Lieblingsgerichte auf Alemannisch

Beatrice Ehrlich

Von Beatrice Ehrlich

Do, 30. November 2017

Müllheim

Autorin Christa Rinklin sammelt Rezepte regionaler Gerichte in mittlerweile sechs Büchern und war in Müllheim zu Gast.

MÜLLHEIM. Ein Abend für Genießer: Während draußen der Novemberregen fiel, hat am vergangenen Freitag drinnen in der Buchhandlung Beidek eine wunderbare Mischung aus Lektüre und Kulinarik auf dem Programm gestanden. Zu Gast war Christa Rinklin aus Eichstetten am Kaiserstuhl.

In den Büchern der Journalistin und Autorin, mittlerweile schon sechs an der Zahl, dreht sich alles um regionale Köstlichkeiten. Für ihre Leser schaut sie "regionalen Genusshandwerkern" – Jägern, Bäckern, Metzgern, Hausfrauen und Kräuterkundigen – beim Entstehen ihrer Lieblingsgerichte über die Schulter. Das Resultat ist eine raffinierte Rezeptsammlung, in der seit Generationen bereitete Lieblings-Gerichte ebenso vertreten sind wie innovative Kreationen. Kostproben davon dürfen beim anschließenden Autorengespräch und Austausch im Obergeschoss nicht fehlen.

Den Zuhörern läuft das Wasser im Mund zusammen, als Rinklin ihre Rezeptbücher vorstellt. Etwa "e Schiebli Badisch", in dem sich alles ums Fleisch dreht: Von der "Königin Bratwurst" geht es über den urigen "Schwarzwälder Heubroode" bis hin zur bodenständigen, aber komplizierten "Wiiswieler Dungili" – "etwas für Fortgeschrittene". In dem Band "Kuchigeischter" verraten Edelbrenner Rezepte, in denen die oft einfachen Grundzutaten durch die dosierte Zugabe von Hochprozentigem neu interpretiert werden. "Melonenschiffli mit dreijerlei Schungge un Williams-Chrischt" ist so eine Idee des Oberrotweiler Ortsvorstehers Arno Landerer, der – wenn die Muße da ist – im Brennhüsli auch Gedanken und Gedichte zu Papier bringt.

Über ihre beeindruckende Rezeptsammlung hinaus begeistert die Autorin mit bemerkenswerten Anekdoten. Dass etwa die Metzger als frühe Vorläufer der Post früher auch Briefe und Pakete transportierten, die sogenannte Metzgerpost: "Der Metzger ist da!" Oder wie die Laugenbrezel entstanden ist. Lust aufs Kennenlernen machen die interessanten Persönlichkeiten, die Rinklin in ihren Büchern vorstellt: Oft sind ihre Genusshandwerker einflussreiche Leute in ihrem Dorf, einige unter ihnen bekleiden verantwortungsvolle Ämter als Ortsvorsteher, Bürgermeister oder, wie der passionierte Jäger Matern Freiherr Marschall von Bieberstein, als Bundestagsabgeordnete.

Am meisten aber überzeugt Rinklin mit dem spürbaren Enthusiasmus, der ihre Arbeit begleitet. Bei der Begegnung mit ihren Gesprächspartnern wird er ganz augenscheinlich immer wieder aufs Neue geweckt. Mit großer Beharrlichkeit heftet sie sich auf die Spur regionaler Besonderheiten, ihren Interviewpartnern tritt sie mit großem Respekt und spürbarer Wärme entgegen. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie ihren Beruf mit besonders viel Energie und Herzblut ausführen, oft ohne dabei nur den reinen Geschäftserfolg im Auge zu haben. Seien es die vielen Bäcker, die hier ihre Brotrezepte verraten oder der Metzger, bei dem man sich vor den Festtagen ganze Auflaufformen füllen lassen kann.

Ausgangspunkt dieses bisher noch nicht beendeten Projekts war Rinklins Wunsch, alte Rezepte aus ihrem Heimatort festzuhalten, allen voran die der eigenen Oma. "’s Deckeli g’lupft" hieß ihr Erstlingswerk, dem schnell weitere folgten. Allein die vielen kuriosen, alemannisch ausgeschriebenen Namen verdienen es, festgehalten zu werden, ganz zu schweigen von den Rezepten dahinter, die einen schmackhaften Einblick geben in das Leben der Vorfahren.

Eine ihrer vielen Gesprächspartnerinnen hat Rinklin an diesem Abend sogar mitgebracht: die Wildkräuterexpertin Nicole Kaiser. Jeder im Raum darf ein Stück von der Wurzel der wilden Engelwurz abbeißen, die sie kurz vorher nach alter Art mit einem Hirschgeweih ausgegraben hat. Der Geschmack ist bitter und belebend. Kaiser hat sich ihre Kenntnisse über Kräuter weitgehend selbst angeeignet. Darüber hinaus habe sie das Glück gehabt, einen von insgesamt etwa 60 französischen Wildkräuterbauern eine Zeitlang begleiten zu dürfen. Ihr Wissen gibt sie seit vielen Jahren in Wild- und Heilkräuterseminaren weiter.

Der zweite Teil des Abends findet im Obergeschoss der kleinen aber wandelbaren Buchhandlung statt. Dort stehen Schüsseln mit ausgewählten Speisen aus Rinklins Büchern zum Probieren bereit: Von Feldsalat, besprüht mit Apfelschnaps über einen leichten Magensalat und Kräuterquark reicht die Palette, dazu gibt es Scharweihe und Kaiserstühler Wein. Das hätte man sich denken können: Der Kriegskuchen – bei dem mit dem Einsatz von Eiern und Buttern gespart wurde – findet nur mäßigen Absatz. Um diesen nach einem Kriegsrezept gebackenen Notkuchen wirklich genießen zu können, geht es den Menschen heute wohl einfach zu gut. Energiereiche Hildegard-Kekse mit Zimt, Muskat und Nelken verweisen mit ihrem intensiven Aroma bereits auf Weihnachten.