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15. Oktober 2016

"Ich arbeite lieber im Hintergrund"

BZ-INTERVIEW: Anneliese Gutmann aus Münstertal hat für ihre Entwicklungsarbeit in Haiti die Bundesverdienstmedaille erhalten.

  1. Diese Mädchen besuchen den Kindergarten, der in Haiti entstanden ist. Foto: privat/Gabriele Hennicke

  2. Anneliese Gutmann Foto: Gabriele Hennicke

  3. Hurrikan Matthew wütete zuletzt über Haiti und hinterließ vielerorts eine Spur der Verwüstung. Foto: obs/Aktion Deutschland Hilft e.V./World Vision

MÜNSTERTAL. Die gebürtige Münstertälerin Anneliese Gutmann ist mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet worden. Überreicht wurde sie ihr bereits im Mai in Haiti vom deutschen Botschafter Klaus Peter Schick. An diesem Sonntag ehrt die Gemeinde Münstertal sie mit einem Empfang. Die heute 65-Jährige ging 1980 von Münstertal nach Haiti und hat dort Schulen für heute mehr als 1000 Kinder gegründet. Sie wurden komplett durch Spenden finanziert. Gabriele Hennicke hat sich mit Anneliese Gutmann über ihr Lebenswerk unterhalten.

BZ: Frau Gutmann, freuen Sie sich sehr über die Bundesverdienstmedaille als Anerkennung für Ihre Arbeit?
Gutmann: Oh je ...! Mit solch öffentlichen Sachen kann ich nicht umgehen. Mir liegt mehr die Maulwurfspolitik.

BZ: Was meinen Sie damit?
Gutmann: Ich baue lieber etwas von unten her auf und arbeite im Hintergrund. Ich bin von Natur aus schüchtern. Das nimmt mir zwar niemand ab, aber so ist es! Ich habe auch in Haiti eine Ehrung abgekriegt, als die Schule in Meyer (Ort in Haiti, Anmerkung der Redaktion) 25 Jahre bestand, das war mir gar nicht so recht. Allerdings ist es doch schön zu sehen, dass die Arbeit anerkannt wird.

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BZ: Welche Einrichtungen gibt es im Einzelnen in Ihrem Haiti-Projekt?
Gutmann: Die Foundation Hoffnung für Haiti, unser Trägerverein in Deutschland, betreibt einen Kindergarten, eine Grund- und eine Sekundärschule in Meyer, in den Bergen etwa 60 Kilometer westlich der Hauptstadt Port au Prince. Hier wohne ich, hier gibt es auch eine Nähschule und eine Berufsschule. Wir bilden Hauswirtschafterinnen, Kindergärtnerinnen und Lehrer aus. Etwa sieben Kilometer entfernt, in Gerard, liegt unsere zweite Schule. Die Kinder können bei uns auch ihr Abitur machen. Die meisten kommen aus sehr armen Familien, in denen es am Nötigsten fehlt. Deshalb bekommen die Kinder bei uns jeden Tag eine warme Mahlzeit. Auch eine evangelische Gemeinde und eine Kirche gibt es. Der Glaube ist die Grundlage unserer Arbeit.
BZ: Wie finanzieren Sie diese Arbeit?
Gutmann: Die Eltern der Schüler zahlen ein kleines Schulgeld, das brauchen wir für die Instandhaltung der Gebäude. Die Gehälter der über 70 Lehrer und der anderen Angestellten sowie der Kinderspeisung finanzieren wir komplett aus Spenden. Dafür brauchen wir jeden Monat 13 000 Euro.

BZ: Das ist eine beträchtliche Summe. Wie kommt die zusammen?
Gutmann: Wir haben viele Dauerspender, aber ihre Zahl geht stark zurück, weil immer mehr von ihnen sterben. Dann gibt es vor allen Dingen hier in Münstertal und Umgebung, aber auch in Baden-Baden und Stuttgart, Menschen, die uns durch Spendenaktionen unterstützen. Unternehmen und Handwerksbetriebe spenden an uns, statt Weihnachtsgeschenke an ihre Kunden zu verschicken. Die Münstertäler Abt-Columban-Schule hat jedes Jahr einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt und verkauft Selbstgebasteltes zu unseren Gunsten. Die Lehrer der Schule finanzieren ein oder zwei Lehrergehälter bei uns. Oftmals werden statt Geburtstags- und anderen Jubiläumsgeschenken Spenden für Haiti gesammelt. Es laufen auch sonst ganz tolle Aktionen. Und dennoch wird das Geld immer wieder knapp. Es gibt ja auch so viele andere Projekte, die Unterstützung brauchen. Die meiste Arbeit mit den Spenden hat meine Schwester Maria Wiedmann, die sich in Münstertal um alles kümmert.

BZ: Am Dienstag besuchten Sie die Abt-Columban-Schule. Was haben Sie dort erlebt?
Gutmann: Meine Schwester und ich haben den Kindern Fotos von Haiti und vom Schulleben gezeigt. Damit sie selbst erleben konnten, wie die Schule dort abläuft, haben die Lehrer die Schüler gebeten, auch in einer Art Schuluniform, nämlich mit dunkler Hose und weißem Oberteil zu kommen. Irmgard Mölder hat mit den Kindern Reis und Bohnen, unser Schulgericht, gekocht, welches die Schüler anschließend probierten.

BZ: Vielleicht rückt der schlimme Wirbelsturm, der vor einigen Tagen die Insel heimgesucht hat, den Blick wieder mehr auf Haiti. Was wissen Sie über die Lage in Meyer und Gerard?
Gutmann: Vor wenigen Tagen kam ein kurzer Kontakt zustande. Ich erfuhr, dass die Dächer aller Schulen in Gerard abgedeckt wurden, auch unseres. Unsere Gebäude in Meyer kamen mit einem Wasserschaden davon. Die Straßen sind durch Erdrutsche blockiert – die Brücke hielt stand, wurde aber unterspült. Erneut wurde die Lebensgrundlage der Menschen zerstört.

BZ: Frau Gutmann, Sie leben jetzt seit 36 Jahren in Haiti, aber die Beziehung nach Münstertal ist nach wie vor sehr eng. Wie oft kommen Sie ins Tal?
Gutmann: So alle zwei, drei Jahre, immer dann, wenn irgendein Familienfest ansteht. Für einen jährlichen Besuch ist der Flug viel zu teuer und zu lang.

BZ: Mit 65 sind Sie nun im Rentenalter. Wie sind Ihre Pläne für die Zukunft?
Gutmann: Solange es möglich ist, will ich in Haiti leben. Ich will auch dort begraben werden, das habe ich meiner Familie schon klargemacht. In Haiti leben auch zwei meiner sogenannten Töchter, die bei mir aufgewachsen sind.

BZ: Und wie geht es mit dem Projekt weiter?
Gutmann: Das habe ich in den letzten Jahren schon sukzessive in die Hände meiner langjährigen haitianischen Mitarbeiter gelegt. Ich muss nur noch den Adlerblick drüber halten, sie führen es in meinem Sinne weiter. Ich lebe gegenüber von der Schule, kümmere mich um die Besucher und um die Freiwilligen aus Deutschland und bin das Gesicht nach außen.

Weitere Infos über die Arbeit von Anneliese Gutmann in Haiti finden Sie im Netz unter: http://www.foundation-ev.de Spendenkonto: Foundation e.V., Sparkasse Staufen-Breisach, IBAN: DE59680523280001196450, BIC: SOLADES1STF

Am Sonntag, 16. Oktober, um 17 Uhr findet die Ehrung in der Belchenhalle im Münstertal statt. Anneliese Gutmann zeigt Fotos und beantwortet Fragen zu ihrer Arbeit. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

ZUR PERSON: Anneliese Gutmann

Die 65-Jährige ist als das älteste von sieben Kindern in Münstertal aufgewachsen. Sie arbeitete als Einzelhandelskauffrau im örtlichen Edeka-Markt, bevor sie im Alter von 28 Jahren für den Christlichen Hilfsdienst nach Haiti entsandt wurde. Dort baute sie zunächst ein Waisenhaus und ab 1989 die Schule in Meyer auf.  

Autor: geh

Autor: geh