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30. Juni 2017

Gefährdete Gottesgabe und Wirtschaftskraft

Grüne appellieren an den grünen Ministerpräsidenten, dass die Politik mehr für den Schutz von Insekten tut.

  1. Coralie Engler (links) und Lilly Nockemann wollen mit ihrer Petition Ministerpräsident Kretschmann zu mehr politischen Maßnahmen für den Umweltschutz bewegen. Foto: Dorothee Philipp

MÜLLHEIM. Das lässt aufhorchen: Mitglieder der Grünen im Markgräflerland haben eine Petition an den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann auf den Weg gebracht mit der Bitte um "politische Maßnahmen zum Schutz der Insekten und zur Erhaltung ihrer Lebensräume". Initiatorinnen sind Coralie Engler aus Laufen, Erzieherin im Waldkindergarten Laufen und die Diplom-Biologin Lilly Nockemann aus Sulzburg. Im Rahmen der Hauptversammlung des Ortsverbandes Müllheim-Neuenburg von Bündnis 90/Die Grünen stellten die beiden Frauen ihr Anliegen vor, das im Internet auf einer Plattform von Campact um Unterschriften wirbt.

Nicht nur der wirtschaftliche Aspekt ist wichtig

Schon vor einem Jahr hatten die Naturschutzverbände BUND und Nabu alarmierende Zahlen veröffentlicht über den Rückgang nicht nur der zu beobachtenden Insektenarten, sondern auch der Individuen um nachweislich 80 Prozent binnen 15 Jahren. "Ich konnte eine Nacht nicht schlafen, nachdem mir das Problem bewusst geworden ist", berichtete Engler. In Lilly Nockemann habe sie eine Mitstreiterin für die Petition gefunden. Dass eine solche privat initiierte Aktion mehr ein symbolischer Akt ist in einer Zeit, in der Internet-Kampagnen in kurzer Zeit Millionen von Unterschriften generieren können, ist beiden bewusst. Trotzdem: Man wolle damit ein Zeichen setzen und die politische Ebene auf das Thema aufmerksam machen.

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Das Thema Insektenschwund ist inzwischen vielen Menschen bekannt. Und auch seine Ursachen sind kein Geheimnis: Die fortschreitende Zersiedelung der Landschaft, die intensive Landwirtschaft mit ihrem Pflanzenschutz und die anhaltende Zerstörung von Kleinbiotopen mit den entsprechenden Futterpflanzen und Möglichkeiten einer ungestörten Entwicklung, die bei manchen Arten wie etwa Maikäfer oder Hirschkäfer bis zu sieben Jahre braucht. Schon das so beliebte Glühwürmchen, das derzeit an manchen Waldrändern zu beobachten ist, benötige für seine Entwicklung vom Ei bis zum fertigen Insekt drei Jahre, erklärte Nockemann.

Und der Insektenschwund sei nicht allein ein Problem für Käferfreunde und Vogelkundler, sondern betreffe auch die Menschen direkt: Selbst in der Demeter-Gärtnerei, wo sie arbeitet, müssen die Tomatenpflanzen im Gewächshaus durch Gebläse bestäubt werden, weil es nicht mehr genug Hummeln gibt, berichtete Nockemann. Obstbauern müssen zur Blütezeit von Imkern Bienenvölker zur Bestäubung anfordern, damit sie etwas ernten können.

Coralie Engler will aber auch die ethische Seite des Naturschutzes in den Fokus rücken: "Wenn wir mit den Kindern in den Wald gehen, sind die Tiere unsere Co-Erzieher", sagte sie. Da werde nicht zwischen Nützling und Schädling unterschieden, sondern in Liebe und Verantwortung ein Blick auf die Natur geworfen. "Auch wenn ich keine Tomaten mag, will ich Hummeln", stellte sie mit Blick auf die Reduzierung von Tier- und Pflanzenarten auf ihre wirtschaftliche Nutzbarkeit fest. Sie erinnerte an den Lorscher Bienensegen, eins der ältesten althochdeutschen Schriftdokumente, in dem die Biene unter den Schutz des Schöpfers gestellt wird. Und wenn man Käfer nicht mag, Krabbeltiere in der Wohnung Panik auslösen und man deswegen auch keinen Balkonkasten mit Futterpflanzen aufstellen will? Da gebe es viele externe Möglichkeiten, etwas zu bewirken, meinten Engler und Nockemann. Etwa eine "Blühpatenschaft" zu übernehmen, wie sie das Netzwerk Blühende Landschaft anbietet, oder entsprechend tätige Vereine zu unterstützen wie den Verein Mellifera, der sich für "ökologische und wesensgemäße Bienenhaltung" einsetzt.

Diskussion zwischen Zuversicht und Pessimismus

Die Diskussion im Publikum war angeregt und brachte viele Aspekte des Insektenschutzes zur Sprache. So berichtete eine Müllheimer Gemeinderätin, dass sie nach der Lektüre des Umweltberichts zum geplanten Neubaugebiet Am langen Rain überrascht war, was da durch die Baumaßnahmen alles an Lebensraum zerstört würde. Die Statements schwankten zwischen optimistisch und pessimistisch: Während Lilly Nockemann in der Bevölkerung gerade ein Umdenken ausmacht, das ihr Zuversicht gebe, meinte ein älterer Herr, dass das Maß an Informationen, die der Allgemeinheit heute zur Verfügung stehen, schon längst gereicht haben müsste, um gegenzusteuern. "Die bornierten Alten werden sich nicht mehr ändern, unsere Hoffnung sind jetzt die junge Generation und die Kinder", sagte er.

Die Petition ist zu finden unter weact.campact.de/petitions/insekten-wunder-der-winzigkeit-wo-sind-sie-geblieben. Weitere Infos: http://www.mellifera.de, http://www.bluehende-landschaft.de

Autor: Dorothee Philipp