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03. November 2016

Regionales Fleisch per Mausklick

Wissen, wo’s herkommt – das ist vielen Kunden heutzutage wichtig. Besonders wenn es ums Fleisch geht. Das ist auch die Philosophie von Moriz Vohrer vom Liesenhof im Münstertal. Er hält Heidschnucken, die er als „Berglämmle“ übers Internet verkauft.

  1. Auf der Website können sich die Kunden Fotos der Heidschnucken anschauen und so ein Tier auswählen. Foto: Konstantin Görlich/privat

  2. Moriz Vohrer Foto: privat

Der Liesenhof liegt auf dem Stohren am Westhang des Schauinsland mit Blick in die Rheinebene. Im Sommer zirpen hier die Grillen, Kuhglocken läuten, die 20 Heidschnucken von Moriz Vohrer dösen im Schatten der Bäume. Doch mit dem Herbst kam das kältere Wetter und für die Tiere wurde es Zeit, ihr hochgelegenes Sommerquartier zu verlassen. In wenigen Tagen werden sie zum Metzger gebracht. Denn "Berglämmle" hat einen einfachen Hintergedanken: Iss ein Lamm, das du als Lammpate unterstützt hast.

Der Kunde kann sich sein Lamm entweder persönlich vor Ort aussuchen oder aber er wählt es sich über die Website von Moriz Vohrer aus. Wie der 34-Jährige auf die Idee dazu kam? "Ich mit meinen paar Schäfchen habe gesagt: Wir gehen ins Extreme. Wir wollen den Kunden wirklich zeigen: So sieht das Schaf aus, das ihr esst. Ihr könnt es euch aussuchen, ihr könnt es euch auch anschauen." Vohrer ist Quereinsteiger und studierter Forst- und Umweltwissenschaftler. Den Hof hat er von seinen Eltern übernommen. Die Schafe hält er dort mit Hilfe seines Nachbarn, einem passionierten Heidschnuckenhalter. "Da kommt jetzt noch Vieles auf mich zu: Schafe scheren oder auch mal metzgern. Ich habe einen Metzgerkurs gemacht. Dann werde ich selbst einmal Leberwurst herstellen", sagt Vohrer.

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Jetzt im November werden die Lämmer zum Bio-Metzger gebracht, der sie betäubt, tötet und zerlegt. Der genaue Zeitpunkt ist wetterabhängig, da darauf geachtet werde, dass die Tiere ruhig und trocken seien. Biozertifiziert ist Vohrers Fleisch allerdings nicht, denn seine Schafe bleiben in einer Herde mit Tieren der Nachbarn auf unterschiedlichen Wiesen zusammen. Um sich Bio nennen zu können, müssten sich alle Nachbarn zertifizieren lassen.

In der Kühlbox kommt das Fleisch direkt zum Kunden. Ein ganzes Lamm kostet 300 Euro, ein halbes 150 Euro. Wer sich zusätzlich das Fell wünscht, kann das für 60 Euro bekommen. Die Lammpaten sollen auch auf dem Hof aktiv werden, wenn sie wollen. "Fell scheren, Maulwurfshügel ebnen, das können sie gerne übernehmen", sagt Vohrer.

Einen eigenen Hof zu unterhalten, ist nicht einfach und mit vielen Widrigkeiten verbunden. Doch Vohrer hat einen Antrieb: Er will zeigen, wo das Fleisch auf dem Teller herkommt. "Ich weiß nicht, in wie vielen Supermärkten ich nachgefragt habe: Woher kommt Ihr Fleisch? Antworten wie ,Aus Deutschland’ oder ,Aus der Kühltruhe’ reichen mir nicht. Meine Begierde danach, die Herkunft des Fleischs zu kennen, war und ist groß. Und dann selbst zu entscheiden, ob ich es letztendlich esse." Der Einzelhandel, meint er, habe kein Interesse daran, Transparenz zu zeigen. Vohrer orientiert sich an Online-Händlern wie "Bio mit Gesicht", "MyCow" oder "Meine kleine Farm", die Handel mit Fleisch betreiben. Auch dort würden Transparenz und Qualität großgeschrieben. Alle Lämmer kommen im Frühjahr zur Welt. Die Schafe sind eigentlich das ganze Jahr draußen. Sie können sich aber aussuchen, ob sie draußen oder drinnen sein möchten. Das Heu kommt von dem Teil der Wiese, den die Tiere im Frühjahr nicht als Weide nutzen. Dünger und Kraftfutter werden nicht verfüttert. "Sie haben hier so viel Platz, können hoch und runter rennen. Ich kann gut damit leben, wenn sie im November weggebracht werden, weil ich weiß, dass es ihnen gut ging", erklärt Vohrers Ehefrau Anne. Und er ergänzt: "Es sind keine Haustiere. Aber man hat schon immer ein Auge auf sie, und wenn man mal eines wieder aufgepäppelt hat, hängt man schon daran."

Dünger und Kraftfutter sind tabu

Natürliche Tierhaltung ist dem 34-Jährigen wichtig: "Tiere sind für mich die, die frei laufen können. Und sich Schutz suchen können, wenn sie Schutz brauchen. Schafe können draußen bleiben, dort sind sie glücklich. Man muss nur darauf achten, dass sie geschoren werden, bevor es ihnen zu warm wird." Moriz Vohrer will nicht nur seine Lämmer verkaufen, sondern die kleinbäuerliche Landwirtschaft am Leben erhalten. "Landwirte halten die Landschaft offen und das ist seit Hunderten von Jahren Kulturgut", sagt er. Doch einfach ist das nicht: "Man bekommt zwar Subventionen, aber damit kann ich einmal die Messer schleifen lassen. Man hat derzeit keine ökonomische, nachhaltige Grundlage hier zu arbeiten."

Ideen hat Vohrer jedoch genug. "Ich kann nur ein Beispiel setzen und hoffen, dass die Stadt sagt: Wir machen zum Beispiel eine Onlineplattform, um im Kollektiv zu vermarkten, damit wir Stadt und Land besser verbinden", sagt Moriz Vohrer. Allein, wenn Landwirte auch einen Mindestlohn erhalten müssten, sei das eine große Erleichterung. "Dann müssten die Preise der Lebensmittel so hoch angesiedelt werden, damit es funktioniert. Das wäre schön."

Mehr Infos unter http://www.berglaemmle.de

Autor: Anna Germek