Partituren im Zeltbahn-Format

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Di, 18. Februar 2014

Müllheim

"L’Horloge et la Montre" – Zeitgenössisches kompositorisches Schaffen in Müllheim.

MÜLLHEIM. Partituren im Zeltbahn-Format, die einzelnen Blätter mit Wäscheklammern verbunden, weil Umblättern rein technisch unmöglich ist, Handgeschriebenes, das stellenweise eine kalligraphische Ästhetik besitzt: Das zeitgenössische kompositorische Schaffen der so genannten E-Musik ist spannend, vielseitig und – leider – von der breiten Masse wenig beachtet. Und dabei bringt die Möglichkeit, Komponisten auch als Interpreten zu erleben, die man direkt befragen kann, eine Komponente ins Spiel, die Aufführungen von klassischen Werken nicht haben und deswegen oft im rein Konsumtiven verharren.

In Müllheim befindet sich ein interessanter Hot-Spot zeitgenössischen Schaffens von Musik, wie das Konzert mit Kompositionsskizzen am Freitagabend in der Martinskirche zeigte. Nicht weniger als fünf Uraufführungen waren zu erleben. Frank Michael und Candida Schlabach-Uhl, beide mit langjährigen Beziehungen zur Musikschule, traten dabei in Doppelfunktion als Interpreten und Komponisten auf, mit Annette Stiller, der Komponistin des titelgebenden Werks "L’ Horloge et la Montre", der Geigerin Miriam Rudolph und Winfried Meier-Ehrat waren weitere Lehrkräfte der Städtischen Musikschule und der Musikschule Markgräflerland beteiligt. Das Instrumentalensemble wurde ergänzt durch die Freiburger Cellistin Stephanie Dauer, die Sopranistin Caroline Schori, den Bariton Martin Beilicke und den Bassisten Uli Bützer.

Was man aus Jazzkreisen gewohnt ist, die gute Vernetzung der Musiker untereinander, die die spannendsten Ensemblekonstellationen hervorbringt, ist auch für die zeitgenössische E-Musik ein wichtiges Merkmal. Viele Kompositionen werden für ganz bestimmte Interpreten geschrieben oder von ihnen inspiriert. Oder es werden auf diese Weise Texte von unbekannten oder vergessenen Dichtern wieder neu belebt. Dieses spannende Wechselspiel begann mit "Abschied" der in Auschwitz ermordeten Lyrikerin Gertrud Kolmar, für Mezzosopran, Flöte und Cello, vertont von Candida Schlabach-Uhl, die auch den Vokalpart übernahm. Der expressive Sprechgesang mit Anlehnung an die innovative Behandlung der Singstimme bei Schönberg stellte durch die Akzentuierung der einzelnen Silben ganz neue Bedeutungsebenen her. Bilder wie "Tropfentau an einem Weizenhalm" oder "den silbern kühlen Sarkophag" wurden mit neuer Bedeutung aufgeladen, eine zarte, poetische Atmosphäre tat sich auf, in der die rätselhaften und ahnungsvollen Aussagen des Gedichts wie Daunenfedern schwebten. Auch die Auszüge aus der "Müllkantate" mit Texten des Philosophen Victor Johannes Trub für vier Singstimmen zeigten Schlabach-Uhls kompositorische und interpretatorische Potenziale.

Auch Annette Stiller hatte mit "L’ Horloge et la Montre" Gedichte von Trub vertont. Die neun Lieder, in wechselnder Besetzung gemahnten mit ihren surrealistischen Metaphern an Bilder von Dali oder Paul Klee: Das Universum ist atomisiert und neu zusammengesetzt, die Gegenstände haben neue Funktionen und eine andere Wahrnehmung durch den Betrachter gefunden. Jedes Element hat eine Bedeutung. Frank Michael war mit zwei bekannten Stücken "Die Gans ist glücklich, weil sie nicht ertrinkt" aus dem Jahr 2011 und "Pandorina" aus dem Jahr 1974, beides für Flöte und Violine, vertreten und steuerte auch eine Uraufführung mit den witzig-heiter gestimmten "Dionysien" von 2013 bei, in dem sich Introvertiertes, Koboldhaftes und Dramatisches spannende Kontraste lieferten. Ein von Thematik und Umfang her fast monumental zu nennendes Werk hatte Candida Schlabach-Uhl für den Schluss aufgehoben: 14 Szenen aus dem "Totentanz" in der Beinhauskapelle zu Bleibach im Elztal, dessen Texte ein verarmter österreichischer Adliger um 1722 verfasst hatte. Stephanie Dauer kommentierte mit dem Cello virtuos und farbkräftig die gesungenen Bilder vom Papst und Kaiser, vom Bauern und vom alten Weib, die alle im Todesreigen mittanzen müssen.

Ein außergewöhnlicher, spannender Abend, bei dem sich am Schluss in den Beifall auch ein wenig Stolz mischte, so viel kreatives Potenzial in der Stadt zu haben.