Auf den Wolf gekommen

Antje Lechleiter

Von Antje Lechleiter

Mo, 21. Januar 2019

Kunst

Die Ausstellung "Gerissen" im Waldkircher Kunstforum.

Gleich mal vorweg: Der lakonische Titel der Ausstellung heißt "Gerissen", und er bringt mit schnörkelloser Eleganz Täter und Opfer unter einen Hut. Es geht um den Wolf und das Schaf, um das Gerissen-Sein und das Gerissen-Werden.

Keine Frage, der Wolf ist schwer belastet. Schon im Märchen hat kaum ein Tier ein so schlechtes Image wie der Wolf. Er war kein Sympathieträger, brachte man ihn doch gerne in Verbindung mit Zauberern, Hexen und sogar dem Teufel persönlich. In Mitteleuropa wurde der Wolf zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert nahezu ausgerottet. Nun ist er wieder da. Doch die Märchen aus uralten Zeiten haben tiefe Wurzeln und prägen bis zum heutigen Tag unsere Vorstellungswelt. Im beschaulichen Südwesten gab es bislang noch keine Anti-Wolf-Demonstration, so wie im November 2018 in Potsdam, doch von einer ausgesprochenen Willkommenskultur für Wölfe kann auch im Schwarzwald nicht gesprochen werden. Kaum ward der Wolf gesichtet, lag er auch schon tot im Schluchsee. Er hatte keine Wackersteine im Bauch, aber ein Projektil in der Leber und wurde vermutlich nicht in Notwehr erschossen.

Man muss weit zurück in die Geschichte gehen, um auf einen respektvolleren Umgang mit Meister Isegrimm zu stoßen. Germanengott Wotan hatte es mit den Wölfen und Romulus und Remus verdankten ihr Überleben einer säugenden Wölfin. Im alten Ägypten schließlich trug der Gott des Totenreichs Anubis einen Wolfskopf – oder war es der eines Schakals? Auf jeden Fall war es ein Canide, zu denen ja auch der Wolf gehört: Lupus canis. Bekanntlich ist sogar der deutsche Dackel ein Wolf, der durch strenge Zucht langfristig auf den Hund gekommen ist. Als Jagdhund von der Leine gelassen zu werden, das ist das höchste der hündischen Gefühle. Der Wolf aber repräsentiert die freie Wildbahn. Er ist der Jäger unter den Gejagten. Nicht Wild, sondern wildes Tier.

Man muss sich nicht unbedingt dem Beipackzettel der Präsentation im Waldkircher Kunstforum anvertrauen und die Räume mit einer Frage wie "Entlädt sich im Umgang mit Wölfen das Spannungsfeld umfassender Problemstellungen innerhalb der Gesellschaft?" betreten. Nach dem Besuch drängt sich auch nicht zwingend das Resümee auf, hier habe die nötige "künstlerische Auseinandersetzung" mit der "häufig verkürzt dargestellten" "Schaf-Wolf-Thematik" stattgefunden. Katharina Gehrmann, Christine Huss, Kerstin von Klein, Julia Krohm und Katja Wüstehube nähern sich dem abgesteckten Problemfeld spielerisch und bedürfen keiner verbalen Krücken zur Erläuterung ihrer Intentionen. Man kann Wüstehubes Fleischwolf, der Schafswollfäden herauswürgt, einfach so im Raume stehen lassen und aus eigener Kraft assoziieren, und die Textbilder von Gehrmann lassen sich gewiss als Illustrationen zu Thomas Hobbes’ "Homo homini lupus" verstehen. Ja, der Mensch ist dem Mensch ein Wolf. Dem Wolf aber auch. Und die Schafe? Sind aus Kuschelstoff. Sie liegen als Opferkollektiv am Boden, mit Nadel und Faden zu einer Patchworkdecke vereint. Gerissen oder geschlachtet? Komm und sieh selbst!

Georg-Scholz-Haus Kunstforum, Schlettstadtallee 9, Waldkirch. Bis 17. Februar; Fr und Sa 15-18, So 11-16 Uhr.