Theater

Der slowenische Regisseur Jernej Lorenci inszeniert in Freiburg das Nibelungenlied

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

Fr, 19. Oktober 2018

Theater (TICKET)

Der slowenische Regisseur Jernej Lorenci inszeniert in Freiburg das Nibelungenlied.

Das Nibelungenlied ist: Gunther in der Hochzeitsnacht am Haken, Verrat, Streit um Gefolgschaft, Liebe und Rache. Jene Mischung, die man heute auch in Netflix-Serien findet. Am Theater Freiburg inszeniert Jernej Lorenci, der 2017 mit dem Europäischen Theaterpreis ausgezeichnet wurde, das Epos.

Es ist ein bisschen paradox, dass ein Regisseur eigentlich kein Interesse an dramatischen Stoffen hat. Zumal dann, wenn er wie Jernej Lorenci als einer der interessantesten Theaterregisseure Sloweniens gehandelt wird. Eine seiner ersten Inszenierungen galt zwar noch dem Drama, doch als er 1996 mit 25 Jahren Sophokles "Antigone" auf die Bühne brachte, griff er bereits auf die Anfänge des Theaters zurück.

Lorenci geht auch heute dahin zurück, wo die Erzählungen archaisch, aber immer noch so lebendig sind, dass sie Teil des Alltag geblieben sind und vom Kino und der Popkultur fortgeschrieben werden. Der slowenische Regisseur inszenierte die Bibel, die Ilias, das Gilgamesch-Epos und unter dem Titel "Kingdom of Heaven" ein mittelalterliches serbisches Epos. Wenn er in Freiburg nun das "Nibelungenlied" adaptieren wird – nach der jüngeren nordischen Variante der Völsunga-Saga – kommt dies also gar nicht so überraschend.

"Ich bin in diese alten epischen Stoffe verliebt", sagt Jernej Lorenci, der erstmals in Deutschland inszeniert. Und er holt aus: wegen ihrer besonderen Poesie und ihrer Radikalität und weil eine Liebe dort auch dann noch eine Liebe ist, wenn sie zerstörerisch ist. Wer würde da nicht an Kriemhild denken, der eine List – oder ihre Hybris – den geliebten Mann nimmt, die Jahre auf Rache sinnt und sie am Ende an ihrer Familie vollzieht? Gut möglich, dass diese Epen, dieses sperrige europäische Erbe, auch ein künstlerischer Freibrief sind für Lorenci, denn jeder kennt sie, doch gelesen werden sie kaum.

Doch der Slowene ist auch in anderer Hinsicht ein ungewöhnlicher Regisseur. Lorenci ist kein Diktator, er kommt nicht mit fertigen Konzepten auf die Probebühne. Er versteht die Schauspieler als Co-Autoren und arbeitet im Team, in dem zwar Aufgabenbereiche, aber keine strengen Hierarchien existieren. "Ich bin geduldig, unterstütze und organisiere", beschreibt Lorenci seine Vorgehensweise. Statt über Rollen zu reden, vergab er in Freiburg Hausaufgaben an das achtköpfige Ensemble.

Aus dem Material kristallisiert sich im Lauf eines Prozesses Text, Handlung und Struktur. Lorencis Inszenierungen werden gleichermaßen als minimalistisch und monumental beschrieben. Am Theater Freiburg hat er das Große Haus zur Verfügung. Seine Stoffe mögen archaisch sein, doch von ihrer Form her seien sie dem postdramatischen Theater einer Elfriede Jelinek verwandt, sagt Freiburgs Chefdramaturg Rüdiger Bering, der die Produktion begleitet. Jernej Lorenci ist nicht nur denkbar weit weg von einer nationalen Lesart des Nibelungenliedes, er ist in seiner Liebe zu diesen Stoffen sehr reflektiert.

Termine: Freiburg, Das Nibelungenlied, Theater, Großes Haus, Premiere: Sa, 20. Okt., 19.30 Uhr. Weitere Aufführungen: 26. Okt., 2., 4., 11. und 18. Nov.