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12. Mai 2016 00:00 Uhr

Kirchzarten

Der gelähmte Benjamin Rudiger arbeitet beim Ultra-Bike mit

Benjamin Rudiger ist seit einem Mountainbike-Unfall gelähmt. Nun hilft er als OK-Chef-Lehrling beim Kirchzartener Black-Forest-Ultra-Bike-Marathon Tausenden über den Berg.

  1. Das Leben im Griff: Benjamin Rudiger an seinem Büro-Stehpult in Titisee-Neustadt Foto: Johannes Bachmann

  2. Das Leben im Griff: Benjamin Rudiger zusammen mit seinem Kumpel Matthias Bettinger, dem „Ultra“-Zweiten des vergangenen Jahres. Foto: Patrick Seeger

Kerzengerade steht er da an seinem Stehpult, fest aufgestützt mit zehn Fingern, offen der Blick. Die Hände sind jetzt seine Beine, seit jenem 10. Januar 2015, an dem Benjamin Rudiger bei einer Trainingsfahrt mit dem Mountainbike kopfüber einen Abhang hinunterstürzte und sich das Rückgrat brach. Von der Brust abwärts ist er gelähmt. Nur Arme, Hände und den Kopf kann er bewegen in einem Leben, in das er sich aus abgrundtiefer Verzweiflung zurückgekämpft hat, mit einer Energie, die sprachlos macht. Einen freien Geist kann kein Rollstuhl fesseln.

"Ich kümmere mich lieber um andere als um mich."

Benjamin Rudiger
Vor zehn Jahren hat er den Krebs besiegt. Den Verein "Ride2live" hat er damals gegründet, um Geld zu sammeln und Menschen Mut zu machen im Kampf mit den Metastasen. Mut, den er heute selbst braucht. Mut, den der 32-Jährige weitergibt. Mut, aus dem Spaß wächst, für Menschen, die das tun, was Benjamin Rudiger liebt: Mountainbiken. Auf groben Stollen im Schwarzwald über Forstautobahnen oder schulterbreite Single Trails. Davon träumt der ehemalige deutsche U-23-MTB-Meister, der bereit schien für den Sprung zu den Olympischen Spielen. Es ist ein unerfüllbarer Traum. Aber er lässt sich nicht austricksen von seinem neuen Leben – und so gibt er seinen Traum einfach weiter. Als Motivator, Ideengeber und penibler Arbeiter beim größten Mountainbike-Abenteuer Europas: Benjamin Rudiger ist der OK-Chef in spe des Black-Forest-Ultra-Bike-Marathons, der am 19. Juni nach dem Start in Kirchzarten mehr als 5500 Mountainbiker auf fünf Strecken rund um Hinterzarten, Titisee, Feldberg und Todtnau Grenzerfahrungen und Glücksmomente bescheren soll. Es ist eine Herkulesarbeit, die ihn manchmal aufzufressen droht, in die er in den vergangenen Monaten hineingewachsen ist als "OK-Chef-Lehrling".

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Als ob das nicht schon genug wäre, was er jeden Tag leistet. Einen Körper, der ihm nicht gehorcht, muss er bewegen, mit einem Hilfsmittel, das er lieber mit dem Popometer als mit den Händen steuern würde: zwei Rädern auf Hüfthöhe. Zurück in seinen alten Job hat er sich gekämpft, halbtags. Seit 2. Mai berät der Banker Benjamin Rudiger in Kirchzarten und Neustadt wieder Kunden der Sparkasse Hochschwarzwald. Stehend. In einem Rohrgestell, die Arme aufgestützt.

1200 Helfer, 20 Vereine, 10 Feuerwehren, Polizei und Bergwacht

Wer mit ihm redet, ihm zuhört und sieht, wie seine Augen leuchten, wenn er über diesen wuchernden, verästelten, kaum zu bändigenden Organismus spricht, den 1200 freiwillige Helfer, 20 Vereine, 10 Feuerwehren, Polizei und die Helfer der Bergwacht unter dem sperrigen Arbeitstitel "Black Forest-Ultra-Bike-Marathon" mit urwüchsiger Begeisterung bewegen, versteht, was Benjamin Rudiger antreibt: "Ich kümmere mich lieber um andere als um mich."

Voller Bewunderung ist er für all die Freiwilligen in und um Kirchzarten, die vom 17. bis 19. Juni ihre Freizeit opfern werden, um 5500 Menschen ein dreitägiges Fest der Bewegung zu bieten, "das nur funktioniert, weil ganz viele Leute mitdenken".

Empfang wie bei der Tour de France

Und weil es Mountainbike-Verrückte wie den Kirchzartener Thomas Zipfel gibt, dessen mit spitzer Feder und ohne Gnade für die Wade gezeichnete Cartoons auf garagentorgroßen Plakaten überall an den härtesten Anstiegen stehen, um die Bergaufbeißer aus ganz Europa zum Schmunzeln zu bringen. In Aftersteg, der gesäßmäßig steilen "Alpe de Fidlebrugg" greift Zipfel dann höchstselbst zur Gitarre, um – unterstützt von hunderten Zuschauern – den Bikern einen Empfang zu bereiten, als wären sie Tour-de-France-Helden.

Es sind diese Verrücktheiten, die den Charme des Abenteuers "Ultrabike" ausmachen. Aus kleinsten Anfängen gewachsen ist der größte MTB-Marathon Europas, der 1997 bei der Premiere 1392 Starter lockte und im vergangenen Jahr mit 5112 Pedaleuren ein Rekordfeld erlebte. Zweimal ausgefallen ist das Rennen, 2002 hieß es Vorfahrt für die Fußball-Weltmeisterschaft, 2014 gaben die Organisatoren Walter Hasper, Erhard Eckmann und Carmen Iber auf, um sich ein Jahr später wieder der Verantwortung zu stellen.

Ziel: Ein bisschen mehr als die schwarze Null

So groß das Aufgabenfeld, so klein ist das Team, das alles ins Rollen bringt. Die Mitglieder des Vereins Ultra-Bike e.V. passen in einen VW-Bus, "das sind aktuell sieben Leute", so Rudiger, geführt von vier Vorstandsmitgliedern, die gesamtschuldnerisch haften. Da darf nicht viel passieren, sonst hört der Spaß auf. Rund eine halbe Million Euro beträgt der Gesamtetat, Ziel ist es, bei jedem Marathon ein bisschen mehr als die schwarze Null zu erwirtschaften – rund 10.000 Euro aus dem bescheidenen Plus fließen jedes Jahr in die Jugendabteilung des SV Kirchzarten.

Die Strukturen, sie sind nicht mitgewachsen. Um den Apparat "Ultrabike" zu erfassen, der in seiner Komplexität an ein mittelständisches Unternehmen erinnert, bräuchte es einen Haufen Excel-Tabellen, oder zwischen mehr als 100 Aktendeckel gepresstes Wissen, um Strukturen, Ansprechpartner, Interessensgruppen und Konfliktmöglichkeiten zu erfassen.

"Viele Sachen werden irgendwie von irgendjemandem gemacht. Wundersamerweise funktioniert das." Benjamin Rudiger
Stattdessen gibt es mündliche Überlieferungen. "Viele Sachen werden irgendwie von irgendjemandem gemacht", hat Benjamin Rudiger erkannt "und wundersamerweise funktioniert das". Wissen, gespeichert im Kopf eines Mannes, der 1995 zusammen mit Walter Hasper, dem Geschäftsführer der Freiburger Turnerschaft, die Mountainbike-Weltmeisterschaft nach Kirchzarten holte: Erhard Eckmann, ein stiller und doch beharrlicher Schaffer.

Die Verantwortung in jüngere Hände abgeben will der Sportkaufmann an eine "Idealbesetzung": Benjamin Rudiger, der jeden Kilometer des weit verzweigten Ultrabike-Netzes kennt und das Rennen auf der Marathonstrecke schon einmal gewonnen hat. "Ich bin im Moment Eckmanns Schatten", sagt Rudiger, der sich ein bisschen als Chaos-Theoretiker fühlt und versucht, zusammen mit Peter Gerspach, der als kluger Analytiker für Strukturen sorgt, hineinzufinden in Eckmanns Hirnwindungen, um zu verstehen, wie er lebt, der Organismus Ultra-Bike.

Es ist ein Stück Normalität, das sich Benjamin Rudiger in seinem neuen Leben beharrlich erkämpft hat, mit dem er sich über die Sitzenbleiber-Perspektive erhebt, im Hinterkopf eine Utopie, die der medizinische Fortschritt vielleicht irgendwann möglich macht. Aufstehen. Gehen. Und seien es nur zwei, drei Schritte. Dann wäre er dort, wo er hinwill. In seinem alten Leben.

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Autor: Johannes Bachmann