Eine Hommage an das Leben

Ruben Moratz

Von Ruben Moratz

Do, 09. März 2017

Merzhausen

Die Selbsthilfegruppe "Jung und Krebs" feiert in Merzhausen die Hoffnung, sich selbst und regt zu mehr Dankbarkeit an.

MERZHAUSEN. Das ganze Leben auf die Bühne holen – mit Lachen und Weinen. So hat Carsten Witte, Gründer und Initiator des Vereins "Jung und Krebs", das Jahresfest desselben in Merzhausen angekündigt. Der Verein, der vor gut zwei Jahren gegründet wurde, will eine Plattform für junge Menschen mit Krebserkrankung sein: ein Ort, an dem man sich austauschen kann und Menschen mit ähnlichem Schicksal findet.

Nun veranstaltete der Verein im Forum ein gut vierstündiges und sehr abwechslungsreiches Fest mit dem Titel "Hommage +", eine Hommage ans Leben. Rund 350 Gäste waren der Einladung und der Devise des Vereins gefolgt: Sie wollten das Leben feiern, mit allem, was dazugehört – eben auch mit Krebserkrankung.

Schon bevor das Bühnenprogramm eröffnet wurde, konnten die Gäste die große Unterstützung bestaunen, die der Verein in Freiburg genießt. Einige regionale Betriebe sorgten für Bewirtung. Kultbäcker Stefan Linder etwa verkaufte im Foyer seine beliebten Käsekuchen und spendete den gesamten Erlös des Abends an "Jung und Krebs". Neben der Bäckerei Pfeifle und dem Online-Versandshop Rockzwerg waren zahlreiche Unternehmen vor Ort, die den Verein finanziell und ideell unterstützen.

Zur Eröffnung sang Carsten Witte ein Lied, das als programmatisch für den Abend und das Leben vieler im Raum angesehen werden kann: "You can‘t always get what you want" (Du kannst nicht immer das bekommen, was du willst) von den Rolling Stones. Als Witte im Alter von 24 Jahren die Diagnose Knochenkrebs bekam, brach für ihn eine Welt zusammen. Auf der Suche nach Austausch mit anderen jungen Krebserkrankten musste er feststellen, dass eine solche Selbsthilfegruppe nicht existierte. Also gründete er sie selbst. Diese gab ihm Kraft in schwierigen Zeiten und stärkt heute etwa 20 Menschen, die sich der Gruppe mittlerweile angeschlossen haben. Es ist also nicht verwunderlich, dass Witte die nächste Textzeile des Rockklassikers mit besonders viel Inbrunst sang: "But if you try, sometimes you might find: you get what you need." (Aber wenn du es versuchst, wirst du vielleicht manchmal erkennen: Du bekommst, was du brauchst.)

Die Bühnenbeiträge des Abends hätten bunter kaum sein können. Die Tanzgruppe Dance Revolution präsentierte in Hiphop- und Modern Dance-Choreographien eine Geschichte von Ausgrenzung und Selbstfindung. Die in Basel wohnenden Pianisten Andriy Dragan und Vladimir Guryanov spielten auf einem Flügel Stücke von Chopin, Ravel, Dvorák und Beethoven. Martina Seehars und Petra Birkner von der Freiburger Improvisationstheatergruppe "Die Improleten" belustigten das Publikum mit einigen frei und direkt erfundenen Szenen.

Ebenfalls aus Freiburg kam die Band Sternensee, die mit Gesang, Gitarren und Cajon melancholische Töne mit lebensfroher Botschaft auf die Bühne brachte: Die Eigenkomposition "Es ist viel schöner" dürfte viele berührt haben. Das Lied thematisiert, dass das Leben manchmal andere Wege geht, als man es sich dachte und erhofft hatte. Der Entertainer und Zauberkünstler Jörg Trautmann aus Willstätt bei Offenburg begeisterte die Zuschauer mit Stand-Up-Comedy und verblüffenden Zaubertricks. Zu guter Letzt gelang es Thomas vom Comedy-Duo Oropax und seiner Frau Martina, den Saal zu heftigem Gelächter zu animieren.

Vieles gilt mittlerweile als gut therapierbar

Zu den Höhepunkten des Abends gehörten zweifellos zwei tiefer schürfende Beiträge. Matthias Zaiss arbeitet als Onkologe in Freiburg. Junge Menschen mit Krebs zu behandeln, sei "einfach schrecklich", sagte er unmissverständlich. Doch thematisierte er auch das, was ihn antreibt und ihm Hoffnung gibt: "Ich mache das, weil es heute viel besser geworden ist als vor 20 Jahren." Vieles sei mittlerweile gut therapierbar. Er vertraue besonders darauf, dass die Immuntherapie bald umfangreicher eingesetzt werden kann.

Christian Erhard erzählte von seinem "ganz normalen Leben", in dem alles anders kam, als geplant. Diagnose Hirntumor. Trotz vieler Rückschläge hat der heute 33-Jährige nie aufgegeben. Er hat es geschafft, "aus dem Leid Kraft zu schöpfen", wie er es selbst ausdrückt, und gründete den Verein "Tour for Life". Unter dem Motto "Fahrrad fahren gegen den Krebs" organisiert er Radtouren und will Betroffenen neuen Lebensmut vermitteln. Seinen persönlichen und bewegenden Vortrag beendete Erhard mit einem Zitat von Paulo Coelho: "Im Schmerz von gestern liegt die Kraft von heute."

Die Veranstalter schafften es, für Unterhaltung und Tiefgang gleichermaßen zu sorgen. Das Leben wurde in allen seinen Facetten beschrieben und gefeiert. Erst gegen 2 Uhr nachts leerte sich die Tanzfläche. Das "+" im Titel der Veranstaltung galt den Dingen, für die man besonders dankbar ist. Für Vereinsgründer Witte war das, den 30. Geburtstag feiern zu können. Für andere: die Freundschaft, das Ende der Chemo-Therapie, der Hochzeitstag, ein schöner Abend mit Freunden. Im Angesicht einer tödlichen Krankheit erhält die Dankbarkeit einen hohen Stellenwert, für Kleines und Großes. Das ist es, was "Jung und Krebs" in die Welt rief. Und das ist es, was die Welt von "Jung und Krebs" lernen kann und sollte.