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29. August 2009 13:06 Uhr

Stadtnah und doch idyllisch

Serie Ortsteile von Müllheim (3): Das typische Straßendorf Niederweiler hat 1310 Einwohner

  1. Ortsvorsteher Michael Fischer Foto: sigrid umiger

  2. Im Haus der Familie Duille lebte um 1770 der Chirurg Melchior Rieger. Foto: sigrid umiger

  3. Johanna Schneiders Bauerngarten Foto: sigrid umiger

  4. Foto: sigrid umiger

Der Fuß- und Radweg ist eine bequeme Verbindung in die nur einen Katzensprung entfernte Stadt Müllheim. So stadtnah wie Niederweiler liegt kein anderer Ortsteil. Auch die Busse pendeln optimal, sagt Ortsvorsteher Michael Fischer. Das Herz des Dorfes machen für ihn die Ehrenamtlichen in den Vereinen und die kontaktfreudigen Bürger aus.

Die Gemeinde hat sieben Vereine und die Feuerwehr. Jeder, der es möchte, werde in die Dorfgemeinschaft integriert, betont der Ortsvorsteher. Neubürger sind willkommen. Seit 1975 hat sich die Zahl der Einwohner von 800 auf 1310 erhöht. Allein in der zuletzt erschlossenen "Dorfmatt" leben 180 Bürger. Niederweiler will auch künftig weiterwachsen, aber mit Augenmaß. Größere Baugebiete sind nicht vorgesehen, so Fischer.

Gerade junge Familien schätzen die gute Infrastruktur des Dorfes. 1990 wurde am westlichen Ortseingang der Neukaufmarkt gebaut – der in der Planungsphase umstritten war, aber seit der Eröffnung bei Kunden aus der ganzen Region beliebt ist. Außerdem gibt es einen Metzger, einen Friseur, einen Partyservice und mehrere Handwerksfirmen.

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Da Niederweiler zwar politisch zu Müllheim, kirchlich und schulisch jedoch zu Badenweiler gehört, dürfen die Kinder in die kleine, aber feine René-Schickele-Schule nach Oberweiler. "Darüber sind wir sehr froh", sagt der Ortsvorsteher. Und dann gibt es noch den Kindergarten, der vom örtlichen Frauenverein seit 1863 und bis heute in Eigenregie geführt wird. Diesen Verein mit vielen engagierten Frauen jeden Alters bezeichnet Michael Fischer als die größte Stütze der Dorfgemeinschaft.

Ein bedeutender Unternehmer und ehemals Bürgermeister war Erich Kirsch, der 1933 einen Fahrrad-Großhandel gegründet hat. Das komplette Anwesen wurde 1968 von der Christopherus-Gemeinschaft gekauft. Sie bietet Werkstätten und Heimplätze für Menschen mit Behinderung. Diese Einrichtung sei für die Gemeinde eine große Bereicherung. Die Bewohner nehmen am dörflichen Leben teil, denn: "Es gibt keinerlei Berührungsängste", freut sich der Ortsvorsteher.

Durch die Lage am Klemmbach wurden in Niederweiler ab dem 14. Jahrhundert mehrere Mühlen gebaut. Gleich drei Getreidemühlen nutzten die Kräfte des fließenden Wassers – die untere und obere gehörten der Familie Sehringer, die mittlere den Meyers. Und wo 1762 die Krafft-Gipsmühle stand, befindet sich das idyllische Café "Klemmbachmühle". 1872 wurde das Hotel "Zur Warteck", 1956 die "Bärenhöhle" gebaut.

Plötzlich lebten die treuen Kunden in Frankreich

Ältester Gasthof ist die "Alte Brauerei". Er wurde 1820 von Bierbrauer Bartlin Kaltenbach eröffnet. 1890 kaufte Paul Schlegel die Brauerei. Als sechs Jahre später das "Bähnle" – damals noch als Dampflok – durchs Weilertal schnaufte, wollte Schlegel auf den Zug aufspringen, expandieren und sich baulich erweitern. Im Weg stand die Kirche. Er ließ sie abreißen und baute 1902 auf eigene Kosten eine Kirche im ostgotischen Stil auf der gegenüberliegenden Klemmbachseite. Die Baupläne von 1894 liegen als Original in der Ortsverwaltung. Der Bierbrauer machte aber trotz Erweiterung nach dem Ersten Weltkrieg Konkurs: Die besten Kunden, die Elsässer, blieben aus, weil das Elsass wieder zu Frankreich gehörte, erzählt der Ortsvorsteher.
Michael Fischer hat das 1787 errichtete Haus seiner Vorfahren liebevoll restauriert und das Fachwerk freigelegt. Das gilt auch für die Familie Duille in der Lindenstraße 17. In diesem spätbarocken Gebäude mit offenem Schopf lebte um 1770 der in der ganzen Region berühmte Chirurg Melchior Rieger.

Die wirtschaftlichen Strukturen haben sich sehr verändert. 1972 gab es im Dorf noch sieben Bauernhöfe mit Milchviehhaltung. Der letzte Betrieb wurde 2007 aufgegeben. Froh ist der Ortsvorsteher, dass die Landwirte Helmut Frey und Gerhard Grether aus Oberweiler auch die Wiesenflächen der Gemarkung Niederweiler pflegen. Beide haben zusammen etwa 300 Rinder, weshalb das Heilbad Badenweiler inzwischen eine der größten viehhaltenden Gemeinden im Landkreis sei, erklärt Fischer. Auch Gerd Buchholz aus Niederweiler, der im Nebenerwerb 200 Schafe hat, pflege die Kulturlandschaft. Positiv fürs Dorf sei auch, dass Fritz Imgraben aus Britzingen die alte Tritschler-Säge übernommen hat. So ein gepflegter Holzhandel am Ortseingang sei schon fast eine Rarität, so der Ortsvorsteher anerkennend.

Viehalter gibt es im Dorf zwar keine mehr, aber Niederweiler hat in Jürgen Herrmann noch einen Obst- und Weinbauern mit Hausbrennerei im Haupterwerb. Und es gibt das alteingesessene Weingut Schneider-Krafft. Die Rebhänge am "Römerberg" – den Einheimische "Innerberg" nennen, sind bekanntlich die besten Weinlagen der Region. Eine Hälfte des Römerbergs steht auf Gemarkung Niederweiler, die andere gehört Badenweiler.

Niederweiler ist ein typisches Straßendorf mit dem Klemmbach als fließende Ader. Fünf Brunnen gibt es im Ort, der gegenüber des Rathauses wurde 1869 errichtet. Gespeist werden alle Brunnen zum Nulltarif, erklärt Michael Fischer. Nach der 1972 vollzogenen Eingemeindung zu Müllheim wurde die alte Trinkwasserleitung nicht mehr gebraucht. Da die Quelle immer noch sprudelt – wenn auch nicht in Trinkwasserqualität – liefert sie kostenlos Wasser für die Dorfbrunnen. Am schönsten sind die Brünnlein an Pfingsten. Dann nämlich werden sie von Frauen aus dem Ort liebevoll geschmückt. Die treffen sich alljährlich rein privat, kränzeln mit Tannenreis und flechten Blumenteppiche.

Eine große Entlastung für die Anwohner war 1980 der Bau der Umgehungsstraße. Das habe die Lebensqualität in der Weilertalstraße erheblich verbessert, betont Fischer. Vor über 30 Jahren wurde die Gemeindehalle gebaut. Bald wird die alte Dame saniert. Gerechnet wird mit Kosten von rund 368000 Euro, wobei es aus dem Konjunkturpaket des Bundes 186000 Euro dazu geben wird.

Die Narrenzunft der "Niederwilermer Chümmispalter" hofft, dass die Hallensanierung nicht gerade zur Fasnachtszeit vollzogen wird, wegen der Zunftabende. "Chümmispalter" – also Kümmelspalter – ist im Alemannischen ein Spitzname für übergründliche Leute. So haben die Nachbargemeinden früher die "Niederwilermer" betitelt. Doch die haben die Größe, über sich selbst zu lachen. Sie bekennen sich im Zunftnamen zu ihrer Eigenheit. An Fasnacht schießen sie aber zurück – frech, selbstbewusst und geistreich.

Autor: Sigrid Umiger