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31. Oktober 2014

Unter ständiger Beobachtung

Kunst, die nachdenklich macht: Der im Markgräflerland lebende Künstler Florian Mehnert zeigt Videos aus gehackten Smartphones.

  1. Kabel wie Nervenbahnen: Florian Mehnert und seine Videoinstallation „Menschentracks“. Foto: Dorothee Philipp

MÜLLHEIM. Dein Smartphone filmt dich! Du willst es nicht, aber du merkst es auch nicht. Nicht für alle Menschen ist das eine Horrorvorstellung, da sie der Ansicht sind, sie hätten nichts zu verbergen. Hier setzt das Kunstprojekt des in Müllheim lebenden Künstlers Florian Mehnert an. "Menschentracks" zeigt auf 42 Tablets Videos aus gehackten Smartphones. Mit Ton.

Alltägliche Szenen, sind das, willkürlich aus dem Leben gegriffen: Ein Mann fährt Fahrrad, zwei Frauen unterhalten sich, während das Telefon senkrecht nach oben einen blauen Himmel zwischen zwei Häusern filmt und so Sachen wie "Er hat mich ja überhaupt nicht gefragt" aufnimmt, verwischte Szenen aus dem Supermarkt, ein nächtlicher Spaziergang an Schaufenstern vorbei, während man hört, wie eine Frau sich beklagt: ". . . Kühlschrank leer, Wäsche liegt rum, die berühmten Barthaare im Waschbecken ... Scheiße", Kinder, die Ballettschläppchen anprobieren – solche Banalitäten 42-fach ausgestellt vor einem globalen Publikum. Mehnert führt mit diesem Projekt seine "Waldprotokolle" fort, 22 Audiodateien, die er im vergangenen Herbst mit verstecktem Mikrofon in verschiedenen Wäldern Deutschlands aufgenommen hat. Der Wald als vermeintlich sicherer Rückzugsort wurde als Ort der Überwachung entlarvt. Auch bei den "Waldprotokollen" lautete die Botschaft: Du bist nirgends vor Ausspähung sicher. Jetzt ist zum Ton das Bild gekommen, meistens verschwommen, aber ungefiltert authentisch.

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Um den Datenschutz dennoch zu wahren, sind bestimmte Bildausschnitte verpixelt. Geholfen haben Mehnert zwei Hacker aus der Szene, die er in zwei Fraktionen einteilt: die guten, die Schwachstellen zeigen und aufmerksam machen wollen, und die kriminellen, die das Netz für böse Machenschaften nutzen. Seine Informanten kommen aus der ersten Kategorie. "Es geht inzwischen nicht mehr um die längst verlorene Privatheit, privat, das war gestern", sagt Mehnert. "Vielmehr geht es bereits um den Begriff der Freiheit."

Auf die Seite der

Späher geschlagen

Er sieht das Internet als Netz, das in die privatesten Winkel eindringt, über technische Geräte vom Rauchmelder bis zum Auto Daten sammelt und weiter vermittelt, er sieht das unaufhaltsame Zusammenwachsen zwischen der kommerziellen Welt und den Geheimdiensten. Und was tagtäglich in den Nachrichten kommt, scheint ihm recht zu geben: Als die "Waldprotokolle" entstanden, köchelte gerade der NSA-Abhörskandal hoch, inzwischen wissen wir, dass bereits Einzelpersonen ins Visier geraten, die sich über spionagesichere Computerprogramme informieren. Und wir wissen, dass es noch vieles gibt, was wir nicht wissen. Der totalitäre Ansatz der inzwischen unbegrenzten Datensammelwut ist es, was Mehnert Angst macht: So arbeiten Diktaturen. "Hier geht es um die Lenkbarkeit der Gesellschaft", sagt er. Menschen machen sich verdächtig allein aufgrund von Google-Recherchen.

"Warum sind Sie so scharf darauf, etwas mit Überwachung zu machen?", wird Mehnert in einem Bericht des Fernsehsenders Arte gefragt. "Weil es mich belastet." Dass er sich dabei selbst auf die Seite der Späher geschlagen hat, nimmt er in Kauf: "Kunst muss Grenzen überschreiten." Die bisherigen Reaktionen auf die "Menschentracks" waren außer der Aufmerksamkeit einiger Medien in Deutschland eher dürftig: Die Stiftung Datenschutz der Bundesrepublik schickte ihm schwarzrotgoldene Sticker, mit denen er die Kameralinse von Smartphone und Computer abkleben kann. Mehr Resonanz sei aus Frankreich gekommen, als der Film auf Arte ausgestrahlt wurde.

Bei aller Beklemmung, die die Installation vermittelt, hat sie auch eine ästhetische Komponente. Die Kabel, die die Tablets verbinden, sind wie ein Nervensystem angeordnet, das sich zu einem Hauptnerv vereint. Das Flimmern der Bilder auf den schwebenden Monitoren hat etwas Magisches. Kontrapunktisch dazu gibt es ein Tableau mit 20 Videostills aus den gehackten Sequenzen, das in seiner fröhlichen Farbigkeit an Pop-Art erinnert.

Autor: Dorothee Philipp