Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

21. März 2016

Jedes Stück ein neues musikalisches Abenteuer

Bundesakkordeonorchester gibt in der Müllheimer Martinskirche einen spannenden Einblick in die zeitgenössische Akkordeonmusik.

  1. Das Bundesakkordeonorchester mit Dirigent Stefan Hippe und Konzertmeister Franco Coali hatte in der Martinskirche einen glanzvollen Auftritt. Foto: Dorothee Philipp

MÜLLHEIM. Ein spannender Einblick in die zeitgenössische Akkordeonmusik und ein Bestseller der klassischen Klaviermusik in verblüffend neuem Gewand: Das Konzert des Bundesakkordeonorchesters (Buakko) in der Martinskirche setzte einen außergewöhnlichen Akzent im Müllheimer Kulturkalender. Möglich gemacht hat das Franco Coali, Lehrer in der Städtischen Musikschule und Konzertmeister des Profiorchesters. Mit dem Auftritt in Müllheim sei ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen, sagte Coali der BZ.

Wolfgang Pfeffer, Philipp Haag, Ian Watson, Lutz Stark – die Komponisten, die für Akkordeonensembles komponieren, sind zwar weniger bekannt, haben aber eins gemeinsam: Sie sind alle noch aktiv, stehen den musizierenden Zeitgenossen als Dialogpartner zur Verfügung, können über ihr Schaffen Auskunft geben und kreieren auch Werke auf Auftrag.

Wie die zehn Stücke, die im ersten Programmteil zu hören waren. Neun Komponisten haben zur Feder gegriffen, um etwas zum Motto "Soll das ein Witz sein?" zu verfassen, wie Dirigent Stefan Hippe erklärte. Das Publikum kam also in den Genuss einer ganzen Reihe von Uraufführungen. Einleitend erklang als Modell, an dem sich die Komponisten orientieren sollten, das leichtfüßige Capriccio aus der "Keniade" von Altmeister Fritz Dobler, der für sein Wirken im Dienst der Akkordeonmusik vor zwei Jahren mit der baden-württembergischen Staufermedaille geehrt wurde.

Werbung


Und seine jungen Kollegen strecken sich mächtig nach der Decke und loten die klanglichen Möglichkeiten des Akkordeons kreativ und mit hörbarer Lust am Experiment aus. Wolfgang Pfeffer etwa, der für Stefan Hippe zum Geburtstag ein humoristisches Stück mit Tönen aus dem Namen Stefan (außer t und n) verfasst hat, mit herzhaften Dissonanzen, springlebendigen Tanzmotiven und einem feierlichen, von der Pauke untermalten Marsch, der unversehens in einen wippenden Walzer mutiert.

Ein Alleinstellungsmerkmal des Akkordeonorchesters ist seine riesige Spannweite in Lautstärke und Tonumfang. Sie ermöglicht die Aufschichtung von gigantischen Klanggebirgen und scheinbar endlose Crescendo-Rampen. Dazu kommen spezielle technische Eigenheiten, wie der rauschende Luftstrom, wenn der Balg ohne Tonimpuls bewegt wird, ein fantastischer Effekt, den einige der Komponisten einsetzten, etwa Bogdan Dowlasz in seiner "Acco-Phonie". Philipp Haag, mit 27 Jahren der Jüngste der aufgeführten Komponisten, setzt in "Umpha!" zwei Lotusflöten ein, die eine ganze Voliere von zwitschernden und trillernden Vögeln malen und in eine witzige Interaktion mit dem Orchester treten. Die kroatische Komponistin Deni Dekleva-Radakovic steuerte mit der "großen und kleinen Säge" eine ereignisreiche Miniatur bei, die von knackigen Rhythmen und Anklängen an die temperamentvolle Folklore des Balkans durchzogen war. Jedes Stück ein neues musikalisches Abenteuer, das in seiner Leichtigkeit vergessen ließ, dass für die Umsetzung eine große Portion an Können und Musikalität nötig ist.

Im zweiten Teil des Konzerts wurde das Paradepferd der virtuosen Klaviermusik, Tschaikowskis Klavierkonzert b-Moll, aufgezäumt. Den Orchesterpart haben Stefan und Katja Hippe für Akkordeonorchester eingerichtet. Und dieses eignet sich durchaus, die üppigen Klangwelten des romantischen Russen so richtig zur Geltung zu bringen. Zumal mit dem Elek-tronium im Orchester ein "Cousin" des Akkordeons zur Verfügung steht, das ein Holzbläser-Solo oder ein Trompetenmotiv überzeugend übernehmen kann. Dem ausladenden, prächtigen Gesamtklang entsprach der Solist Holger Berndsen mit packendem Zugriff und unglaublicher Virtuosität. Diese konnte er auch in den zahlreichen Solopassagen ausleben, die den ersten Satz durchziehen. Das Andantino semplice des zweiten Satzes gelang als lyrisches, gefühlvolles Gegenstück zu den beiden rasanten Ecksätzen.

Auf den lebhaften Beifall hin setzte Berndsen mit Chopins Etüde c-Moll ("Revolutionsetüde") noch eins drauf: Dass der Flügel nur 88 Tasten hat, wollte man bei dieser furiosen Interpretation kaum glauben. Wie im Fieber rollten die Läufe die Tastatur auf und ab, begleitet von wuchtigen Oktavschlägen, die eine Art Fanfarenmotiv ausbilden. Weil die Zuhörer dann immer noch nicht genug hatten, wurde die Schlusssequenz des Klavierkonzerts wiederholt.

Autor: Dorothee Philipp