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13. Oktober 2017

Die zwei Gesichter der UN

Ehemaliger Top-Diplomat Hans-Christof Graf von Sponeck analysiert bei einem Vortrag in Müllheim weltpolitische Herausforderungen.

  1. Heimspiel: Über die Rolle der Vereinigten Nationen und der Nato sprach der in Müllheim lebende ehemalige UN-Diplomat Hans-Christof von Sponeck in der Buchhandlung Beidek. Foto: Volker Münch

MÜLLHEIM. Er ist ein entschiedener Gegner von militärischen Drohgebärden und als ehemaliger hoher UN-Diplomat ein exzellenter Kenner weltpolitischer Entwicklungen und Umbrüche: Hans-Christof Graf von Sponeck. Über Herausforderungen an die Zukunft und die Rolle der Vereinten Nationen sprach er vor einem großen Publikum. Dabei machte er eine umfassende Veränderung des Rollenverständnisses der UN aus.

Syrien, Türkei, Irak, Afghanistan und Nordkorea sind die prominentesten Krisenherde, die dem Thema des Vortrages in der Müllheimer Buchhandlung Beidek eine ganz besondere Aktualität verliehen. Mittendrin ein ehemals hochkarätiger UN-Mitarbeiter, der heute in Müllheim lebt und der nach 32 Jahren seines diplomatischen Engagements aus Protest gegen die Sanktionspolitik des UN-Sicherheitsrates im Irak seine persönlichen Konsequenzen zog und im Jahr 2000 seinen Rücktritt erklärte. Damals war er als beigeordneter UN-Generalsekretär und Koordinator für humanitäre Fragen für das Programm "Öl für Nahrungsmittel" verantwortlich. Hans-Christof von Sponeck machte diese Sanktionspolitik des Sicherheitsrates für das Sterben mehrerer Hunderttausendender irakischer Kinder verantwortlich.

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Hans-Christof von Sponeck weiß also wovon er spricht, wenn er die Rolle der Vereinten Nationen beurteilt und – für manche Zuhörer überraschend – die Vereinten Nationen je nach Gremium in eine arbeitende und in eine politische Organisation unterteilt. Es sei nicht seine Sache, Unzulänglichkeiten, Misserfolge, aber auch segensreiche Engagements der Vereinten Nationen über einen Kamm zu scheren, erklärte Sponeck. Wer dem ehemaligen Diplomaten zuhört, erkennt schnell, dass die arbeitende Ebene sehr viel Gutes im Laufe der vergangenen Jahrzehnte geleistet hat.

Neben der UN nimmt seiner Ansicht nach die Nato eine Schlüsselrolle ein, die sich von einem defensiven Verteidigungsbündnis heute zu einer militärischen Organisation mit offensiven Aufgaben und Strategien entwickelt habe. Und auch daraus resultieren Umbrüche, die das Weltgeschehen beeinflussen. "Ich habe viele politische Umbrüche erlebt, an manchen sogar selbst teilgenommen", bekannte von Sponeck. Zum Beispiel: Von Sponeck wurde 1962 in New Orleans verhaftet, weil er dort unwissentlich am Ticketschalter für Schwarze angestanden war. Später erlebte er politische Umwälzungen in Botswana, in Indien (Konflikt mit Pakistan) und in vielen anderen Ländern, wo er im Auftrag der Vereinten Nationen tätig wurde. Dann erlebte er das Ende des Kalten Krieges, die Unterzeichnung der Freiheits-Charta in Paris. Ziel war es damals, daran erinnerte der Referent gerne, einen permanenten Frieden in Europa zu schaffen.

"Die Welt von morgen wird

keine westliche Welt sein."

Hans-Christof Graf von Sponeck
Seine Karriere begann 1968, als er in den Dienst der UNO trat – übrigens noch vor dem Beitritt der Bundesrepublik und der damaligen DDR. Weil er die Organisation in- und auswendig kennenlernte, beschrieb er eine bis dahin kaum bekannte Differenzierung in Sachen Vereinte Nationen: "Es gibt eine politische und eine operative UNO." Der operative Teil leiste nennenswerte humanitäre Hilfe, die politische verliere sich in diplomatischen Worthülsen.

Von Sponeck rechnet heute mit einer Zunahme von Konflikten. Als einen Grund dafür bezeichnete er das Beharren der westlichen Welt auf deren Werte als einzige demokratische Legitimation. "Das führt zu einer Ent-Westlichung und zu Konflikten mit der östlich orientierten Weltanschauung", betont er. Die westliche Anschauung werde auch von großen Staaten wie China und Indien abgelehnt. Das schüre Ängste vor dem Unbekannten, vor neuen Erfahrungen, wie Sponeck deutlich machte.

Eine weitere Herausforderung sieht er in der verstärkten Globalisierung bei einer zugleich zunehmenden Lokalisierung. Ein Widerspruch? "Nein", sagt von Sponeck. Schließlich lasse sich die Globalisierung längst nicht mehr aufhalten, höchstens noch beeinflussen, beurteilt er die weltpolitische Situation. Gleichzeitig wachse der Wunsch der Menschen nach lokalen Bezügen.

Hans-Christof von Sponeck beobachtet noch ein weiteres Phänomen: "Wir erleben immer häufiger eine extreme Politik in zahlreichen Ländern", sagte er und verwies auf die AfD in Deutschland, auf die Rechtspopulisten Geert Wilders in den Niederlanden und Nigel Farage in Großbritannien. "Sie spalten die Gesellschaft und leisten der Ent-Westlichung Vorschub", erklärte der ehemalige Diplomat und betonte:"Die Welt von morgen wird keine westliche Welt sein. Das muss man akzeptieren."

Mit der heutigen Politik geht er scharf ins Gericht: Er sprach bei Themen wie den Kosovo und der Krim von einer Doppelmoral der Politik. In manchen Ländern würden Menschenrechtsverletzungen angesprochen, in anderen wird aus politischen Gründen weggeschaut. Keine guten Noten verlieh er dem G-7-Gipfel: "Dort wurde viel versprochen, aber wenig gehalten, besonders was die finanziellen Versprechen für arme Länder angeht."

Eine interessante These hatte von Sponeck zum Konflikt auf der koreanischen Halbinsel und der Einmischung durch die Großmächte parat: "Ich bin überzeugt, hätte man die beiden Teilstaaten allein gelassen und niemand hätte sich eingemischt, dann hätten sie sich längt arrangiert."

Einen wertvollen Beitrag zum Frieden weltweit könnten übrigens die Vereinten Nationen leisten, wenn sie sich auf gemeinsame Themen wie Klimawandel, die Bekämpfung der Armut, die Völkerwanderungen, die Bekämpfung des Extremismus und die Beseitigung von nuklearen Gefahren einigen würden. "Das sind Themen, die alle 193 Mitgliedsstaaten etwas angehen", betonte er.

Autor: Volker Münch