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08. April 2016

"Mut, zu den Wahrheiten zu stehen"

BZ-INTERVIEW mit Liedermacher Jan Degenhardt vor seinem Auftritt bei der Markgräfler Zelt-Lieder-Nacht in Müllheim.

  1. Liedermacher Jan Degenhardt bei einem seiner Auftritte Foto: Privat

  2. Jan Degenhardt vom Cover seiner letzten CD „Schamlos“ Foto: Privat

MÜLLHEIM. Bei Jan Degenhardts Namen klingelt es. Wie es Vater Franz Josef war, ist auch er Mitglied der Liedermacherszene – und ist zu Gast in Müllheim bei der Zelt-Lieder-Nacht am 15. April. Julia Jacob sprach mit ihm über Kapitalismuskritik und Flüchtlinge, Pop und Singer-Songwriter.

BZ: Sie sind zu Gast bei der Zelt-Lieder-Nacht am übernächsten Wochenende. Wie kam der Kontakt nach Müllheim zustande?
Degenhardt: Vor 30 Jahren, Anfang der 80er-Jahre war ich mit Wolfgang Gerbig, der die Zelt-Lieder-Nacht initiiert hat, auf Tournee. Wir haben damals gemeinsam auf Kleinkunstbühnen gespielt und hatten viel Spaß miteinander. Auf das Wiedersehen freue ich mich besonders.

BZ: Flüchtlinge, Terror, AfD: Ist momentan eine gute Zeit für Liedermacher?
Degenhardt: Man sollte meinen, die politische Lage bringe das mit sich, das Publikum sieht das aber teilweise anders. Der Mainstream orientiert sich nach wie vor an einer eher hedonistischen Lebensweise. Musik ist für viele Menschen zum Abfeiern oder zum Relaxen da. Dass viele Menschen heute lieber Pop hören, anstatt sich inhaltlich mit Themen auseinanderzusetzen, ist aber durchaus nachvollziehbar. Wir leben in einer komplexen Welt, in der es immer schwieriger wird, die Zusammenhänge zu begreifen. Gleichzeitig macht sich eine gewisse Resignation breit. Einerseits sehen sich die Menschen mit Katastrophen, Kriegen und einer unglaublich ungerechten Verteilung der Weltressourcen konfrontiert, andererseits haben sie das Gefühl, dass sich überhaupt nichts änderst, egal wen sie wählen. Das ist der Grund, warum viele apolitisch geworden sind oder sich zum sogenannten "Wutbürger" wandeln.

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BZ: Ihr Vater Franz Josef Degenhardt erlangte als Liedermacher Bekanntheit, zu einer Zeit, als das politische Lied eine Hochzeit erfuhr. Was hat sich seither verändert?
Degenhardt: Die 68er waren hochpolitisiert. Auch in den 70er- und 80er-Jahren, als der Realsozialismus noch existierte, gab es eine viel konkretere und politischere Herangehensweise, insbesondere in der Studentenschaft – ich habe ja in der Zeit in Hamburg studiert. Ich meine, dass mit dem Wegfall des Sozialismus eine reale Alternative zum freien Markt verschwunden ist. Das neoliberale Modell, das ja immer absurder wird, da es immer mehr unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstört, gab es damals nicht in der heutigen Ausprägung. Es gab hierzu eine klare Gegenhaltung. Heute hingegen gibt es eine Vielzahl an Bewegungen, die aber leider keine gemeinsame Grundanalyse verbindet.

BZ: Worauf gründen sie Ihre Kapitalismuskritik?
Degenhardt: Die Protagonisten des freien Marktes haben sich Anfang der 90er-Jahre ja schon am Happy End der Geschichte gesehen. Dass das genaue Gegenteil eingetreten ist, zeigt sich nicht zuletzt an den Kriegen im Nahen Osten, die ja zuallererst kapitalistische Verteilungskriege sind. Hintergrund sind unterschiedliche Wirtschaftsinteressen und die damit einhergehende Tatsache, dass die Amerikaner jahrelang eine üble Politik im Nahen Osten betrieben haben, um ihre Wirtschaftsinteressen zu sichern. Nun kommt diese in Form der Flüchtlinge bei uns an. Aber das alles zu begreifen und zurückzuführen auf den Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit, ist natürlich nicht einfach.

BZ: Wie politisch sind Ihre Lieder?
Degenhardt: Ich bin nicht aufgewachsen mit der Vorstellung, dass man sich mit erhobenem Zeigefinger vor das Publikum stellt, um Agitprop zu machen. Das hat wenig mit Kunst zu tun. Ich versuche, in meinen Liedern meine ganz persönlichen Lebenserfahrungen, die natürlich immer auch ein Abbild der politischen Situation ist, darzustellen. Aber eben nicht als Philosoph oder Politiker, sondern als Künstler. Ich erzähle Geschichten, die in einem konkreten politischen Kontext stattfinden.

BZ: Mit welchem Programm werden Sie bei der Zelt-Lieder-Nacht auftreten?
Degenhardt: Ein Schwerpunkt meines aktuellen künstlerischen Schaffens ist das, was uns alle momentan beschäftigt, nämlich die vielen, vielen Flüchtlinge. Mich beschäftigt die Situation an den Grenzen Europas enorm. Wie dort mit den Menschen verfahren wird, ist einfach beschämend. Ich bin befreundet mit einem jungen Mann aus dem Nahen Osten, der mir ein arabisches Lied beigebracht hat. Es ist ein Lied über Heimweh und darüber, dass die allermeisten der ankommenden Flüchtlinge liebend gerne wieder in ihr Land zurückkehren, wenn nur endlich das grauenhafte Bomben, Foltern und Zerstören ein Ende nehmen würde. Das Lied werde ich zum Beispiel singen.

BZ: Die CD an der Sie gerade arbeiten trägt den Titel "In scha’a llah". Was hat es damit auf sich?
Degenhardt: "In scha’a llah" ist arabisch und bedeutet so viel wie "Wenn Gott will". Ich bin davon überzeugt, dass die Konflikte dieser Welt nicht primär religiös motiviert sind, sondern als Ausdruck einer Verteilungskrise zu verstehen sind. Die Gemeinsamkeiten zwischen Sunniten, Schiiten, Juden, Christen und allen anderen Religionen sind sehr viel größer als deren Diskrepanzen. Wer will nicht lieben, geliebt werden, arbeiten, eine Familie haben und Kinder um sich herum? Da ist es doch vollkommen egal, ob der eine meint, der Erlöser sei schon da und der andere noch immer auf ihn wartet, ob der eine an die Dreifaltigkeit und der andere an den Schöpfer, ganz losgelöst von uns, glaubt. Wir müssen ein bisschen mehr unseren Kopf nutzen und auch den Mut haben, zu den Wahrheiten, die jeder ganz tief in sich fühlt, selbstbewusst zu stehen. Manchmal braucht man dafür eine Art Transzendenz oder Kontemplation die das ermöglicht. Insofern ist Religion ja auch wichtig und sinnvoll. Deshalb: "In scha’a llah".

BZ: Ist Musik für Sie letztlich auch ein Ventil um Themen, die Sie bewegen zu verarbeiten?
Degenhardt: Natürlich. Ja, das ist auch eine Art Therapie. Bilder von Dingen, die mich beschäftigen, versuche ich einzufangen, dann habe ich das Gefühl, eine Art Gleichgewicht hergestellt zu haben oder zumindest das Gefühl, dem Ausdruck verliehen zu haben, was mich beschäftigt.

BZ: Gründet der Wunsch Anwalt zu werden auf dem selben Idealismus wie die Liedermacherei?
Degenhardt: Nein, überhaupt nicht. Das gründet zunächst auf dem ganz pragmatischen Ansatz, Geld zu verdienen. Ich habe durch meinen Vater gesehen, dass man in der Kunstszene Hochzeiten haben kann, aber auch, dass nur ganz wenige von ihrer Kunst auch leben können. Heute ist das ja noch viel schwieriger. Also habe ich mir einen Beruf gesucht, der ein sicheres Einkommen garantiert. Allerdings hätte ich mir nicht vorstellen können, in die Forschung zu gehen. Was mich reizt, ist der Kontakt mit Menschen, das Konkrete.

BZ: War es für Sie ein Türöffner den Namen eines bekannten Liedermachers zu tragen oder ein Hindernis?
Degenhardt: Mal so mal so. Türöffner war mein Vater gar nicht so sehr in musikalischer Hinsicht. Was die Musik betrifft, habe ich nur bedingt vom Namen meines Vaters profitiert, zumal ich ja zunächst eine ganz andere Laufbahn eingeschlagen habe. Als ich richtig mit dem Musikmachen angefangen habe, waren meine Kinder schon groß und die Kanzlei am Laufen. Zudem ist meine Musik ja auch eine ganz andere als die meines Vaters. Ich arbeite mit zwei lateinamerikanischen Musikern zusammen. Mein Vater kommt eher aus dem französischen Chanson.

BZ: Das Singer-Songwriter-Genre boomt. Sehen Sie die Liedermacherszene auch wieder im Aufwind?
Degenhardt: Ich glaube schon. Ich denke, dass das Publikum mehr und mehr dazu bereit ist, sich wieder auf Inhalte einzulassen. Das beginnt offenbar in der Kabarettszene, die sich mit Witz und Esprit den drängenden Themen unserer Zeit widmet. Auch in der Liedermacherszene gibt es tolle junge Leute, die dieses Genre neu beleben. Dabei will ich andere musikalische Genres gar nicht kleinreden. Es gibt wunderschöne Popsongs. Ich persönlich habe Whitney Houston und auch Prince immer sehr gerne gehört. Nur wenn man die Songs ein paar mal wiederholt, wird es irgendwann langweilig, weil es an der Oberfläche bleibt. Wirkliche inhaltliche Auseinandersetzung, die in die Tiefe geht, ist im Pop selten zu finden.

BZ: Was ist im Gegensatz dazu ihr eigener musikalischer Anspruch?
Degenhardt: Pop ist manchmal wirklich erhöhend und gibt ein schönes Gefühl. Die Frage ist, ob nur das Konsumieren von eingängigen Melodien zielführend ist, wenn man auf der Suche nach Erkenntnis ist. Ich meine nicht. Ich probiere deshalb, andere Wege zu gehen.

BZ: Mit welchem Gefühl verlassen die Zuhörer idealerweise ein Konzert mit Ihnen?
Degenhardt: In meiner Wunschvorstellung kommt vieles zusammen: Da waren witzige Lieder, da waren traurige Sachen und auch Intelligentes. Ich glaube man muss gleichzeitig unterhalten und aufklären, um ein Publikum zu fesseln. Dann wird es spannend. Ich kann natürlich immer nur von mir auf andere schließen. Wenn ich im Konzert sitze und jemand klärt nur auf, dann frage ich mich, wozu es die Musik braucht, da kann man doch auch eine Vorlesung halten. Geht es hingegen zwei Stunden lang nur um die Liebe, langweilt es mich auch. Verstehen Sie mich nicht falsch, auch das Thema Liebe kann spannend sein, vorausgesetzt man stellt sie so gebrochen dar, wie auch das Leben die Liebe handhabt und nicht so, wie es in den Schlagerliedern vorgeführt wird. Das hat ja wenig mit Liebe zu tun, eher mit pubertärem Begehren. Sowas langweilt mich wirklich!

Jan Degenhardt (54), lebt in Greifswald und arbeitet als Jurist. Seine vierte CD mit dem Titel "In scha’a llah" wird voraussichtlich im Herbst erscheinen. Jan Degenhardt war verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt heute in Lebenspartnerschaft mit einem Mann.

Die Markgräfler Zelt-Lieder- Nacht ist am Freitag, 15. April. Beginn ist um 19 Uhr. Mit dabei sind Singer-Songwriter wie Katja Werker und Daniel Kiefer, Liedermacher wie Jan Degenhardt, der Elsässer Rene Egles und das Woger-Trio. Alemannische Lieder präsentieren Karl David und Martin Lutz. Vorverkauf in den Geschäftsstellen der Badischen Zeitung.

Autor: jja