Farbenfreudiges Kopfkino

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Mo, 13. Februar 2017

Müllheim

Es war einmal... ein Erzählkunst-Abend in der Mediathek Müllheim.

MÜLLHEIM. Der Markt für Hörbücher boomt. Das uralte Bedürfnis der Menschen, Erzähltem zu lauschen, ist auch im Zeitalter von digital produzierter Hektik, Multitasking und chronischem Zeitmangel ungebrochen. Vor allem, wenn die Erzählenden ihr Metier beherrschen. Der Veranstaltungsraum der Mediathek Müllheim war voll besetzt, als zum vierten Erzählkunst-Abend eingeladen wurde.

Karla Krauß, Stadtführerin und Erzählerin aus Müllheim hatte zwei "Kollegen" eingeladen, die sie bei ihrer eigenen Ausbildung in der Münchner Goldmund-Erzählakademie kennengelernt hatte. Dort befindet sich eine wahre Kaderschmiede der Erzählkunst. Mit Karla Krauß waren der Erzählpädagoge Rainald Rickmeyer aus Weikersheim und die Erzählerin Erika Weiß aus Ansbach gekommen, um wunderbare Geschichten in farbenfreudiges Kopfkino zu verwandeln und entspanntes Nachdenken in Gang zu setzen.

Verwandelt hatte sich auch die Mediathek: Aus dem Veranstaltungsraum war eine anheimelnde, mit farbigem Licht illuminierte Erzählhöhle geworden, in der die Bücherwände eine tolle Kulisse abgaben. Mit einem kleinen alemannischen Sketch stimmten Karla Krauß und Diana Noack auf das Thema des Abends ein: Männer und Frauen. Tja, es kann schon mal vorkommen, dass einer Frau nach langen Ehejahren der Mann nicht mehr gefällt... Eine herrliche und sehr menschliche Variante der Schöpfungsgeschichte erzählte Erika Weiß mit kernigem fränkischem Akzent. Gefällt nun dem Adam seine Eva oder nicht? Hat er sie, will er sie loswerden, und hat sie der Schöpfer aus Kulanz wieder zurückgenommen, braucht er sie ganz dringend wieder. Und Gottvater spielt das Spiel langmütig mit, bei dem es immer wieder an seine Himmelspforte pocht: "Ich bin's, de Moo". Die Geschichte vom Bauernehepaar auf dem Berg, das in beneidenswerter, liebevoller Eintracht lebt, spannte Rainald Rickmeyer in einem vergnüglichen Bilderbogen auf. Und diese Liebe ist tatsächlich auch dann nicht zu erschüttern, wenn der Bauer – analog zu Hans im Glück – mit einer Kuh, die er verkaufen möchte, loszieht und mit nichts in der Tasche heimkommt. Dazwischen liegt so mancher tierische Tauschhandel, an dessen Ende ein schwarzer Hahn steht, den der Bauer für ein Speckknödel-Essen mit Kraut hergibt. Sein Nachbar wettet mit ihm um hundert Taler, dass die Frau ihm eine Szene machen wird – und verliert. Happy End und ein einziges Lob für verständige und geduldige Frauen.

Lektionen in Lebensweisheit

Das Besondere der erzählten Geschichten: Ihre Anordnung ist sehr übersichtlich und klar, der Handlungsfaden spinnt sich ohne Eile fort, die Würze liegt im Detail der geschilderten Szenen, Stimmungen und Bilder, und so ganz nebenbei erhält man eine kompakte Lektion in Lebensweisheit. Wohlig gruseln konnte man sich bei Karla Krauß’ Schilderung, wie der schöne Kaufmannssohn Veit die ebenso schöne Lukretia vor dem wilden Eber rettet, eine reizvolle Adaption des Märchens von der Loreley. Ihr zweiter Beitrag war eine vor Lust, Liebe und praller Situationskomik prickelnde Geschichte aus Boccaccios "Decamerone", während Erika Weiß die bittersüße Begebenheit eines Paars erzählte, das jeweils sein wertvollstes Besitzstück versetzt, um dem anderen ein Weihnachtsgeschenk zu machen. Rainald Rickmeyer steuerte als zweiten Beitrag eine Paargeschichte aus Afrika bei, die das Geheimnis der Schönheit der Bäuerin lüftet: Abends nach der Arbeit mit dem Mann auf der Bank sitzen, sich bei einem Glas Wein erzählen, was der Tag gebracht hat, ist wertvoller als alles, was der Palast des Königs an Annehmlichkeiten zu bieten hat.

Und auch passende Musik gab es an diesem Abend: Diana und Juliane Noack umrahmten das Ganze mit einem barocken Blockflöten-Duett und begleiteten das Publikum, das beim Singen des Liedes von der Loreley dank ausgelegter Textblätter auch einmal selbst aktiv werden durfte. Wein und fränkisches Bauernbrot vom Brothof der Erzählerin Erika Weiß verschönerten die Pause, in der ein angeregter Austausch über das Gehörte in Gang kam.