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21. Januar 2014

Politik der Nadelstiche

Die Müllheimer Montagsdemos vereinen mal mehr, mal weniger Menschen und haben stets neue Referenten.

  1. Rebecca Harms, Grünen-Fraktionsvorsitzende im Europaparlament, spricht bei der Montagsdemo. Foto: Philipp

MÜLLHEIM. Es ist dunkel, kalt und nass. Kein Grund für das Aktionsbündnis "Stopp Fessenheim", seine Montagsdemo auf dem Vorplatz der Sparkasse in der Müllheimer Werderstraße auszusetzen. Die Reihe steuert auf ihre 150. Auflage zu, die am 3. Februar erreicht wird. Jedes einzelne Treffen ist sorgfältig geplant, die Gastreferenten, die bisher aufgetreten sind, decken eine Vielfalt von Teilaspekten der gegenwärtigen atomaren Bedrohung ab.

147. TREFFEN
Zum 147. Treffen war Rebecca Harms eingeladen. Die Vorsitzende der Europäischen Grünen-Fraktion im Europaparlament sprach im Nieselregen vor rund 50 Teilnehmern über die aktuelle Situation in Fukushima. Auch wenn der GAU, der die Müllheimer Mahnwachen veranlasste, inzwischen fast drei Jahre zurückliegt, gibt es beunruhigende Nachrichten über die Hilflosigkeit der japanischen Behörden, die der schleichenden Katastrophe inzwischen mit der Anhebung der Grenzwerte für Strahlenbelastung begegnet sind. Harms berichtete von Bürgerinitiativen an der Westküste der USA, die über die radioaktive Verseuchung des ganzen nördlichen Pazifiks besorgt sind.

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VIELFALT DER REFERENTEN
Die Müllheimer Mahnwachen, die die sofortige Abschaltung des Akw Fessenheim fordern, haben anderen ähnlichen Veranstaltungen eines voraus: Sie warten immer mit kompetenten und bekannten Gastreferenten auf, die über verschiedene Aspekte der Gefahren von Atomenergie sprechen – sachlich und informativ. Auch musikalische Veranstaltungen gab es schon, Liedermacher und Kabarettisten wie Georg Schramm waren da. Es kamen Aktivisten aus den Zeiten des Wyhler Wald wie Erhard Schulz und Axel Mayer, der heutige BUND-Geschäftsführer Südlicher Oberrhein, der Journalist Thomas Lehner, der schon vor 37 Jahren im Wochenendmagazin der BZ die beklemmende Geschichte "’s isch morje bassiert" veröffentlicht hatte und diese – in ihrer Aktualität unheimlicher denn je – zur 98. Mahnwache vorlas. Auch Stromrebellin Ursula Sladek, die gerade auch beim Müllheimer Neujahrsempfang dabei war, sowie Ärzte und Gastreferenten aus Japan berichteten.

KLEINE NADELSTICHE
Jeder Montag seit Fukushima ist ein scharfer, wenn auch kleiner Nadelstich, der die Gefahren der Atomkraftwerke im Rheintal ins Bewusstsein von Öffentlichkeit und Politik holen soll. Organisiert wird die Referentenliste von Dora Pfeifer-Suger, Grünen-Kreisrätin und -Gemeinderätin und Mitglied in Aktionsgruppen von der AGUS bis zum Friedensrat. "Ich versuche, an den Montagen unterschiedliche Themen zu unserem Anliegen Ausstieg aus der Atomkraft, Stilllegung von Fessenheim und anderem anzubieten", sagt sie der BZ. Teilweise sind die Referenten und Liedermacher schon sehr lange in der Anti-Atom-Bewegung aktiv, und sie kennt sie seit Jahren. Teilweise wird sie durch Presseartikel auf Personen aufmerksam. Es werde natürlich immer schwieriger, neue Leute zu finden. Aber noch gelingt es, ein meist interessantes Programm anzubieten. "Gerade bin ich dabei, das Programm für’s erste Halbjahr 2014 zusammenzustellen."

ZÄHE TRUPPE
Hin und wieder waren auch schon das Fernsehen und das Radio vor Ort, um über die kleine zähe Truppe zu berichten, die jeden Montag "Abschalten! Abschalten! Fermons Fessenheim!" skandiert und gelbe Anti-Atomkraft-Fahnen schwenkt. Auch elsässische Aktivisten sind dabei. Gilles Barthe von der elsässischen Bürgerinitiative CSFR kommt regelmäßig aus Mulhouse – immer mit dem Fahrrad. Weitere Stammgäste machen sich aus Eschbach, Staufen, Bad Krozingen, Neuenburg, Schliengen und Bad Bellingen auf den Weg nach Müllheim. Unter den Demonstranten sind bemerkenswert viele Ältere. Über 100-mal dabei war der 85-Jährige Arthur Kurz aus Schweighof, für den die Veranstalter immer ein Sitzkissen mitgebracht hatten, damit er sich auf das Mäuerchen am Eingang der Sparkasse setzen konnte. "Ich habe den Krieg und die Nachkriegszeit erlebt und weiß, wie wichtig bürgerschaftliches Engagement ist", erklärte Kurz vor einem Jahr der BZ, als die 100. Montagsdemo mit einem kleinen Umtrunk gefeiert wurde. Zurzeit kann er aus gesundheitlichen Gründen nicht kommen, aber man informiere sich regelmäßig über sein Befinden, sagt Jo Scheibert, eine der Organisatorinnen. Rebecca Harms lobt die Unermüdlichen zum Abschied: "Sie sind ein hervorragender Anker für das, woran ich arbeite", sagt sie.

2014 SCHON EINE PANNE
Im Jahr 2013 gab es 265 Tage, an denen einer der zwei Reaktoren in Fessenheim abgeschaltet war. An 35 Tagen standen beide gleichzeitig still. Die erste Panne im Jahr 2014 ereignete sich am 5. Januar in Reaktor I. Das ist dem Rundbrief der elsässischen Gruppen CSFR (Comité pour la Sauvegarde de Fessenheim et de la plaine du Rhin), "Stop Fessenheim", Alsace Nature und "Stop Transports – Halte au nucleaire" zu entnehmen.

Ein Abend mit Vortrag und Diskussion zum Sicherheitszustand des Akw Fessenheim findet am Donnerstag, 23. Januar, 19.30 Uhr, im Markgräfler Museum in Müllheim statt. Es sprechen ein Vertreter des baden-württembergischen Umweltministeriums, des Öko-Instituts Darmstadt, die Moderation hat Bärbl Mielich. Die Montagsdemos finden um 18.30 Uhr bei der Sparkasse in der Müllheimer Werderstraße statt und dauern 40 Minuten. http://www.fessenheimstop.org

Autor: Dorothee Philipp