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11. September 2015 13:42 Uhr

Müllheim

Künstler Florian Mehnert stapelt Flüchtlinge für Fotoprojekt

Florian Mehnert ist bekannt für seine kontroversen Kunstprojekte. Jetzt hat der Markgräfler für ein Fotoprojekt junge Gambier aus der Müllheimer Flüchtlingsunterkunft übereinandergestapelt.

  1. „Refugee Stack“ nennt Florian Mehnert seine Fotoreihe, für die sich Flüchtlinge aus Müllheim aufeinanderlegten. Foto: Florian Mehnert

Damit möchte er auf die Enge mancher Gemeinschaftsunterkünfte hinweisen. Florian Mehnert aus Niederweiler hat sich schon des Öfteren mit klaren politischen Botschaften in öffentliche Diskussionen eingemischt und dabei selbst für Diskussionen gesorgt, wie bei seinen Projekten "Waldprotokolle", "Menschentracks" oder"11 Tage", bei dem er eine Waffe per Webcam auf eine Laborratte gerichtet hatte. Jetzt hat er Menschenleiber aufgestapelt und in einer dramatischen Fotoserie in Szene gesetzt: Flüchtlinge aus Gambia aus der Müllheimer Flüchtlingsunterkunft liegen dabei übereinander. "Refugee Stack", Flüchtlingsstapel, nennt er sein jüngstes Werk.

"Ich wollte mit einem provokativen Bild das Thema der Flüchtlingsströme visualisieren", sagt Mehnert im Gespräch mit der BZ. "Auf meinen Bildern werden Menschen gestapelt, so wie sie in den Zeltlagern und Hotels gestapelt werden. Das soll kein Vorwurf sein, aber es ist eine Tatsache." Mehnert will, wie er sagt, mit seinen Fotos auch einen Kontrapunkt setzen zu den vielen Elendsbildern von Flüchtlingen, die täglich die Nachrichten beherrschen. Hinter jedem einzelnen Flüchtling stünden eine persönliche Geschichte und ein individuelles Schicksal. Dass fotografierte Menschenstapel auch Assoziationen an furchtbare Ereignisse aus der Vergangenheit wecken, habe Mehnert einkalkuliert.

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Einzigartige Bilder, die man so schnell nicht vergisst

Dass sich die jungen Flüchtlinge auf das Projekt eingelassen haben, ist das Resultat einer aufwändigen Vorbereitung mit vielen Gesprächen. Unterstützt hat den Künstler Samuel Gebert vom Helferkreis, der den jungen Männern aus Gambia gemeinsam mit Mehnert das Vorhaben erklärt hat. Viele hatten Bedenken, und zunächst war nicht klar, ob das Projekt zustande kommt, erzählt Mehnert. "Die Leute lassen sich das nicht aufdrücken, das finde ich spannend." Einige wie Alfo aus Gambia erklärten sich schließlich zur Mitarbeit bereit: "Wir haben erst gezögert, aber wir wollen zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind, nicht aggressiv und nicht gefährlich", sagt er.

Zunächst habe Mehnert vorgehabt, den Menschenstapel auf dem Hof vor der Unterkunft zu installieren, doch die Lichtverhältnisse seien dort nicht gut genug. Außerdem sei ihm der Platz, an dem viele Passanten vorbeikämen, dann doch zu öffentlich. Mit der Himmelswiese oberhalb von Niederweiler fand er die ideale Kulisse: Die Weite der Landschaft und der Abendhimmel über dem Rheintal geben den Bildern eine unglaubliche Dramatik.

Zwei Tage Shooting für das Fotoprojekt

Logistisch wurde diese Idee jedoch zu einer Riesenherausforderung, wie Mehnert sagt: Zunächst musste der Anhänger mit den Autoreifen, die als Unterbau dienten, auf die Himmelswiese gebracht werden, dann die jungen Männer in mehreren Fahrten mit Mehnerts Privatauto. Schließlich mussten auch die Fotoausrüstung, die Mehnert für dieses Projekt eigens gemietet hatte, und Aggregate sowie Beleuchtung zum Ort des Geschehens. Die eigentliche Arbeit des Fotografierens zog sich dann über Stunden hin, anstrengend für alle Beteiligten, sagt Mehnert. Doch am Ende standen diese einzigartigen Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Zwei Abende hat Mehnert geknipst. Für die Session am zweiten Abend unterstützte ihn ein kleines Busunternehmen, das die Fotomodelle abholte und wieder zurückbrachte.

Es sind nicht allein die Bilder, die Mehnerts Projekt ausmachen: "Die Überzeugungsarbeit, die ich tagelang mit den Flüchtlingen hatte, die Vorbereitungen bei der Installation und schließlich die Fotos von den Aufschichtungen der Flüchtlinge sind eine künstlerische Arbeit, die für sich steht", sagt er. Wie seine anderen politischen Werke präsentiert Mehnert "Refugee Stack" auf seiner Website.

Zuletzt hatte Mehnert mit seinem Kunstexperiment "11 Tage" Aufsehen erregt, als er im Internet vorgab, eine Ratte zum Abschuss freizugeben. Auch seine "Waldprotokolle", für die er im Schwarzwald Mikrofone anbrachte und auf die zunehmende Bedrohung durch Überwachung aufmerksam machen wollte, sorgten landesweit für Gesprächsstoff.

Auf seiner Homepage kann man den Weg nachvollziehen, der Mehnert zu einem unbequemen Mahner gemacht hat, der gesellschaftliche und politische Entwicklungen kritisch ins Rampenlicht stellt. Mit Nachdruck, manchmal mit Grenzüberschreitungen, aber immer ohne vordergründige Effekthascherei.

Die Fotos sind zu sehen auf http://www.florianmehnert.de

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Autor: dop