"Wir lieben das Leben eben auch mit Krebserkrankung"

rmo

Von rmo

Fr, 03. März 2017

Merzhausen

BZ-INTERVIEW mit Carsten Witte vom Verein Jung & Krebs, der in Merzhausen ein Fest veranstaltet und jungen Erwachsenen mit Krebserkrankung Kraft und Mut geben will.

MERZHAUSEN. Vor etwa zwei Jahren formierte sich in Freiburg der Verein Jung & Krebs. Carsten Witte schuf damit eine Plattform, auf der sich junge Erwachsene über ihr gemeinsames Schicksal austauschen und neue Kraft tanken können. Im Interview mit Ruben Moratz verrät der 29-Jährige, wie es zu der Vereinsgründung kam, was sich in den zwei Jahren seither getan hat und warum der Verein am Samstag, 4. März, 19 Uhr, im Forum Merzhausen ein Fest für das Leben feiert, zu dem jeder eingeladen ist.

BZ: Herr Witte, warum haben Sie Jung & Krebs gegründet?

Witte: Ich selbst habe 2011 die Diagnose Knochenkrebs bekommen und nach der zweiten und dritten Lungenmetastase gemerkt, dass ich großen Austauschbedarf habe – und zwar mit Anderen meines Alters. In der Klinik hatte ich aber nur Kontakt zu Älteren, die andere Herausforderungen haben als wir Jungen. Über Selbsthilfebüros habe ich dann gesucht, aber nichts gefunden. Dort wurde mir gesagt, dass es gar keine Selbsthilfegruppen für junge Erwachsene gibt. Da dachte ich mir: Dann gründest du sie eben! So kamen dann ein paar Leute zusammen, und es wurden immer mehr. Mein Freund Holger Hartmann, der viele Jahre in der Krebsforschung gearbeitet hat, hat mir da stark unter die Arme gegriffen und die Vereinsgründung im Jahr 2014 in die Gänge gebracht.

BZ: Wie sieht die Arbeit von Jung & Krebs konkret aus?

Witte: Wir machen sehr viele verschiedene Sachen. Einerseits organisieren wir Vorträge, zum Beispiel auf Gesundheitsmessen, um Aufmerksamkeit für das Thema zu wecken. Sehr wichtig sind natürlich auch die Treffen unserer Selbsthilfegruppe. Im Abstand von zwei Wochen treffen sich etwa 20 junge Menschen, um sich auszutauschen.

BZ: Warum ist der Austausch so wichtig?

Witte: Nur wer sich mit dem Krebs auseinandersetzt, kann ihn auch verarbeiten. Es ist ja nicht nur das Schulmedizinische, also die Erkrankung selbst. Man hat mit vielen Ängsten zu kämpfen: vor dem Tod, der Rückkehr der Krebses, vor der Isolation. Viele Menschen wissen nicht, wie sie mit Krebspatienten umgehen sollen, und brechen den Kontakt zu ihnen ab. Gerade deshalb ist so eine Gruppe wichtig: Hier muss sich keiner erklären, er wird so respektiert und angenommen, wie er ist.

BZ: Wie läuft so ein Treffen ab?

Witte: Nicht so, wie man es sich vorstellt! Man kennt das ja aus Filmen: Alle sitzen im Kreis und dann fängt einer an mit "Hallo, ich bin Carsten, ich hab Krebs" – "Hallo Carsten!" Nein, so ist das nicht. Bei uns geht’s nicht um Selbstmitleid. Wir sind einfach ein großer Freundeskreis, in dem man über alles Mögliche reden kann, ganz ungezwungen. Jeder geht ja anders mit so einer Erkrankung um, und genau das hilft. Da wird auch viel gelacht – ich sag’ schon seit Jahren: "Lieber Humor als Tumor." So lernt man voneinander, tauscht Erfahrungen aus, hört, was anderen gut getan hat. Wir laden aber auch regelmäßig Experten ein, die Frage und Antwort stehen zu spezifischen Themen.

BZ: Am 4. März findet im Forum Merzhausen zum dritten Mal das große Fest des Vereins statt. Sie nennen die Veranstaltung "Hommage" – was hat es damit auf sich?

Witte: Wir feiern eine Hommage, eine Lobpreisung und Danksagung ans Leben. Weil das Leben so viel bietet. Wir lieben das Leben eben auch mit Krebserkrankung. Deshalb wollen wir es auf die Bühne holen: einerseits mit Tanz, Musik, Comedy und Zauberei. Andererseits werden diese künstlerischen Einlagen gepaart mit Reden eines Arztes, eines Patienten und eines Angehörigen. So wird der Abend auch eine gewisse Ernsthaftigkeit und Sensibilität haben – so wie das Leben eben ist. Beim Freiburger Comedian Oropax wird gelacht werden, zehn Minuten später beim Bericht eines Erkrankten womöglich geweint. Das ist eine wahnsinnige Erfahrung. Superschön, wenn auch nicht ganz einfach. Aber das Leben ist eben nicht ganz einfach. Eingeladen ist jeder, der das Leben feiern und in ganzer Breite erleben will. Ab 19 Uhr wird es etwa drei Stunden lang Programm geben. Finanziert wird das alles durch zahlreiche Spenden, wir werden von vielen Freiburger Geschäften und Unternehmen unterstützt.

BZ: Was möchten Sie jungen Erwachsenen mit Krebserkrankung mitgeben?

Bitte: Kraft und Mut! Auch ich war vor wenigen Jahren in der Situation, in der ich gerne gestorben wäre. Ich wollte einfach nicht mehr und war isoliert. Ich hatte niemanden, mit dem ich mich austauschen konnte. Dann habe ich das in die Hand genommen. Aus dieser kleinen Idee ist etwas so Schönes und Großes entstanden. Heute habe ich dreißig Mitstreiter und feiere demnächst ein großes Lebensfest mit voraussichtlich 400 Menschen. Alles fängt mit einem winzigen Gedanken an. Und dann muss man einfach danach handeln und daran arbeiten. Ich bin zwar immer noch Patient. Aber ich habe gemerkt, dass viel Kraft darin liegt, wenn man seine Komfortzone verlässt und aktiv wird. Das gebe ich gerne weiter. Man sollte sich nie scheuen, sich einer Gruppe anzuschließen.