Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

22. November 2008

AM RANDE

  1. Die Müllheimer Synagoge vor ihrem Abriss 1968 Foto: Glaubrecht

Die Alternative

Eine Ruine, das sind laut Fremdwörterbuch Wahrig "Reste eines zerstörten Bauwerks". Das Wort leitet sich vom lateinischen "ruina" ab, das für "Einsturz, Zusammenbruch" steht. Als das Bürgermeisteramt Müllheim der Archivdirektion Stuttgart auf deren Anfrage nach dem Zustand der Synagoge am 5. August 1964 mitteilte, dass "die ehemalige Synagoge als Ruine noch vorhanden" sei, nahm es das Rathaus mit dem Begriff "Ruine" nicht sehr genau.

Gehen wir von der Annahme aus, dass wahr ist, was, jenseits aller subjektiven Einschätzung, mit der Wirklichkeit überein stimmt, muss eindeutig festgestellt werden, was auch ein Foto aus der damaligen Zeit dokumentiert: Die Müllheimer Synagoge war damals keine Ruine. Das gilt es um der historischen Wahrheit willen festzuhalten – gerade auch vor dem Hintergrund der aktuellen Müllheimer Diskussion um die Art und Weise von Gedenken.
Beim Novemberpogrom hatten die Nazischergen zwar Kultgegenstände und Bestandteile der Inneneinrichtung zerstört und die Zehngebotstafeln vom Westgiebel herunter gestoßen. Tragende bauliche Teile wurden aber nicht in Mitleidenschaft gezogen. Zwar wurde das Gebäude, das durch die "Arisierung" jüdischen Besitzes 1941 in den Besitz der Stadt Müllheim übergegangen war, als Kriegsgefangenenlager missbraucht. Auch war das ehemalige Gotteshaus dem Verfall preisgegeben. Es wurde nichts mehr repariert. Eine Ruine war das Gebäude gleichwohl nicht.

Werbung

Fakt ist, dass die Synagoge, ebenso wie der jüdische Friedhof nach dem Krieg an die israelitische Religionsgemeinschaft Südbaden restituiert (zurückgegeben) worden war. Fakt ist, dass die Stadt Müllheim mit Zustimmung des Gemeinderates (21. Februar 1949) die Synagoge für 10 000 Mark vom Oberrat der Israeliten Badens erworben hatte. Fakt ist, dass der Oberrat der Israeliten Badens in Karlsruhe der Stadt am 21. November 1961 mitteilte, dass gegen den Abbruch der entweihten Synagoge nichts einzuwenden sei. Fakt ist aber auch, dass die Stadt damals anders hätte handeln können.
Die Gemeinde Sulzburg kann sich glücklich schätzen, ihr nach dem Krieg nicht weniger marodes ehemaliges jüdisches Gotteshaus, das mit Mitteln des Landes liebevoll restauriert wurde und heute eine wichtige Begegnungsstätte ist, nicht abgerissen zu haben. Dies, obwohl auch hier der Oberrat der Israeliten Badens in Ermanglung einer religiösen Gemeinde am Ort der Meinung war, dass es mit einer Gedenktafel getan sei und einem Abriss nichts entgegenstehe. In Müllheim wurde die 1938 entweihte Synagoge dreißig Jahre später, im Sommer 1968, dem Erdboden gleich gemacht – obwohl sie keine Ruine war.

Autor: Bernd Michaelis