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13. Oktober 2012

Die entmystifizierte Kunst

Das Vitra Design Museum beleuchtet in der neuen Ausstellung das Verhältnis von Kunst und Design.

Die Popkultur hat sich tief in den Alltag moderner Gesellschaften eingegraben, schwingt in fast allen Sphären der westlichen Lebensweise mit. Erste Impulse dieser poppigen Durchdringung der Welt kamen – wie vieles nach dem Zweiten Weltkrieg – aus dem angloamerikanischen Raum, nicht zuletzt aus England. Dort bespielten schon in den Fünfzigerjahren frühe Pop-Protagonisten die Bühnen; 1962 wurde in einer Konferenz im New Yorker Museum of Modern Art dann erstmals der Begriff Pop-Art verwendet. 50 Jahre nach diesem "Geburtstag" rückt das Weiler Vitra Design Museum in der Ausstellung "Pop Art Design" das für das Genre konstitutive Wechselspiel von Kunst und Design, deren "Verwandtschaft", sagt Museumsdirektor Mateo Kries ins Blickfeld.

Der erste Blick nach dem Eingang fällt auf eine riesige Reproduktion von Richard Hamiltons bereits 1956 entstandene Collage "Just What Is It That Makes Today’s Homes So Different, So Appealing?" Im Stil eines Manifestes rückt das Werk an dieser prominenten Stelle Motive und Sujets in den Blick, die die Pop-Art (später) durchdekliniert: Da wird eine Gleichzeitigkeit paralleler Welten in Szene gesetzt; da wir mit dem Verhältnis von Innenraum und Außenwelt gespielt; da flimmern Symbole des American Way of Life und der Konsumgesellschaft durchs Bild; da blitzt Werbung auf; da wird mit Zitaten jongliert; da spielen das halbnackte Paar und seine stilisierten Körper an auf Verobjektivierungstendenzen und die Sexualisierung öffentlicher wie privater Räume.

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Mit diesem Aufschlag wagt die in Kooperation mit dem dänischen Louisiana Museum of Modern Art und dem Moderna Museet aus Stockholm von Mathias Schwartz-Clauss kuratierte Ausstellung im ständigen Dialog von Kunst und Design "einen neuen Blick auf die Pop-Art" (Kries) und rückt dabei deren Funktionsweise ins Zentrum. Mehr als 140 Werke, die – ein Novum für das Vitra Design Museum – fast paritätisch der Kunst- und der Designsphäre entstammen, illustrieren deren Wechselwirkungen; darunter sind etliche Originale von Andy Warhol und Jasper John, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburgs oder Allen Jones, der in provozierenden Skulpturen immer wieder tradierte Geschlechterrollen ironisch aufs Korn nimmt. Das Design vertreten unter anderem Achille Castiglioni, Alexander Girard, Charles Eames und George Nelson; dazu kommen Filme und Fotos.

Im Zusammenspiel aber offenbart sich ein ums andere Mal, dass sich das profane, am Gebrauchsgedanken orientierte Design neben der reflexiven, kontemplativen Kunst behaupten kann. Das wiederum verdichtet sich zu der These eines bis in die Gegenwart wirkenden Paradigmenwechsels, der das Verhältnis von Kommerz und Kunst grundsätzlich neu justierte, die "kommerzielle Kunst als Thema der Malerei" (Roy Lichtenstein) erschloss und umgekehrt "die Kunst in ihrer Übernahme von Designstrategien zur Pop-Art entwickelte", wie Schwartz-Clauss in dem im Katalog enthaltenen Essay "Pop – die Auflösung von Kunst und Design" schreibt. Pop-Art symbolisiert in dieser Lesart den Ausbruch aus der auf Exklusivität drängenden bürgerlichen Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, entmystifiziert die Kunst, holt sie vom Sockel. Umgekehrt rüttelt sie mittels des künstlerischen Blicks aber auch am schönen Schein designter Welten, reibt sich an der marktwirtschaftlichen Entfesselung des Konsums, an den Illusionen kommerzieller Werbung, an modernen Massenmedien wie dem Fernsehen und deren medialer Überformung der Wirklichkeit und der beliebigen technischen Reproduzierbarkeit der Bilder.

Diese Zusammenhänge erschließt die Ausstellung in vielen Stationen von allen Seiten. Da wird im ersten Block der historisch-gesellschaftliche Kontext ausgeleuchtet, die Umbrüche nach 1945 und deren Niederschlag in künstlerischen Strategien wie der Collage oder der Assemblage aufgezeigt. Hier findet sich unter anderem Jasper Johns "Green Target", eine in Mischtechnik gestaltete Zielscheibe, die nach dem Verhältnis von bloßer Wiedergabe und kreativer Leistung fragt, oder auch Andy Warhols Auseinandersetzung mit Coca-Cola-Werbung. Arbeiten mit Wellenreitern und Surfern von Judy Chicago zeigen den Einfluss der Straßenkultur auf die Pop-Art, andere die der Volkskultur – etwa Alexander Girards 1961 in New York realisiertes Themenrestaurant "La Fonda del Sol", das mexikanische Folklore mit Eames-Möbeln kombinierte und in einer Fotodokumentation gezeigt wird.

Im zweiten großen Block geht es um das Verhältnis von Innen- und Außenwelten; dort finden sich Themen wie Drogen, Konsum und künstliche Welten. Hier ist aber auch das riesige italienische Schaummöbel "Leonardo" von 1969 zu sehen, das durch sein US-Flaggen-Dekor in den damaligen Vietnam-Kriegstagen unverkennbar politisch aufgeladen war ebenso wie Andy Warhols "Mao", der als Kontrast die "Helden des Alltags" symbolisiert und Tupperware verkörpert um die Ecke in einem Kabinett die schöne neue Plastikwelt. Die letzten Stationen im Obergeschoss kreisen dann um die "Auflösung der Bilder" oder den "Fetisch Frau" und Produkte des Elektrogerätherstellers Braun zeigen die Reduktion des Designs auf wenige klare Symbole, ein Ansatz, der heute noch im Apple-Design weiterlebt. "Pop-Art ist fester Bestandteil einer Kultur, die sämtliche Disziplinen bespielt hat und das so erfolgreich wie keine andere Kunstströmung des 20. Jahrhunderts", schreibt Mathias Schwartz-Clauss denn auch in dem genannten Essay. Das macht seine Ausstellung plastisch und unterhaltsam nachvollziehbar.
– bis 3. Februar 2013, täglich 10 bis 18 Uhr, Vitra Design Museum, Weil am Rhein

Autor: Michael Baas