Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Ich war kein hundertprozentiger Sozi“

Lisa Blitz

Von Lisa Blitz

Mi, 03. Mai 2017

Merzhausen

Ernst-Wolfgang Böckenförde wird in Merzhausen für 50 Jahre SPD-Mitgliedschaft geehrt.

MERZHAUSEN. "Mit Floskeln ist uns nicht gedient", sagte Ernst-Wolfgang Böckenförde in seiner Dankesrede am Sonntagvormittag in Merzhausens Bürgersaal. Diesem Motto folgte der 86-Jährige nicht nur innerhalb seiner inzwischen fünfzigjährigen SPD-Mitgliedschaft, für die er jetzt geehrt wurde. Ob als Professor für Staats- und Verfassungsrecht, als Rechtsphilosoph oder als Richter am Bundesverfassungsgericht – Böckenförde scheute keinen öffentlichen Diskurs und gilt als einer der einflussreichsten Juristen der Bundesrepublik.

1930 in Kassel geboren und mit sieben Geschwistern aufgewachsen, verließ er seine Heimatstadt nach dem Abitur, um seiner Berufung zu folgen. An den Universitäten Münster und München studierte er Rechtswissenschaften und Geschichte, in beiden Fächern promovierte er auch. Intellektuell beeinflussten ihn vor allem der Philosoph Joachim Ritter, an dessen Collegium Philosophicum er in Münster teilgenommen hatte, sowie Staatsrechtler Carl Schmitt. Zum Einfluss Schmitts sagte der Bundestagsabgeordnete Gernot Erler in seiner Laudatio: "Ernst-Wolfgang Böckenförde hat deutlich gemacht, was an der Lehre Schmitts wichtig war und was problematisch", er habe die "liberale Rezeption" des Staatsrechtlers geprägt.

Nach seiner Habilitation 1964 lehrte Ernst-Wolfgang Böckenförde an den Universitäten Heidelberg, Bielefeld und Freiburg Öffentliches Recht, Verfassungs- und Rechtsgeschichte sowie Rechtsphilosophie. "Böckenförde war kein angepasster Wissenschaftler", sagte Erler. Für seine Lehrtätigkeit wurde er von fünf deutschsprachigen Hochschulen mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet – und dies ist nur eine der zahlreichen Auszeichnungen, die ihm im Laufe seines Lebens zuteil wurden. Die jüngste ist das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband, das ihm Bundespräsident Joachim Gauck 2016 überreichte.

Als bekennender Katholik beteiligte sich Ernst-Wolfgang Böckenförde kritisch an innerkatholischen Debatten wie dem Streit um das Thema Abtreibung. So gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der katholischen Organisation Donum Vitae, einer Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle, die von Vertretern der katholischen Kirche heftig kritisiert wurde. Als Bundesverfassungsrichter setzte sich Böckenförde rege für die Religionsfreiheit ein. Von 1983 bis 1996, als Mitglied des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts, beschäftigte er sich mit zahlreichen Themen, die heute wieder hochaktuell sind: Das Asylrecht etwa war einer seiner Schwerpunkte. Er nahm Stellung zu einem möglichen EU-Beitritt der Türkei, gehörte der Enquete-Kommission des Bundestags an, wirkte an wichtigen Entscheidungen zum Auslandseinsatz der Bundeswehr mit. In seiner Amtszeit legte er elf Sondervoten ein, was seinen kritischen Geist widerspiegelt.

Auch der Eintritt in eine Partei sollte von Böckenförde zunächst kritisch durchdacht werden. Bevor er 1967 in die SPD eintrat, setzte er sich lange mit prominenten Sozialdemokraten auseinander. Der Wunsch nach sozialem Ausgleich und sozialer Gerechtigkeit sei ausschlaggebend gewesen für die Entscheidung, zur SPD zu gehen, begründete Böckenförde einmal seinen Beitritt. "Ich war kein hundertprozentiger Sozi, ich war nicht mit allem konform. Doch rückblickend kann ich sagen: Der Beitritt in die SPD war die richtige Entscheidung", so Böckenförde.

Ob in Gesellschaft, Kirche oder Wissenschaft: Ernst-Wolfgang Böckenförde hat viele Diskussionen angestoßen, die bis heute relevant sind. Das Alter hat den in Au lebenden Böckenförde dazu veranlasst, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen und den Ruhestand mit seiner Frau, drei Kindern und Enkelkindern zu genießen.