Mit App und Nachtsichtgerät

Jannik Jürgens

Von Jannik Jürgens

Mi, 05. September 2018

Murg

WALDGESCHICHTEN (6): Die Murgerin Christine Schmidle passt so gar nicht ins Jäger-Klischee / So oft wie möglich im Revier.

MURG. Für viele ist der Wald selbstverständlich. Er ist einfach da und war es auch schon immer. Doch der Wald birgt spannende Geschichten. Er ist nicht nur ein vielseitiger Lebensraum, sondern auch Naherholungsgebiet und Wirtschaftsfaktor. In der Serie "Waldgeschichten", stellt die Badische Zeitung die unterschiedlichen Seiten der grünen Lunge vor. Im sechsten Teil porträtieren wir die Murgerin Christine Schmidle, die im Wald auf die Jagd geht.

Früher war Jagen fast eine reine Männerdomäne. Doch mittlerweile gehen immer mehr Frauen auf die Jagd. Laut Jagdverband Baden-Württemberg sind rund 15 Prozent der Personen, die einen Jagdschein machen, weiblich. Tendenz steigend. Christine Schmidle aus Murg ist eine von ihnen. Vor zwei Jahren hat sie den Jagdschein gemacht – und ist seitdem so oft im Revier wie möglich. Mit Jäger-App und Nachtsichtgerät passt Schmidle so gar nicht zum Jäger-Klischee.

Christine Schmidle setzt behutsam einen Fuß vor den anderen. Die Jägerin pirscht beinahe geräuschlos durchs hohe Gras. Das Gewehr geschultert, in der rechten Hand das Fernglas. An ihrer Seite läuft Jagdhund Selma, eine Bewegung von Schmidle genügt und der kleine Münsterländer bleibt stehen. Schmidle setzt das Fernglas an, sie blickt Richtung Waldrand. Genau dort stand beim vergangenen Mal der Rehbock. Und wieder bewegen sich die Zweige, etwas raschelt im Gebüsch. Auch Selma hat etwas gewittert, fast unmerklich zittern die Muskeln des Jagdhundes. Plötzlich kommt aus dem Gebüsch: Ein Pärchen. Schmidle setzt das Fernglas ab. "So etwas hab ich auch noch nicht erlebt", sagt die Jägerin.

In diesem Jahr hat sie schon viel Jagdglück gehabt. Im Kühlschrank der Schmidles hängen zwei Rehböcke am Haken. Erst gestern hat die Jägerin einen der beiden erlegt. Die Tiere sind aufgebrochen, das heißt, die Eingeweide sind entfernt. Innerhalb von zwei Stunde sollte das passieren, sonst verbreiten sich Bakterien im Fleisch des Tieres und verderben den Geschmack. Das Fleisch der beiden Böcke sei einwandfrei, versichert Schmidle: "Das ist Bio-Fleisch aus der Region." Ein experimentierfreudiger Metzger macht Gulasch, Hack und Salami daraus. Von der Wildsau gibt es Schinken und Bratwürste.

Christine Schmidles Mann, Bürgermeister Adrian Schmidle, ist Pächter des Jagdbogens Murg. Er ist für die Bewirtschaftung des Reviers verantwortlich. Der Förster kontrolliert in einem bestimmten Gebiet regelmäßig, wie viele junge Bäume verbissen werden. Das passiert, wenn Rehe die Knospen der Bäume abknabbern. Verbiss hemmt den Wuchs und ist nicht gut für die Holzproduktion. "Wenn der Verbiss zu hoch ist, muss mehr geschossen werden", sagt Christine Schmidle. Sie legt Wert auf die regulierende Funktion des Jägers. Denn das Reh habe keine natürlichen Feinde. "Deswegen sind wir da", sagt Schmidle.

Die Jägerin klettert auf den Ansitz, setzt oben Rucksack und Gewehr ab. Sie hat eine sogenannte Büchse dabei, die für die Reh- und Saujagd benutzt wird. Zuhause und bei der Fahrt bewahrt sie das Magazin mit den Patronen separat auf. Um einen Schuss abzugeben, muss zudem ein Schieber hochgedrückt werden. "Automatisch kann sich da nichts lösen", sagt sie. Und wie auf Knopfdruck fängt es plötzlich an zu regnen. Dicke Tropfen prasseln auf die Blätter, der Wind peitscht das Wasser in den Ansitz. Bei Regen lässt sich das Wild nicht blicken, also ist Warten angesagt. "Das gehört zur Jagd dazu." Auf ihrem Smartphone trägt Schmidle ein, wo und wann sie heute jagen war. Das hilft ihr, den Überblick zu behalten. Mit den anderen Jägern kommuniziert sie per WhatsApp.

Hund Selma liegt ebenfalls auf dem Ansitz, an den Füßen der Jägerin. Das Tier hat Christine Schmidle dazu gebracht, sich intensiver mit der Jagd zu beschäftigen. Als die Schmidles beschlossen, sich einen Hund anzuschaffen, war klar, dass der auch ausgebildet werden muss. Das hat ihr Mann übernommen, doch Christine Schmidle war oft dabei. Mittlerweile kann sie sich auch vorstellen, selbst einen Hund auszubilden. Voraussetzung dafür ist der Jagdschein, für den eine aufwändige Prüfung zu bestehen ist.

Seitdem Schmidle den Schein hat, fühlt sie sich als vollwertiger Teil der Jägergemeinschaft. "Da gibt es schon auch einige Frauen", sagt Schmidle. Besonders interessant findet sie Ansätze, bei denen Jägerinnen Kindergartenkindern und Schülern Wald und Wild näher bringen.

Der Regen hört schließlich auf. Christine Schmidle beobachtet den Waldrand. Die Sonne ist längst untergangen, der Mond steht als Sichel am Himmel und spendet kaum Licht. Schmidle hat zwar ein Nachtsichtgerät dabei, doch das hilft nur beim Erkennen des Wildes. Schießen muss sie ohne Nachtsichtgerät. Und Schmidle schießt nur, wenn sie sich hundertprozentig sicher ist, dass sie trifft. Deswegen geht es heute ohne Jagderfolg zurück nach Hause. Doch für Schmidle war das kein verlorener Abend. Der Regenguss, die Zeit im Wald, das alles hat sie genossen. Und: "Beim nächsten Mal klappt’s wieder."