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19. Februar 2010 07:23 Uhr
Jesuitenschule
Missbrauchsskandal am Kolleg St. Blasien weitet sich aus
In den Missbrauchsskandal am Jesuitenkolleg in Sankt Blasien sollen mehr Täter verwickelt sein als bisher bekannt war. Auch die Zahl der Opfer ist höher als bislang vermutet. Und über die Dunkelziffer kann nur spekuliert werden.
Es habe am Kolleg 10 bis 20 Fälle von Missbrauch gegeben, sagte die von dem Orden beauftragte Anwältin Ursula Raue am Donnerstag. Nach Angaben der Juristin soll nicht nur ein bislang beschuldigter Pater die Taten begangen haben. Es hätten sich auch weitere Menschen schuldig gemacht. Bundesweit hätten sich im Zusammenhang mit dem Skandal um sexuellen Missbrauch an Jesuiten-Schulen und anderen katholischen Einrichtungen bisher 115 Betroffene gemeldet. Darunter seien auch frühere Schüler von Schulen, die nicht von Jesuiten geleitet werden.
Aufrecht sitzt Ursula Raue da, eine kleine, elegante Frau mit hellblondem Kurzhaarschnitt, Aquamarin-Ohrringen und einem sorgfältig ausgesuchten blauen Seidenschal, der die Farbe ihrer Augen hervorhebt. Sie verschwindet fast hinter den Mikrofonen. Das hier ist alles andere als Routine. Mehr als 100 Journalisten haben sich im Foyer des Theaters am Kurfürstendamm in Berlin versammelt, um zu hören, was Raue zu berichten hat. "Das hier", sagt sie gleich zu Beginn, "hat eine Dimension angenommen, die bisher nicht zu ahnen war."
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Der Skandal hat sich ausgeweitet, mittlerweile haben sich an die 120 Menschen als Opfer zu erkennen gegeben – sie waren Schülerinnen und Schüler in Berlin, Hamburg, St. Blasien und Bonn, besuchten kirchliche Jugendeinrichtungen im Bundesgebiet. Die Zahl der Täter wächst ebenso: Insgesamt gehe sie inzwischen von zwölf Tätern an Jesuitenschulen aus, sagt Frau Raue. Auch zwei Erzieherinnen an anderen Einrichtungen seien beschuldigt worden.
Ursula Raue ist keine unerfahrene Frau, und sie weiß, was es bedeutet, die Opferperspektive einzunehmen. Die 66 Jahre alte, geschiedene Familienrechtlerin war von 1993 bis 1997 Vorsitzende des Deutschen Juristinnenbundes, und vor allem war sie lange Jahre Präsidentin der Organisation "Innocence in Danger", die sich gegen sexuellen Missbrauch engagiert. Es war dieses Amt, das den Berliner Schulrektor und Jesuitenpater Klaus Mertes auf Raue aufmerksam machte, als der Orden 2007 nach einer Nachfolgerin für seine bisherige Beauftragte für die Aufklärung von Missbrauch suchte.
Dass die Wahl auf sie fiel, zeigt für die evangelische Juristin, dass der Orden die Suche nach einer unabhängigen Person ernst genommen hat. "Ich habe", sagt Ursula Raue kurz vor Beginn ihrer Pressekonferenz in einer ruhigen Nische, "in meiner früheren Arbeit so viel über Missbrauch gehört, dass es nicht leicht für mich ist, überrascht zu werden." Aber in den vielen Gesprächen hat sie eines doch besonders erschüttert: "Diese gewaltige zerstörerische Intensität, mit der diese Taten das Leben der Opfer beeinflussen und beeinträchtigen."
Was sie gehört hat, sind die Geschichten von Menschen, die ein Leben lang unter den Folgen von sexuellem Missbrauch leiden. Sie habe 60 oder 70 Jahre alte Männer am Telefon gehabt, die zum ersten Mal über die Taten sprechen. "In langen Gesprächen habe ich erfahren, welche Umwege sie einschlagen mussten, um eine bürgerliche Existenz aufbauen und erhalten zu können." Von furchtbaren Familiengeschichten sei ihr berichtet worden, der Missbrauch habe Menschen in den Freitod getrieben. "Es gibt da Wunden, die heilen nicht."
Was sie in den Akten des Ordens gelesen hat, ist die Geschichte einer verschworenen Gemeinschaft, die sich vor allem darum kümmerte, dass die Mitbrüder nicht unter die Räder kommen – aber niemanden schützte und kein Wort für die Opfer fand. Es sei aus den Akten klar hervorgegangen, dass der Orden um das Tun der Patres gewusst habe. An keiner Stelle sei die Frage nach den Jugendlichen aufgetaucht. Man spürt, wie Raue im Reden abwägt zwischen der Diskretion, die sie den Opfern angedeihen lassen möchte, und der Notwendigkeit der Aufklärung. So spricht sie mühevoll über widerliche Details und schweigt, wo sie es für richtig hält. Das alles wirkt bizarr vor der Kulisse dieses plüschigen Theaterfoyers mit seinen rubinroten Samtvorhängen – dass sie diesen Ort gewählt hat, ist nicht aus Geschmacklosigkeit geschehen. Es sagt eher etwas darüber, welche Prioritäten sie in den vergangenen Wochen gesetzt hat.
"Ich habe mein Ohr den Opfern gegeben. Das sind lange, intensive Gespräche. Wenn jemand sich überwindet, zum Hörer zu greifen, dann kann ich ja nicht sagen, es geht jetzt nicht, ich ruf sie dann in ein paar Tagen an." So blieb keine Zeit, sich viele Gedanken über einen neutralen Raum zu machen, den sie für diesen Auftritt brauchte, alles musste schnell gehen, der Theaterbetreiber ist ein Freund.
Es warten noch mehr Gespräche mit Opfern auf sie, mehr Aktenberge, viele Fragen, sehr unangenehme. Raue will einen Arbeitsstab bilden, um den Skandal zu untersuchen. Sie will das Verhalten der Vorgesetzten in den Schulen und der Ordensleitung genau analysieren. Inzwischen gibt es auch Berichte aus Kircheneinrichtungen, die nicht zu den Jesuiten gehören. Täglich rufen neue Opfer bei Ursula Raue an. Sie leiden, aber sie schweigen nicht mehr.
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Autor: Katja Bauer
