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02. April 2011

Grenzüberschreitend am Ball bleiben

Claude Ledergerber, TRAS- und CSFR-Mitglied, gab einem interessierten Publikum Hintergrundinformationen zu Fessenheim.

  1. Die Protestbotschaft an einem Baum im Müllheimer Eichwald ist 34 Jahre alt und immer noch aktuell. Foto: Dorothee Philipp

MÜLLHEIM. Ist das AKW Fessenheim nicht nur sehr alt und sehr störanfällig, sondern auch unrentabel? Und warum läuft es dann immer noch? Die mehr als 60 Interessierten, die sich am Mittwoch im Müllheimer "Stadthaus" eingefunden hatten, um Claude Ledergerber zu hören, das Vorstandsmitglied des trinationalen Atomschutzverbandes TRAS, bekamen einige interessante Hintergrundinformationen aus französischer Sicht.

Zunächst gratulierte Ledergerber, der schon seit der Bauzeit des AKW Fessenheim Mitglied bei CSFR (Comité de Sauvegarde de Fessenheim et de la Plaine du Rhin) ist und das AKW wie kaum ein anderer Außenstehender kennt, den Grünen in Baden-Württemberg für den Sieg bei der Landtagswahl. Für die Umweltschützer im Elsass sei dies "eine große Hoffnung". "Jetzt müssen wir grenzüberschreitend am Ball bleiben", forderte er. Auch nach der Ablehnung der Klage des TRAS beim Straßburger Verwaltungsgericht auf Schließung des AKW Fessenheim sieht Ledergerber weitere Optionen: Schließlich habe das Gericht festgestellt, dass der Meiler illegal betrieben werde, da von Anfang an eine Genehmigung zur Einleitung von chemischen Emissionen in den Rhein gefehlt habe. Allerdings liege die Beweislast hier beim Kläger, und dem TRAS seien bisher die entsprechenden Daten vom Betreiber vorenthalten worden, berichtete Ledergerber. Nun will man in Berufung gehen. Nicht nur Erdbeben, Flugzeugabstürze und Schäden am Canal d’Alsace seien unberechenbare Faktoren, die zu einer Katastrophe führen könnten.

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In einer detaillierten Schilderung des aktuellen technischen Zustandes des Atommeilers zeigte Ledergerber die gefährlichsten Schwachstellen in der Anlage auf. Darunter auch die außerhalb der Reaktorhülle untergebrachten Abklingbecken, zu denen sich jeder, der sich ein bisschen Mühe gebe, Zugang verschaffen könne. Was Ledergerber den Zuhörern in puncto Wirtschaftlichkeit vorrechnete, zeigte, dass die Leistung des Meilers immer weiter nachlässt und 2010 bei noch 54 Prozent lag. Weniger als zwei Prozent des in Frankreich produzierten Atomstroms stammen noch aus den beiden Fessenheimer Reaktoren. Dass die umliegenden Gemeinden davon finanziell profitierten, sei zwar bekannt, aber "wir wissen nicht, wie das Geld verteilt wird", sagte er. Genaue Zahlen zur Rentabilität der Anlage seien bisher unter Verschluss gehalten worden.

Ledergerber hat für dieses Verhalten eine Erklärung: Würde Fessenheim abgeschaltet, käme es zu einem "Domino-Effekt" des Protests, den die Atomnation Frankreich mit ihren 57 AKW nicht brauchen könnte. Selbst wenn das AKW vom Netz ginge, sei zu befürchten, dass auf dem Gelände neue Reaktoren gebaut würden, der Platz sei ja vorhanden, sagte Ledergerber. Er brachte die Idee ins Spiel, den Abbau des AKW in ein Forschungsprojekt einzubinden, das weltweit Modellcharakter haben könnte. Dass der Protest gegen Atomkraft in Frankreich im Vergleich zu Deutschland nur langsam das öffentliche Bewusstsein erreicht, erklärte Ledergerber mit den unterschiedlichen politischen Systemen. Und ein japanischer Journalist habe ihm nach einem Interview gesagt, in Frankreich sei man wohl stolz auf die Atomkraft.

Das Müllheimer Publikum hatte eine Menge Fragen. So ging es unter anderem darum, dass es auf deutscher Seite immer wieder heißt, man wolle durch eine Einmischung die Deutsch-französische Freundschaft nicht gefährden. Das sei ein Missverständnis, meinte Ledergerber, einem guten Freund könne man sehr wohl die Wahrheit sagen. "Und die elsässischen Politiker fahren heimlich nach Freiburg", sagte er. Außerdem wirke der gemeinsame Kampf gegen die Atomkraft schon lange völkerverbindend. Dass dem TRAS immer wieder vorgeworfen wird, er kümmere sich nur um Fessenheim und lasse die Anlagen in der Schweiz außen vor, führt Ledergerber selbstkritisch auf mangelnde Information zurück. Es sei auch hier schon viel Arbeit geleistet worden, was aber nicht richtig nach außen gedrungen sei. Wie die EdF informiere und gleichzeitig manipuliere, zeigte Ledergerber an interessanten Beispielen. So verzichte der Konzern bei der Sprachwahl in seiner Werbung gerne auf Begriffe wie Atomkraft oder radioaktiv, so dass die Informationen aus jeder beliebigen anderen Industrieanlage stammen könnten. Jetzt hofft er, dass das Ereignis in Fukushima, die bisher schweigende Mehrheit in Frankreich "aufweckt", die nachweislich für einen Ausstieg aus der Atomkraft sei.

Autor: Dorothee Philipp