19. Juni 2009

Interview

Brigadegeneral Andreas Berg zum Jubiläum der Deutsch-Französischen Brigade

MÜLLHEIM. Mit ihrem Plan, am Vormittag des Stadtfest-Samstages durch die Müllheimer Werderstraße zu marschieren, hat die Deutsch-Französische Brigade heftige Diskussionen ausgelöst. Der Marsch ist Teil der Jubiläumsfeierlichkeiten der binationalen Einheit. Die BZ sprach mit dem Brigadegeneral Andreas Berg über die Jubiläumspläne, deren öffentliches Echo sowie die Haltung der Deutschen zum Militär.

Brigadegeneral Andreas Berg, der Kommandeur der Brigade | Foto: K. Meyer
BZ: Seit Wochen wird in Müllheim kontrovers über den Marsch der Brigade diskutiert. Hat Sie das Echo überrascht?

Berg: Leider nicht grundsätzlich. Ich bin ja schon seit einigen Tagen in Müllheim. Ich weiß, dass es Stimmen gibt, die eine ziemlich harsche Gegenposition einnehmen. Ich bin aber auch überzeugt, dass das einige wenige sind, die nicht die Mehrheitsmeinung wiedergeben. Es muss ja auch nicht jeder "pro Streitkräfte" eingestellt sein. Man sollte aber vernünftig miteinander diskutieren. Was mich stört an dieser Diskussion sind die Bilder, Darstellungen und Vergleiche, die einfach nicht fair sind. Der Vergleich dessen, was unsere Soldaten heute tun mit dem, was ehemalige deutsche Armeen getan haben, ist vollkommen deplatziert. Wir sind sehr froh, dass wir hier einmal unsere Seite schildern können. Denn es ist auch erstaunlich, was wir angeblich alles vorhaben bei unserer Jubiläumsfeier.

BZ: Dann schildern Sie uns doch einmal Ihre Festpläne.

Berg: Wir werden 20 Jahre alt und wollen das ein bisschen feiern, von der Kompanie bis hinauf zum Regiment. Das wollen wir gemeinsam tun – mit den Garnisonsstädten, den Patengemeinden im Schwarzwald, in der Rheinebene, im Elsass. Und daran sollen all die, die Spaß daran haben, sich beteiligen. Und wer keinen Spaß daran hat, soll halt etwas anderes machen.

Werbung


BZ: Ein Teil der Feier wird aber ein militärischer Aufmarsch in der Werderstraße sein...

Berg: Nein. Wir veranstalten keine Militärparade, wir haben etwas ganz anderes vor. Die Brigade macht eine große Übung im Rahmen der 20-Jahr-Feier, die in der letzten Juni-Woche mit vielen Projekten, Veranstaltungen und Zeremonien begangen wird (siehe Infobox, die Red.). Diese mehrtägige Marschübung führt etwa 1500 Soldaten beider Nationen und Truppenteile auf einer 80 bis 100 Kilometer langen Strecke über den Schwarzwald und die Vogesen bis nach Müllheim. Auf dem Standortübungsplatz findet unsere interne Feier statt, und die Soldaten nächtigen auch dort. Am Samstagmorgen setzen wir dann unseren Marsch in die Kaserne fort, wo das Jubiläumszeremoniell seinen Abschluss findet. Wir gehen also zu Fuß, haben keine Fahrzeuge dabei und abgesehen von dem, was zur persönlichen Ausrüstung gehört, auch keine Waffen. Das ist keine Parade, kein Defilée, kein preußisches Gloria. Es ist einfach das Angebot, auf dem Weg durch die Stadt unsere Freude zu zeigen.

BZ: Wie entstand denn die Idee, das Jubiläum mit dem Stadtfest zu verknüpfen?

Berg: Die Planung wurde zwischen der Stadt und der Brigade gemeinsam entwickelt. Das ist ein gemeinsames Projekt. Dass der Bürgermeister das Stadtfest unter dieses Motto gestellt hat, gefällt uns. Das ist ein Ausdruck der Unterstützung der Brigade durch die Stadt. Das Letzte was wir wollen ist, uns in den Vordergrund zu drängen oder jemandem etwas aufzuoktroyieren. Wir machen das letztlich in Absprache mit und auf Wunsch der Städte und Gemeinden.

BZ: Der Marsch scheint dennoch eine neue Qualität im öffentlichen Auftreten der Brigade. Ist er Zeichen eines Richtungswechsels?

Berg: Der Marsch ist kein Selbstzweck, er ist Teil einer Abschlussübung und Teil unseres Versuchs, gemeinsam Freude zu zeigen. In Deutschland gibt es keine Militärparaden. Das ist hier nicht Tradition, aus gutem Grund. Wir sind traditionell zurückhaltend und wollen das auch bleiben. In Frankreich sieht man das anders.

BZ: Die Franzosen haben ein weniger belastetes Verhältnis zu ihrem Militär. Ist diese Art, das Jubiläum zu begehen, eine Reverenz an den französischen Partner?

Berg: Ja, an die Gemeinsamkeit, die Binationalität. Das Fest ist schon, da bin ich ganz offen, ein bisschen der Versuch, die französische mit der deutschen Tradition zu verbinden. Das ist die Philosophie dieser Woche: Gemeinsam feiern.

BZ: In Deutschland reagiert man sensibel auf die öffentliche Zurschaustellung von Militär. Viele erachten das als Bruch mit der Nachkriegstradition.

Berg: Ich sehe das als einen Schritt hin zu einem normalen Umgang miteinander. Jeder Schritt in Richtung Gelassenheit ist etwas Positives. Wie gesagt, es ist nicht der Versuch, hier militaristisch etwas aufzubauen. Aber warum sollen wir Soldaten uns verstecken? Warum sollen wir nicht mal in Uniform durch die Stadt marschieren? Wie jeder andere auch sind die Soldaten froh, wenn sie mal Anerkennung bekommen. Es wäre schön, wenn nicht nur Menschen daneben stehen und pfeifen, sondern vielleicht auch mal geklatscht wird.

BZ: Ein Teil der Kritik richtet sich eigentlich gegen die deutschen Auslandseinsätze. Muss die Brigade für Entscheidungen der großen Politik den Kopf hinhalten?

Berg: Ende der 80er Jahre wurde man als Soldat angefeindet. Damals war die Bundeswehr in Umfragen ganz weit hinten. Heute ist sie anerkannt in der Bevölkerung. Alle Auslandseinsätze der Bundeswehr werden breit diskutiert. Nichts passiert ohne einen Parlamentsbeschluss. Ich meine, man kann darüber streiten, ob die Einsätze politisch sinnvoll sind oder nicht. Die Kritik müsste dann in Berlin ansetzen. Das ist aber nicht unser Job. Die Soldaten treten in ihrem Einsatz dafür ein, dass die Menschen vor Ort eines Tages auch die Chance haben zu demonstrieren, im Kosovo und in Afghanistan. Und das ist dann schon abstrus, wenn man zu Hause dafür kritisiert wird.

BZ: Wird die Kritik denn innerhalb der Truppe wahrgenommen?

Berg: Ja, schon. Die jungen Soldaten, vor allem die französischen, fragen sich: Warum machen wir das eigentlich, wenn das die Reaktion ist?

BZ: Würden Sie die Feier denn noch einmal in dieser Form planen?

Berg: Auf jeden Fall. Ich habe oft mit dem Bürgermeister über die jetzige Debatte gesprochen und ihm gesagt: Wenn sie uns signalisieren, dass das von einem Großteil der Bevölkerung nicht gewünscht wird, dann lassen wir das. Es ist mir aber auch mitgeteilt worden, dass viele Menschen es gut finden, dass wir das machen. Ich finde auch den Vergleich ganz interessant: Wir marschieren durch Donaueschingen, durch Immendingen und Neuf-Brisach, durch Auggen und Schliengen. Die Diskussion und die Kritik hier in Müllheim ist singulär.

BZ: Bei aller Kritik: Freuen Sie sich trotzdem auf das Fest?

Berg: Klar! Ich freue mich auch, dass es kritische Stimmen gab. Ist doch beste Werbung!

– Das Interview führten Gabriele Babeck-Reinsch, Bernd Michaelis und Katharina Meyer  

Autor: gb,bm,kam



0 Kommentare

Damit Sie Artikel auf badische-zeitung.de kommentieren können, müssen Sie sich bitte einmalig bei Meine BZ registrieren. Bitte beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.