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29. Dezember 2015 16:49 Uhr

Lokalbahn

Vor 60 Jahren wurde das Bähnle von Müllheim nach Badenweiler stillgelegt

Im Volksmund wurde sie "Bähnle" genannt: Über ein halbes Jahrhundert lang gab es zwischen Müllheim und Badenweiler eine eigene Bahnverbindung. 1955, vor 60 Jahren, wurde die Strecke stillgelegt. Eine Erinnerung.

  1. Ein nostalgischer Anblick: das Bähnle am alten Rathaus in Müllheim Foto: Fotohaus Glaubrecht / Archiv Markgräfler Museum

  2. Das Bähnle um 1910 auf dem Weg von Müllheim nach Niederweiler. Bis zum Frühjahr 1914 war die Schmalspurbahn dampfbetrieben, ehe sie elektrifiziert wurde. Foto: Fotohaus Glaubrecht / Archiv Markgräfler Museum

Auto an Auto drängelt sich in der Werderstraße. Bis die Parklücke im Rückwärtsgang erobert ist, staut sich der Verkehr. Flink huschen Fußgänger auf die andere Straßenseite rüber. Auf der Müllheimer Meile herrscht dichtes Gedränge. Wenn jetzt noch eine Bahn vorbeiziehen würde... Ein Hirngespinst? Heutzutage kaum vorstellbar, doch noch bis 1955 führten mitten durch Müllheim Bahngleise. Bis hinauf nach Badenweiler.

Die Lokalbahn Müllheim – Badenweiler war eine Institution im Markgräflerland, wo sie liebevoll nur "Bähnle" genannt wurde. Vor über 60 Jahren, im Mai 1955, wurde die Lokalbahn jedoch eingestellt.

"Das hat einfach zu Müllheim dazugehört", sagt Dieter Lais. Der gebürtige Müllheimer, Jahrgang 1939, ist noch mit der Lokalbahn aufgewachsen. "Als Buben sind wir unterwegs aufs Bähnle aufgesprungen", erinnert er sich mit einem Schmunzeln.

Highlight: Der Film über die letzten Fahrten des Bähnles

Jeder, der die Lokalbahn noch kennt, hat sein persönliches Andenken. "Das Bähnle ist ein Nostalgie- und Identifikationspunkt", stellt Jan Merk, Leiter des Markgräfler Museums in Müllheim, fest. So bleiben Besucher der Regionalausstellung vor allem an einem raren Dokument vergangener Tage hängen: Ein Film über die letzten Fahrten des Bähnles. "Ein Highlight", so Merk. Es sind nostalgische Szenen, als sich die festlich geschmückte Lokalbahn am 21. Mai 1955 ein letztes Mal durch das Weilertal und Müllheim windet. Der Fotograf Werner Glaubrecht und sein Bruder hielten das Ereignis mit der Filmkamera fest.

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Der Weg für das Bähnle hinauf nach Badenweiler war auch in seiner Entstehung beschwerlich. Schon 1873 wünschten sich die Gemeinden im Weilertal eine Bahnlinie. "Die Eisenbahn war damals ein Zeichen des Fortschritts", erklärt Merk. Nach Gründung des Deutschen Reichs 1871 herrschte eine positive Stimmung, Investitionen flossen auch in das Bahnwesen. "Zudem war es die Hochzeit des Kurorts Badenweiler." Zwar gab es seit 1847 den Müllheimer Bahnhof. Doch lag dieser seinerzeit noch abgeschieden und weit vor den Toren der Stadt.

"Das Bähnle ist ein Nostalgie- und Identifikationspunkt." Jan Merk, Leiter des Markgräfler Museums in Müllheim
So recht ins Rollen kam das Bahnprojekt indes lange nicht, ehe 1894 der Bau der Strecke beschlossen wurde und die Gemeinden Müllheim, Badenweiler, Nieder- und Oberweiler zusammen mit Privatpersonen hierfür eine Aktiengesellschaft gründeten. 1895 erfolgte der Spatenstich für die Linie, die am 13. Februar 1896 eröffnet wurde. Die dampfbetriebene Bahn mit einem Meter Spurweite diente vor allem dem Personenverkehr. Rund 7,5 Kilometer lang war die Strecke, welche das Bähnle zuletzt in stolzen 26 Minuten bewältigte – der Omnibus benötigt heuer 25 Minuten.

Auf dem heutigen Müllheimer Bahnhofsvorplatz begann die Fahrt, führte den Klemmbach entlang in die Stadt hinein. An der Margarethenstraße bog das Bähnle ab, schlängelte sich um die Turnhalle herum auf die Werderstraße und folgte dem Weg hinauf nach Nieder- und Oberweiler. Das schwerste Stück meisterte das Bähnle auf seinem Schlussanstieg nach Badenweiler.

Auf den Bahn- folgte der Busbetrieb

Bereits im April 1914 war die gesamte Strecke elektrifiziert, die Lokalbahn überstand auch die schwierigen Anfangsjahre der Weimarer Republik. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg neigte sich die Zeit des Bähnles ihrem Ende entgegen. Der Verkehr nahm stetig zu, viele Leute hatten nun ihr eigenes Vehikel. Die Bahnstrecke hätte derweil kostenintensiv erneuert werden müssen. So folgte der Entschluss, den Bahn- auf den Busbetrieb umzustellen. Nicht nur wirtschaftliche Gründe seien ausschlaggebend gewesen, sagt Merk, der auch auf den damaligen Modernitätsglauben hinweist.

Als im Mai 1955 die Ära des Bähnles zu Ende ging, verschwanden alsbald auch ihre Spuren. An einigen Stellen sind sie freilich noch zu erkennen – sei es der Fußweg vom Müllheimer Bahnhof zur Alten Post entlang des Klemmbachs, sei es der Radweg zwischen Müllheim und Niederweiler. Oder der Alte Bahnhof in Badenweiler, der vor dem Abriss gerettet werden konnte und sich mittlerweile in Privatbesitz befindet. Der Film der Brüder Glaubrecht, er ist eines der wenigen Relikte des Bähnles. Allen voran Fotos haben die Zeiten überdauert, womöglich finden sich einige noch auf Speichern oder in alten Schuhkartons.

Auf der Suche nach alten Bilddokumenten

Dieter Lais, früher Mitarbeiter im Müllheimer Vermessungsamt, sucht nach den Bildern aus alten Müllheimer Tagen. Zwei Fotobücher über das Bähnle hat er privat erstellt, später soll das Museum sie erhalten. Und wer noch alte Bilddokumente findet? "Am besten zu mir bringen", sagt der 76-Jährige und lacht. "Nein, im Ernst: Wer noch Fotos hat, sollte sie dem Museum geben."

Objekte des Bähnles gibt es kaum noch, soweit Jan Merk bekannt ist. Das Markgräfler Museum besitzt Aktien der AG – freilich nur noch von historischem Wert – und eine Originaltasche des Schaffners. Doch schlummert noch irgendwo ein altes Bahnschild? Gar eine Holzbank eines Waggons? Es wären schöne Erinnerungen, um im Trubel einmal innezuhalten und sich in die Zeit des Bähnles versetzen zu lassen.
Schwarzfahrer Waldi

Einer der Herren vom Müllheimer Landratsamt (damals hieß es noch Bezirksamt) war Pächter der Jagd im Klemm. Sein gescheiter Dackel "Waldi" begleitete den Herrn natürlich auf jede Pirsch und kannte den Wald so gut wie nur einer. Herr B. achtete deshalb unterwegs nicht besonders auf Waldi, denn er wußte, daß ihm der Hund immer im selben Abstand folgte.

So stiegen die beiden eines Tages auch an der gewohnten Haltestelle des Bähnchens, an der Hasenburg, aus und marschierten in ruhigem Tempo Schweighof zu. Der Herr in Gedanken und voll Freude über den schönen Tag, der Hund folgsam aber gelangweilt.

In Schweighof bog der Jäger bei der Säge rechts ab auf den ansteigenden Weg nach dem Hochwald. Waldi aber begegnete einem Spielkameraden seiner Rasse und blieb stehen. Die Dackel fanden Gefallen aneinander und begannen ein förmliches Spielen und Sichjagen. Das war so schön, daß Waldi seinen Herrn vergaß, vollständig vergaß und im Dorf herumtollte, bis er genug hatte. Sein Herr ging indessen den gewohnten Weg weiter, in der Annahme, Waldi folge ihm. Erst als er ein Wild aufspürte, rief er den Hund an und merkte, daß er allein war. Ob er etwas zur Strecke brachte, weiß ich nicht, das tut auch nichts zur Sache. Aber als er abends heimkam, begrüßte ihn Waldi freudig und seine Frau sagte erleichtert: "Gottlob, Vatter, aß de do bisch. Mer hän scho gmeint, es seig der öbbis passiert, wil der Waldi scho lang do isch."

Als Herr B. nach einiger Zeit wieder ins Bähnle stieg, lächelte der Schaffner und sagte: "Herr B., Si hän au no öbbis noo z’zahle."
"Ich, nachbezahlen?", fragte Herr B. erstaunt.
"He jo, do letzthi emol isch Ihre Waldi an der Haseburg ellai ygstiege un bis zuem Amtsgericht mitgfahre." Da lachten sie beide, und der Fall war erledigt. Der Bürokratismus hatte im Bähnle keinen Sitz. (Von J. Preusch-Müller; aus der Müllheimer Rundschau vom 24. Mai 1985

Autor: Matthias Konzok