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31. Dezember 2015

Wer das Leben liebt

Die guten Nachrichten – oder: Warum wir selbst nach einem Jahr wie 2015 einfach keine Lust haben, in Schwermut zu versinken /.

  1. Ihr wollt, dass wir Angst haben. Den Gefallen tun wir euch nicht: Dankkonzert in Paris kurz vor Weihnachten für die „namenlosen Helden“, die nach dem Terror vom 13. November geholfen haben.

Unglück, so unken Sprichwörter aus vielen Teilen dieser Welt, komme gleich haufenweise, sei eine strenge Schule, aber es gebe keinen besseren Lehrmeister. 2015 muss demnach ein außergewöhnlich lehrreiches Jahr gewesen sein, auch wenn derzeit wenig daraufhin deutet, dass die Menschheit klüger geworden ist.

Dieses Jahr hätte eher mit einem Warnhinweis versehen werden müssen: Vorsicht, Leben ist lebensgefährlich – zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Terror und Kriege, ertrinkende Flüchtlinge und ein Pilot, der 149 Menschen mit in den Tod nahm, weil er für sein Leben keinen Sinn mehr sah. Dekadenz, Betrug und Korruption in globalen Organisationen wie der Fifa oder Konzernen wie VW, deren Erfolg wir seit Jahrzehnten bewunderten. Und wir durchlitten den Abstieg des SC Freiburg aus der Fußballbundesliga.

Ein Erdbeben in Nepal? Fast vergessen. Dafür war die Hurrikansaison dieses Mal dort verheerender, wo man den Wirbelsturm Taifun nennt. In Amerika wirbelt stattdessen ein Hurrikan namens Donald (Trump) wortgewaltig durchs Land und hinterlässt Schneisen demagogischer Verwüstungen, die deutlich machen, dass Hassprediger kein Monopol des Islam sind. Hausbackener, aber nicht minder erschreckend wirken die Bachmanns und Höckes, die unter der Fahne von Pegida oder der AfD verängstigten oder verärgerten Bürger mit scheinbar einfachen Lösungen für komplexe Probleme für eine rechtsextreme Politik zu ködern suchen.

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Europa steckt in einer Identitätskrise, die sich zu einer Existenzkrise auswachsen könnte. Dabei ist die Gemeinschaft nicht durch übermächtige Herausforderungen bedroht – die Griechenland- und die Flüchtlingskrise sind zu meistern –, sondern durch einen grassierenden Schwund an Europäern. Immer mehr Menschen vergessen, welch verheerende Folgen der Nationalismus in Europa hatte und wie sehr die Europäische Union Frieden, Freiheit und Wohlstand befördert hat. Waffengewalt wird wieder zum Mittel der Wahl und schafft doch nur mehr Leid, Hass und Gewalt. Gedankenstarke Mahner wie Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Egon Bahr oder Günther Grass sind derweil für immer verstummt. Sie fehlen. Skeptische Stimmen bohren im Gehirn: "Der Mensch ist zu klein und die Zeit ist zu groß", schrieb Erich Kästner schon 1948.

Aber Bangemachen gilt nicht. "Wenn ich auf mein Unglück trete, stehe ich höher", schrieb ausgerechnet der schwäbische Dichter Friedrich Hölderlin, sonst nicht als Optimist bekannt. Und der Kabarettist Werner Finck, der einst den Nazis trotzte, gab uns den Rat: "Wer lachen kann, dort wo er hätte heulen können, bekommt wieder Lust zum Leben." Wie das geht, haben uns die Franzosen vorgemacht, nach Charlie Hebdo im Januar und den Pariser Anschlägen im November. "Ihr liebt das Leben, wir den Tod", begründen die Terroristen des sogenannten Islamischen ihre scheinbare Überlegenheit im Kampf gegen den verhassten westlichen Humanismus. Unsere leidgeprüften Nachbarn haben dem ein trotziges "Wer das Leben liebt, lässt sich vom Tod nicht schrecken" entgegengesetzt.

Dem wollten die Deutschen nicht nachstehen. Sie entdeckten die Willkommenskultur und malten damit ein neues Bild von Deutschland. Dass diese Politik am Jahresende doch eher zur Politik der halboffenen Arme geriet, konnte die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer nicht entmutigen. Auch sie gehören zu den Helden dieses Jahres. Dass Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban sich deshalb bereits von einem moralischen Imperialismus bedrängt sieht, sei’s drum. Die Deutschen haben sich schon weitaus schlimmere Vorwürfe gefallen lassen müssen.

Deshalb hatten wir auch vor diesem Jahreswechsel einfach keine Lust, in Schwermut zu versinken, sondern haben stattdessen in unserem Rückblick nach den guten Nachrichten dieses Jahres gesucht. Und wir sind fündig geworden. Es war nicht einmal so schwer.

Erst vor wenigen Tagen verständigten sich die Staaten der Welt in der französischen Hauptstadt Paris auf ein Klimaabkommen, das den gemeinsamen Willen bekräftigt, diese Erde nicht unbewohnbar zu machen. Gewiss, auf diesem Weg wird es noch viele Rückschläge geben. Aber wir müssen das schaffen, wir haben schließlich keine andere.

Natur und Wissenschaft, Wetter, Politik und Menschen haben uns auch 2015 Dinge beschert, die zumindest vielen von uns ein Lächeln aufs Gesicht zaubern konnten. Auch wenn nie alle alles gut finden. Das Ende der jahrzehntelangen Feindschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba, der Bilderbuchsommer, die Grundsatzentscheidung für das neue SC-Stadion, die Erfolge der Freiburger Neurotechnologie. Die Zahl der Geburten wächst wieder. Gibt es ein stärkeres Signal, das Leben zu bejahen? Ja, wir lassen uns das Leben nicht verbieten.

Und nun? 2016. Erich Kästner Rat zur Gelassenheit könnte helfen: "Wird’s besser, wird’s schlechter, fragen wir jährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich." Dann also auf ein Neues. Alles Gute, Gesundheit und Mut. Packen wir’s an. Mehr als den Kopf kann es nicht kosten.

Autor: Thomas Hauser