02. November 2009

Die Suche nach "echter Alternative"

MÜNSTERTAL. Wenn sich am heutigen Montag der Gemeinderat erneut mit der Digital-Funkstation "BOS" (Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben) auf dem Gewann Helmiseck im oberen Münstertal befasst, dann sind genau fünf Wochen vergangen, seit der Rat dieses Thema einstimmig vertagt hatte (die BZ berichtete). Diese Entscheidung gab der "Bürgerinitiative zum Schutz vor Strahlenbelastung Münstertal" Gelegenheit, im Rahmen einer Info-Veranstaltung kompetente Fachleute zu Wort kommen zu lassen.

Strahlt es oder strahlt es nicht? Viele Bürger haben Angst vor „Elektrosmog“. | Foto: DPA
Annähernd 100 Bürgerinnen und Bürger – nicht nur aus dem "betroffenen" Wohngebiet sondern auch Vertreter örtlicher Rettungseinrichtungen sowie ein halbes Dutzend Gemeinderäte – waren in den Saal im Gasthaus "Kreuz" gekommen, wohin Initiativ-Sprecher Frank Ternes auch einige Fachleute als Referenten eingeladen hatte: den Freiburger Allgemeinmediziner Wolf Bergmann, den Funktechniker und Strahlenexperten Ulrich Weiner sowie vom Regierungspräsidium (RP) Freiburg Polizeioberrat (POR) Uwe Oldenburg und den Ersten Polizeihauptkommissar (EPHK) Hilmar Reith.

Podium wie Auditorium waren sich darin einig, dass heute ohne Funk fast nichts mehr geht, dass mit dem Aufbau weiterer Funknetze auch Gesundheitsgefährdungen nicht auszuschließen sind, dass aber ohne das jetzt auf Münstertäler Boden geplante BOS-Tetra-Netz vielleicht eine verunglückte Person nicht geortet und damit nicht gerettet werden kann.

In seinem Vortrag gab der Mediziner Wolf Bergmann einen Einblick in die Welt der elektromagnetischen Kommunikation. Wenn diese mittels feinster Schwingungen im Zellsystem der Lebewesen (Mensch, Tier, Pflanze) funktioniert, "dann sind wir gesund", so der Mediziner. Wird der Zellorganismus jedoch von außen – zum Beispiel durch technischen Mobilfunk – beeinflusst, gestört, manipuliert, dann führt das zu biologischen Fehlinformationen, zu Eingriffen in den Lebenskreislauf, zu Krankheiten bis hin zu Krebs, stellt Bergmann aus jahrelanger beruflicher Erfahrung fest. Ziel für jeden einzelnen "Verbraucher" müsse heute sein, die Strahlenbelastung in seinem eigenen Umfeld so weit wie möglich zu minimieren.

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"Abwrackprämie" für ein 20 Jahre altes Funksystem
Zu einem ähnlichen Ziel kommt Ulrich Weiner, obschon er von einem ganz anderen Ansatzpunkt ausgeht. Der junge Funktechniker und Strahlenexperte hat alle Höhen und Tiefen heutiger Funk- und Wellentechnik am eigenen Leib durchlebt. Weiner stellt außer Frage, dass "wir einen funktionierenden Rettungsfunk" brauchen – nicht zuletzt für die haupt- und ehrenamtlichen Kräften im Polizei- und Rettungswesen. Das jetzt in Deutschland im Aufbau begriffene digitale Funknetz Tetra wertet Weiner indes als technisch überholt, obwohl es bereits in 20 Ländern Europas in Betrieb ist. Allein in Baden-Württemberg sind 550 Basistationen (von insgesamt 3600 in ganz Deutschland) vorgesehen, wofür das Land 400 Millionen Euro bereit stellt. Für Strahlenexperte Weiner eine "Abwrackprämie" für ein Funksystem, das 20 Jahre alt ist. Zwar könnten im gepulsten Tetra-System im Dauerbetrieb die Sicherheitsnetze untereinander kommunizieren, aber keine Notrufe absetzen.

Eine "echte Alternative" – die von mehreren Zuhörern im Saal gefordert wurde – sieht Weiner im weiterentwickelten dezentralen Funknetz "Tetra 2000". Dieses sendet nicht im Dauerbetrieb von täglich 24 Stunden, sondern "nur, wenn gesprochen wird", womit auch ein deutlich geringerer Stromverbrauch verbunden sei. Deutschland als Hightec-Land sollte sich das Beste leisten – und das sei Tetra 2000, so der Funkexperte. Im Übrigen ließe sich die bisherige strahlungsgünstigere Analog-Technik durchaus nachrüsten, ist sich Weiner sicher. Doch die deutsche Funkindustrie sei – aus rein fiskalischen Gründen – daran wenig interessiert. Schließlich lege sie auch die in Deutschland praktizierten "Grenzwerte" fest und zwar so extrem hoch bei 4,7 bis 9,5 Millionen Microwatt pro Quadratmeter (rund 200-mal höher als in der Schweiz!), so dass die "Grenzwerte" in Deutschland nie überschritten würden.

Stellvertretend für alle Sicherheitsbehörden im RP verwies POR Uwe Oldenburg auf die vor zwei Jahren zustande gekommene Vereinbarung zwischen dem Bund und den 16 Bundesländern zur Einführung der Tetra-Funktechnik mit dem Ziel einer flächendeckenden Netzsicherheit. Als letztes Land in Europa führe Deutschland diese Funktechnik aus den 90er-Jahren ein, wobei "wir uns auf die herrschende Meinung verlassen müssen". Zur bisherigen störanfällgen und nicht abhörsicheren Analog-Technik gebe es hinsichtlich Funktion und ausgereifter Technik neben Tetra "keine echte Alternative", bekannte der RP-Referatsleiter für Polizeitechnik. Die vorgesehenen Standorte für die Funkmasten, so EPHK Hilmar Reith vom RP-Referat BOS-Digitalfunk, werden bezüglich der Einhaltung der Grenzwerte von der Bundesnetzagentur geprüft, welche bei Grenzwerteinhaltung nach heutigem Stand "keine Gesundheitsrisiken" sieht.

In öffentlicher Sitzung am heutigen Montagabend stehen die Vermietung des Grundstückes im Gewann Helmiseck sowie die Baugenehmigung für einen Funkmast erneut auf der Tagesordnung.  

Autor: Manfred Lange



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