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10. Dezember 2013 10:01 Uhr

Lauschangriff

Künstler verwanzt den Schwarzwald und wird angezeigt

Als Protest gegen Abhöraktionen wie von der NSA hat ein Müllheimer Künstler Mikrofone in Bäume gehängt. Nun wurde er angezeigt – wegen Abhörens.

  1. Aus Protest gegen die NSA hat Florian Mehnert Mikrofone im Wald aufgehängt. Foto: Florian Mehnert

  2. Florian Mehnert Foto: Florian Mehnert

Der Wald ist die letzte Bastion. Dort wird nicht beobachtet, nicht abgehört. Dorthin kann man sich zurückziehen, um Wichtiges zu besprechen oder vermeintlich Unerlaubtes zu tun – wie Winston und Julia, die Helden aus Orwells Roman "1984". Sie flüchten in die Wälder, lieben sich dort, sprechen über eine gemeinsame verbotene Zukunft – und werden erwischt. Vor dem Überwachungsstaat und seinen Abhörwanzen ist niemand sicher.

Im Herbst dieses Jahres galt das eine Zeitlang auch für Bereiche im Schwarzwald. Denn der Künstler Florian Mehnert aus dem Markgräflerland hatte über mehrere Wochen hinweg einige Waldstücke verwanzt; Mikrofone hingen von Bäumen im Schwarzwald. Ähnliche Aktionen gab es in der Eifel und im Bayerischen Wald. Mit Auszügen aus seinen "Waldprotokollen", die man nun auf seiner Homepage anhören kann, will Mehnert auf die allgegenwärtige Abhörerei aufmerksam machen: Nicht einmal das Rückzugsgebiet Wald bietet Schutz.

"Die Protokolle veranschaulichen die Bedrohung der Überwachung", sagt Mehnert. Zum einen meine er die Überwachung der Geheimdienste wie die NSA, zum anderen die Überwachung mit kommerziellen Absichten im Internet. "Es ist möglich, eine ganze Gesellschaft zu klassifizieren und gesellschaftliche Strömungen dorthin zu lenken, wo man sie haben möchte", sagt er. "Ich kann als Künstler keine Lösung anbieten, ich kann aber darauf zeigen." Und das hat Mehnert getan – und wohl das erreicht, was er erreichen wollte: Aufmerksamkeit. Das mediale Interesse an dem Breisgauer Künstler ist enorm, sogar das finnische Radio wollte schon ein Interview mit ihm.

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Wer ihn angezeigt hat, weiß der Künstler nicht

Doch ist von seinen "Waldprotokollen" nicht jeder begeistert. "Es gibt die, die hinter meinem Projekt stehen, aber es gibt auch die Paragrafenzeiger", sagt der 43-Jährige. Einer von ihnen hat den Protestkünstler nun angezeigt, am Montag sollte die Anhörung bei der Polizei stattfinden. Doch Mehnert ist nicht erschienen. "Das musste er auch nicht", sagt Michael Mächtel, Sprecher der Staatsanwaltschaft Freiburg. Diese sei dazu verpflichtet, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten und zu prüfen, ob der Straftatbestand "Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes" (Paragraf 201 des Strafgesetzbuchs) vorliegt. "Der Verdacht kann sich erhärten, er kann sich aber genauso gut zerstreuen", sagt Mächtel.

"Dass ich angezeigt werden könnte, darauf war ich vorbereitet", sagt Mehnert. Doch würden so die "Waldprotokolle" auf eine Rechtsfrage reduziert, ihre politische Botschaft bliebe außen vor. "Man verschließt die Augen und Ohren vor der zentralen Aussage." Die Anzeige bei der Polizei lenke nur ab: "Diese Diskussion, ob der Zweck in dem Fall die Mittel heilige, will ich nicht führen", ärgert er sich. Wer ihn angezeigt hat, weiß der Künstler nicht. Vielleicht wolle derjenige ihm ja einen Gefallen tun, damit seine Aktion noch mehr Aufmerksamkeit bekomme, sagt er mehr scherz- als ernsthaft.

Wirklich spannend ist es nicht, was in den 22 kurzen Protokollen zu hören ist. Hundegebell, spielende Kinder, Pinkelgeräusche, Laubrascheln und Menschen, die sich über die vom Baum hängenden Mikrofone wundern. Trotzdem fühlt man sich unwohl als Zuhörer, denn man dringt in eine Welt ein, in der man nichts verloren hat – in die Privatsphäre anderer Menschen. Eine verzweifelte Frauenstimme ruft: "Harald, ich liebe dich nicht mehr." Das lässt an Orwells Liebespaar denken. Ebenso irrelevant wie die genauen Orte – Mehnert will über sie ebenso wenig sprechen wie über die technische Umsetzung seines Projekts – sei der Inhalt der Gespräche. "Ich kann diesen Spruch nicht mehr hören: Ich habe ja nichts zu verbergen", sagt Mehnert. "Da steckt eine gewaltige Naivität dahinter." Es ginge eher darum, aufzupassen, nicht in ein totalitäres System zu rutschen.

Wenn die Regierung nicht handelt, sind die Bürger gefragt

Der Wald spielt in Mehnerts künstlerischen Arbeiten häufig eine Rolle, doch als roten Faden durch sein Werk will er das nicht verstanden wissen. Ihm gehe es um Notwendigkeiten. Nun sei es eben notwendig gewesen, sich mit Überwachung auseinanderzusetzen. Er könne nicht nachvollziehen, sagt er, dass nicht mehr Menschen gegen die NSA-Abhöraktionen protestieren. "Hier demonstriert niemand, es werden keine Anfragen in größerer Menge an die Regierung verschickt, keine Unterschriften gesammelt." Eigentlich müsste die Bundesregierung längst handeln. Doch weil sie das nicht tue, seien die Bürger gefragt.

Ob der Künstler nun für seinen Protest bestraft wird oder nicht, wird sich in den kommenden Wochen oder Monaten zeigen. Florian Mehnert sieht beide Seiten der Medaille: "Einerseits ist die Anzeige ein Verstärker der Thematik, andererseits ist es schade, dass es so was braucht, um meine Aussage zu unterstreichen."

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Autor: Sina Gesell