03. Dezember 2008 15:31 Uhr
Hippe Handarbeiten
Nach Stich und Faden
Sticken, Stricken und Nähen wird wieder modern. Der Trend kommt aus Amerika. Auch in großen deutschen Städten treffen sich Frauen bei Latte Macchiato und Cappucino und tauschen sich über Muster und Garne aus.
Der verzückte Ausdruck auf den Gesichtern, das Leuchten in den Augen – man könnte meinen, es sei schon Weihnachten. Doch es sind nicht Geschenke, die den fünf jungen Frauen Ausrufe entlocken wie "Ist ja geil! Ganz neu?" oder: "Muss ich gleich testen, was kann die alles?". Das Objekt ihrer Begierde ist von bemerkenswerter Schlichtheit: ein quaderförmiges Gebilde mit weißer Plastikummantelung – eine Stickmaschine.
"100 einprogrammierte Stickbilder plus Software und USB-Anschluss, Mädels, damit können wir auch Bilder aus dem Internet runterladen", schwärmt Linda Eilers. Die Mädels, ein Grüppchen im Alter zwischen Mitte 20 und Mitte 30, sind Stammgäste im "Stitch ’n’ Bitch". Nähen und Lästern – Motto und Name von Linda Eilers Nähcafé in Berlin-Kreuzberg. 80er-Jahre-Musik, gestreifte Tapeten, stapelweise Zeitschriften mit Schnittmustern, Näh- und Schneidertische, dazu 14 Nähmaschinen. Nicht zu vergessen die Hightechstickmaschine. Für fünf Euro die Stunde kann jeder, der Stoff und eine Idee mitbringt, loslegen. Im Preis inbegriffen: Kaffee, Tee – und der gute Rat von Linda Eilers, 31. Sie bringt ihren Gästen bei, wie man Röcke schneidert, T-Shirts bestickt, Umhängetaschen und Lap-Top-Hüllen näht.
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Wer hat da im Hintergrund die Maschen gezogen? Oder lag es vielmehr daran, dass es im Vordergrund passiert ist? Dass sich Stars wie Julia Roberts, Sandra Bullock, Cameron Diaz, ja, selbst Russell Crowe öffentlichkeitswirksam dazu bekannt haben, in den Drehpausen Ringelpullis, Babyhemdchen und Schals zu stricken? Oder liegt es an unserer heutigen Zeit, der so gerne das Etikett "schnelllebig" aufgedrückt wird? Hat Handarbeit therapeutische Wirkung? Ja, meinen Forscher der Harvard Medical School: Der gleichmäßige, fast monotone Rhythmus senkt den Blutdruck und baut Stress ab. Handarbeit, die Alternative zu Yoga.
Noch eine weitere Ausgleichswirkung wird dem neuen alten Hobby zugeschrieben: Die Technisierung der Arbeitswelt, stundenlanges Sitzen vor dem PC – der Alltag bietet wenig Möglichkeiten, sich künstlerisch-kreativ auszudrücken. Die Beschäftigung mit textilen Techniken ist da eine willkommene Abwechslung, sagt Brigitte Holzhausen vom Fachbereich Mode- und Textilwirtschaft der Hochschule Heidelberg.
Weiblich, jung und internetaffin – Luise ist eine typische Anhängerin der Handarbeitswelle. Die textile Renaissance wäre ohne das Internet gar nicht möglich gewesen: Fingerfertige mit gleich gestrickten Interessen finden via Web zusammen, verabreden sich zu Nähpartys und pflegen ihre Strick-Blogs. Bebilderte Internettagebücher, in denen Wollmieze, Nadelmaus oder Strickhexe erklären, wie man Meerjungfrau-Socken strickt oder Taschen aus Milchschafwolle filzt.
"Junge Leute gehen mit dem Thema sehr unbefangen und offen um. Für sie ist Handarbeit nichts Verstaubtes, sondern etwas Kreatives", sagt Gründerin und Geschäftsführerin Claudia Helming. Den Profit hält sie nicht für den Hauptantrieb der Verkäufer: "Geld spielt natürlich eine Rolle. Aber viele haben in erster Linie Spaß daran, sich und ihre Artikel, in denen ja immer ein Stück ihrer Persönlichkeit steckt, einem großen Publikum präsentieren zu können und Feedback zu bekommen." Der Reiz für die Käufer liege vor allem in dem Wissen, Artikel jenseits des Mainstreams zu erstehen. "Die Gesellschaft ist übersättigt mit den immer gleichen Massenprodukten aus den immer gleichen Einkaufszentren. Die Sehnsucht nach Individualität ist sehr ausgeprägt."
Bei aller Individualität: DaWanda selbst ist ein Klon des amerikanischen Portals Etsy. Natürlich stammt die Idee für den Online-Flohmarkt für Selbstgemachtes aus den USA, die als Schrittmacher der "Handmade"-Bewegung gelten. Dort, wo die Handarbeit verheißungsvoll "arts and crafts" genannt wird, entstehen die Trends. Was in den Staaten in ist, braucht ungefähr drei Jahre, bis es nach Deutschland schwappt. "Ich habe den Eindruck, dass vor allem Hollywoods Drehpausenst ricker viel zum Imagewechsel der Handarbeit hierzulande beigetragen haben", sagt Claudia Helming. "Inzwischen ist Stricken aber nicht mehr am gefragtesten. Nähen ist die Toptechnik."
Das haben die beiden deutschen Jungdesignerinnen Nora Abousteit und Benedikta von Karaisl schon vor eineinhalb Jahren erkannt. Inspiriert von den alten "Burda-Moden"-Heften mit Mustern zum Nachschneidern haben sie für das Verlagshaus von New York aus die Webseite "Burda Style" aufgezogen. Altes Prinzip im neu geschneiderten Gewand: Ein Portal, von dem sich die "Näh-Community" umsonst Schnittmuster herunterladen kann und sie je nach Geschmack und Geschick verändert. Die abgewandelten Ideen landen wieder im Netz, werden von den anderen Mitgliedern kommentiert, nachgenäht oder nochmals modifiziert.
International geht es auch im Kreuzberger Nähcafé "Stitch’n’ Bitch" zu: Stolz hält die Unternehmensberaterin Susanne eine Jeans in Miniformat in die Höhe. Statt Anerkennung gibt"s jedoch hysterisches Gelächter: Auf Höhe der Kniekehlen zeichnen sich zwei deutliche Beulen ab, die definitiv nicht auf das raffinierte italienische Design zurückzuführen sind. "Meine Güte, ich habe die Knie hinten angenäht! Aber auf keinen Fall mache ich das alles wieder auf. Dann ist das jetzt eben Trend."
Vielleicht bringt diese Handarbeitswelle tatsächlich Trends hervor, die aus Deutschland stammen. Es müssen ja nicht gerade Jeans mit beutelartigen Kniekehlen sein.
Autor: Sandra Müller






