Mosaik aus Rot-Kreuz-Textsteinen

Benedikt Sommer

Von Benedikt Sommer

Sa, 21. Juli 2018

Emmendingen

Lesung zur Wiedergründung des DRK nach 70 Jahren aus Tagebüchern des Tagebucharchivs.

EMMENDINGEN. Rund 30 Besucher lernten im Bürgersaal des Alten Rathauses bei einer gemeinsame Lesung von DRK und Tagebucharchiv die Innenperspektive der Helfer und die Welt der Hilfsbedürftigen kennen. Die gemeinsame Lesung fand aus Anlass des 70-jährigen Wiedergründung des DRK statt.

Einer der großen Vorteile eines Tagebuchs als historische Quelle ist sein Live-Charakter: absolut subjektiv, ermöglicht es dem Leser von heute die unmittelbare Teilnahme an historischen Ereignissen, am Alltag und der Selbstwahrnehmung der Schreibenden. Sechs Stimmen hatte das Team um Marlene Kayen aus den Beständen des Tagebucharchivs für die Lesung mit dem DRK ausgewählt, die Aspekte der Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes im vergangenen Jahrhundert widerspiegelten. Bewusst nicht chronologisch, erklärte Marlene Kayen, sie wollten "eine Art Rot-Kreuz-Mosaik aus Textsteinen" verlegen.

Den drastischen Auftakt bildeten die Aufzeichnungen der 19-jährigen Hilfsschwester Edith Haase, die, kaum ausgebildet, 1941 in das polnische Tschenstochau verlegt wird und dort das Grauen eines Durchgangslazaretts erfährt: "48 Stunden Dienst liegen hinter uns. 110 Verwundete, ein Wirbel von Menschen, Blut, Gestank und Schweiß, die Verwundungen sind entsetzlich". Eher pittoresk, jedoch nicht minder erschütternd, wirkten die Beobachtungen ihrer "Kollegin", der fast gleichaltrigen Anni Aschoff, die zu Beginn des ersten Weltkrieges bei der Umwandlung des Freiburger Realgymnasiums in Herdern in ein Lazarett mitarbeitete. Helene Rother berichtete über die Unterbringung von Umsiedlern und Flüchtlingen 1939 und 1946 in Langensteinach. Über zahlreiche Details seines ehrenamtlichen Engagements im Besuchdienstteam eines Krankenhauses in den 60er-Jahren erzählte der Dekorateur Karl Spermann aus Essen, auch von seinem Schlüsselerlebnis, so Menschen helfen zu können. "Ich habe Respekt vor dem Wunder, als das ich vor allen Lebewesen jeden Menschen ansehe – und anerkenne!".

Die Perspektive wechseln konnte der Zuhörer durch die Erinnerungen Gerhard Toewes aus Ostpommern und des Donauschwaben Leopold Urtheil. Als Kriegsgefangener litt der 18-Jährige Toewe unter Isolation und Einsamkeit. "Die psychischen Schäden sind weitreichender und dauerhafter als die körperlichen Leiden durch Hunger und Strapazen", erzählte er, "wie ein Wunder" erreichte ihn da die Postkarte des Suchdienstes des DRK, durch die er nach zwei Jahren erstmals ein Lebenszeichen von seiner Familie erhielt. Der Text des verzweifelten Kriegsversehrten und unter Phantomschmerzen leidenden Leopold Urtheil versetzte den Zuhörer in die endlosen Nächte des Leidenden und erzählte davon, wie er durch die Pflege von Zivildienstleistenden wieder etwas Lebensmut fasste. Johanna Hilbrandt, Jutta Jäger-Schenk, Rainer Glaser, Eberhard Jäckle, Dieter Sprich und Ursula Weiss liehen den Zeitzeugen an diesem Abend ihre Stimme. Der neue Geschäftsführer der DRK-Geschäftsstelle, Alexander Breisacher, begrüßte die Gäste. Für die stimmungsvolle musikalische Umrahmung sorgte das Duo "Jazz x2" mit Regina (Piano) und Reinhard Stephan (Trompete).

Die Broschüre mit diesen und weiteren Texten gibt es im Tagebucharchiv für 5 Euro.