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25. Februar 2009 17:30 Uhr

Vatikanische Ausstellung zu Papst Pius XII.

Der engelsgleiche Hirte des Herrn

Eine Ausstellung in Berlin soll Aufschluss geben über das Leben und die Persönlichkeit von Papst Pius XII. Bis heute ist dieser Inhaber des Petrus-Amtes umstritten – gerade auch wegen seiner Haltung zum Holocaust.

  1. Ist bis heute umstritten: Papst Pius XII. Foto: dpa

Im Berliner Schloss Charlottenburg ist derzeit die Ausstellung "Opus Iustitiae Pax" über das Leben und Wirken von Eugenio Pacelli zu sehen. Vor 70 Jahren, am 2. März 1939, war er zum Papst gewählt worden und hatte sich den Namen Pius XII. gegeben. Sein Pontifikat gehört zu den umstrittensten der modernen Papstgeschichte.

Nun ist Eugenio Pacelli doch noch nach Berlin zurückgekehrt. Am 15. Dezember 1929 hatte er die Stadt wehmütig verlassen, um in Rom das Amt des Kardinalstaatssekretärs anzutreten. Er wagte sogar gegen seinen Chef Papst Pius XI. eine kleine Revolte. Vergeblich! Pacelli musste an den Tiber umziehen. Das geliebte Berlin sah er nie wieder.

Das Päpstliche Komitee für Geschichtswissenschaften hat eine umfangreiche Dokumentation über Eugenio Pacelli zusammen gestellt und nach Berlin geschickt. Den Besucher erwarten Fotos, Schulzeugnisse und Privatbriefe Pacellis. Bestaunen kann man die kostbare Tiara, edelsteinbesetzte Hauspantoffel, eine sprechende Bronzebüste und persönliche Geschenke, etwa eine kleine chinesische Edeldschunke aus Gold oder den päpstlichen Elektrorasierer. Auf Infotafeln kann man den Lebensweg Pacellis verfolgen.

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Der Anspruch des Geschichtskomitees ist groß. Die Besucher sollen einen lebendigen Eindruck gewinnen von der Persönlichkeit Pius XII. und von den vielfältigen Seiten seines Amtes. Doch die Ausstellung wird dem Anspruch nicht gerecht. Pacelli tritt dem Besucher wie ein Engel entgegen. Hinweise auf Probleme oder Fehler sucht man vergebens.

Aufgrund vieler Zeugnisse wissen wir, wie unsicher und zaudernd Pacelli war. Das kann man nirgends besser sehen als bei der Frage nach seinem Schweigen zum Holocaust. Im Dauerkonflikt zwischen der moralischen Pflicht eines päpstlichen Protestes und diplomatischem Stillhalten hat er sich gequält. Akribisch fahndete er nach letzten Details und schloss keine Eventualität aus. In diesem Geflecht skrupulöser Gewissenhaftigkeit hatte sich Pius XII. verheddert. Das gab er selbst zu. Fehlentscheidungen waren programmiert.

Den schwerwiegendsten Fehler machte Pius XII. am 16. Oktober 1943. Todeshäscher des Holocaust waren in die Ewige Stadt eingedrungen und hatten die jüdische Gemeinde ergriffen. Über 1000 Menschen fielen einer SS-Razzia zum Opfer. Die Gefangenen wurden zwei Tage lang nahe beim Vatikan interniert, bevor sie in Viehwaggons nach Auschwitz deportiert wurden. Pius hatte zwar vergeblich versucht, die Razzia zu stoppen, aber er hatte nichts unternommen, um die todgeweihten Juden zu befreien. Pius rief keinen kurialen Krisenstab ein, stellte keine Alarmverbindung zu seinem Nuntius in Berlin her, formulierte keinen Protest und kein Ultimatum. Am 18. Oktober verhinderte er nicht die Abfahrt des Zugs mit 1022 Menschen nach Auschwitz.

Es ist skandalös, wie wenig Aufmerksamkeit die Vatikan-Ausstellung diesem ethischen Super-GAU für Pius XII. in seiner Bischofsstadt widmet. Noch nie in der langen Geschichte Roms wurde die jüdische Gemeinde unter den Augen des Stellvertreters Christi von Feinden gewaltsam weggeführt und ermordet. Der Papst verstand sich immer auch als Schutzherr übers alte Gottesvolk. In der Ausstellung findet man ganze zwei Zeilen zur Tragödie der Judenrazzia in Rom.

Viel Platz indes genießt die Widerlegung des Schweigens. Eigens dafür wurde ein Raum reserviert: "Hier hören Sie das Schweigen des Papstes" – so empfängt ein Schriftzug die Besucher. Doch die Zitate sind ungeeignet, das Schweigen zu widerlegen. An Weihnachten 1942 sprach der Papst von "Hunderttausenden, die persönlich schuldlos bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen dem Tode geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben" seien. Verpackt in einem theologischen Diskurs nannte er weder Ross noch Reiter und untertrieb maßlos. Ende 1942 hatte Pius schon Kenntnis von rund zwei Millionen ermordeter Juden.

In seiner Ansprache an die Kardinäle orakelte Pius noch mehr. Dort sprach er von denjenigen, die wegen ihre Nationalität oder Rasse "bisweilen Einschränkungen unterworfen sind, die ihre Ausrottung bedeuten". Inwiefern dieses missliche Zitat den Besucher von einem Protest des Papstes überzeugen soll, bleibt das Geheimnis des pontifikalen Komitees. Die "Einschränkungen" waren Gaskammern, Massenexekutionen in Gruben oder Hungertod in Gettos. Das war Pius XII. detailliert bekannt. Wie sagte doch Papst Benedikt XVI. am 12. Februar 2009: "Es ist über jeden Zweifel erhaben, dass jede Leugnung oder Herabsetzung dieses furchtbaren Verbrechens untragbar und gänzlich inakzeptabel ist."

Warum die Vatikan-Ausstellung Pacelli derart überhöht, scheint offensichtlich. Dem Besucher muss die Seligsprechung des engelsgleichen Hirten des Herrn opportun erscheinen. Es ist nur konsequent, dass in der Ausstellung jeder Hinweis auf das selbstkritische Testament dieses Papstes vermieden wird.
– Im Berliner Schloss Charlottenburg ist die Ausstellung bis noch bis 7. März zu sehen. Dann geht sie nach München.
– Der Autor ist promovierter Theologe, Verfasser des aktuellen Buchs "Warum der Papst schwieg. Pius XII. und der Holocaust" und lebt in Denzlingen.

Autor: Klaus Kühlwein