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10. November 2017

Den Scherenschnitt reaktiviert

Stephanie Laeger und Henning Eichinger stellen im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch aus.

  1. Stephanie Laeger: „4 Köpfe mit gelbem Hintergrund“, 2017 Foto: Roland Krieg

Zwei Titel, "Zaungäste" und "Fische und Forscher", signalisieren bereits, dass es um zwei getrennte Ausstellungen geht. Im Georg-Scholz-Haus Waldkirch stellt die Freiburger Künstlerin Stephanie Laeger Portraits aus, während der Reutlinger Henning Eichinger collagierte Malerei zeigt. Auf seinen weitgehend in Schwarz gehaltenen Bildern sind die Übergänge zwischen Gegenständlichkeit, Ornament und Abstraktion fließend. Die Flossenmaserung eines Karpfens oder die Stofffalten eines Kleidungsstücks setzen sich in üppigen Arabesken fort, die ihrerseits wie bei einem Säulenkapitell auf dem Bild "Zum Licht" auch mal minutiös ausgearbeitet sein können. Sind die aus der Säule aufstiebenden Insekten noch klar voneinander zu unterscheiden, so verlangt die Serie mit dem Gemälde "Camouflage" besondere Aufmerksamkeit, um die einander überlagernden Bildebenen simultan zu erfassen. In comicartigem Schwarzweiß finden sich Menschen, Tiere und Gegenstände von Pflanzenornamenten und mäandernden Schlangenlinien um- und überwuchert zu Schattenszenarien, die mit dem Unheimlichen liebäugeln.

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Bemerkenswert an Eichingers Konzeption ist die zeitgemäße Reaktivierung des Scherenschnitts, einer Kunstgattung, die seit der Erfindung der Fotografie fast völlig verschwunden war. Während die charakteristischen Konturen sich auf den Gemälden lediglich formal wiederholen, reproduzieren die Schnittformen in den Collagen die Ästhetik des Scherenschnitts explizit, wenngleich die Malerei dominantes Medium bleibt, indem die Lackbehandlung der Oberflächen die heterogenen Bildbestandteile harmonisiert.

Auf den ersten Blick identifizierbar hingegen sind die frontal gemalten Porträts von Stephanie Laeger. Eine Gruppe dicht gedrängter Frauen, die ihre Kopftücher als moslemisch ausweisen, machen den Titel "Zaungäste" zu einer politischen Anspielung. Aus den Gesichtern allerdings hat die ausgewiesene Porträtmalerin alle individuellen Merkmale entfernt, so dass durch die Überbetonung des Flächigen und der Augen sowie die Hervorhebung der Nasenrücken die physiognomischen Besonderheiten sich im Gesichtsschema verlieren. Mit solchen Verallgemeinerungen zieht die Künstlerin die Konsequenz aus der irritierenden Erfahrung, dass Gesichtsausdrücke kaum festzuhalten sind. Demgegenüber wird jedoch bewusst, dass individualisierte Einzelportraits immer nur Momentaufnahmen darstellen, die die Künstlerin dazu herausfordern, über den aktuellen Eindruck hinaus den Charakter eines Porträtierten zu treffen. Es spricht durchaus für sie, diese Problematik mit künstlerischen Mitteln zu lösen, und zwar außer mit dem üblichen Zeichenwerkzeug mit Mischtechniken, Nass-in-Nass-Malerei oder Manipulation der Oberflächen durch Wischen, Schmirgeln oder Rubbeln.

Wenn es in dieser Parallelausstellung thematisch und künstlerisch keine Brücke zu geben scheint, so findet sie ihre Logik jedoch darin, noch einmal an die immense Vielfalt einer mehr als 30 Jahre dauernden Ausstellungspolitik zu erinnern, die in diesen hellen, für die Kunst geradezu prädestinierten Räumen stets ein großes Publikum angezogen hat. Nachdem die Gemeinde Waldkirch das Gebäude nun verkauft hat, gibt sie zum Jahresende eine erfolgreiche Institution auf. Es wird weitergehen, sicher doch! Irgendwie schon – ab nächstem Jahr aber nur noch irgendwo.

Georg-Scholz-Haus, Merklinstr. 19a, Waldkirch. Bis 26. November, Fr, Sa 15–18 Uhr, So 11–16 Uhr.

Autor: Herbert M. Hurka