen Person und zur besonderen Situation, den je individuellen Herausforderungen. Mal kann es richtig sein, das Gespräch zu suchen. Und manche Drohung wird einen vermutlich dazu bringen, sie bei Facebook zu melden oder aber die Polizei zu informieren.

BZ: Wenn eine Redaktion fremdenfeindliche Kommentare löscht, wird ihr Zensur vorgeworfen. Tut sie es nicht, wird sie als Handlanger der rechten Szene abgestempelt. Gibt es einen richtigen Weg?
Pörksen: Zunächst muss man sich klar machen, dass der Zensurvorwurf schlicht falsch ist. Wer sich weigert, sein Medium für fremdenfeindliche Parolen zu öffnen, der betreibt keine Zensur, sondern setzt seine redaktionellen Richtlinien um. Das ist legitim. Aber ganz grundsätzlich geht es von journalistischer Seite in diesen erregten Zeiten um den differenzierten Dialog mit dem Publikum – eine Gleichzeitigkeit von Klarheit, Gesprächs- und manchmal auch Konfliktbereitschaft. Man wird nicht mit allen reden können. Und man sollte sich gegen Hasspropaganda positionieren. Aber man muss auch davor warnen, die Stimmen aus dem Netz pauschal abzuwerten.

"Es gibt kein Patentrezept für die angemessene Kommunikation."
BZ: Der Blogger und Journalist Sascha Lobo spricht davon, dass laut einer Studie die Social-Media-Nutzer in Deutschland weniger gebildet seien als der Durchschnitt. Würden Sie das unterschreiben?
Pörksen: Ich bin für die scharfe, präzise Abgrenzung, aber gegen die pauschale Etikettierung. Und es soll auch Oberstudienräte geben, die mit vollem Namen orthographisch korrekte, aber schlicht unsägliche Hasspost versenden. Aber ich teile die implizite Annahme, die Lobos Argumentation zugrunde liegt: die jetzige Debattensituation zeigt ein Bildungsdefizit, das noch nicht verstanden ist.

BZ: Wie geht es Ihrer Meinung nach weiter mit den Debatten in den Sozialen Netzwerken?
Pörksen: Wissenschaftler sollten nicht als Propheten auftreten, aber darf ich mit einer kleinen Utopie antworten?

BZ: Gerne.
Pörksen: Ich hoffe, dass die sozialen Netzwerke und die anderen Plattformen und Großmächte des digitalen Zeitalters ihre faktische publizistische Verantwortung endlich anerkennen und annehmen. Ich hoffe, dass das öffentliche Sprechen irgendwann systematisch an den Schulen und Universitäten gelehrt wird. Und ich hoffe, dass sich die digitale Gesellschaft auf diese Weise allmählich in eine redaktionelle Gesellschaft verwandelt.

BZ: Wie sollte die aussehen?
Pörksen: In der redaktionellen Gesellschaft, die ich mir herbei wünsche, ist die Frage, was relevante, glaubwürdige und veröffentlichungsreife Information ist, ein zentrales Element der Allgemeinbildung. Sie geht hier jeden an und wird von jedem reflektiert.
Bernhard Pörksen

Der gebürtige Freiburger, Jahrgang 1969, ist Medienprofessor an der Universität Tübingen. Er hat mehrere Bücher verfasst, die aktuelle Medienthemen aufgreifen. Zuletzt schrieb er – gemeinsam mit dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun – das Buch "Kommunikation als Lebenskunst. Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens."

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Autor: Gina Kutkat