Eine Welt aus lauter Drachen

Das Gespräch führte Annette Hoffmann

Von Das Gespräch führte Annette Hoffmann

So, 09. Dezember 2018

Basel

Der Sonntag Die Universität Basel befasst sich mit der Deutung des Nibelungenliedes im Nationalsozialismus, Klaus Theweleit kommt zur Diskussion ins Literaturhaus.

Im Rahmen einer Tagung über die nationalsozialistische Rezeption des Nibelungenliedes spricht der Freiburger Autor Klaus Theweleit in Basel über das Nibelungenlied während des "Dritten Reichs".

Der Sonntag: Wann kamen Sie das erste Mal mit dem Nibelungenlied in Berührung, Herr Theweleit?

Der erste Kontakt aus dem Mund meiner Mutter war das Lied von Uhland: "Jung Siegfried war ein stolzer Knab/ging von des Vaters Burg herab". Siegfried Schwertkämpfer und Drachentöter also; der im Nibelungenlied als solcher nur in einem Bericht Hagens vorkommt. Das ist typisch. Das Nibelungenlied ist fast nur über jeweils aktualisierende Zutaten bekannt; Hebbel, Wagner, Fritz Lang, Göring und viele andere. Mir ist es dann bildlich zuerst begegnet durch eins dieser Sammelalben des Nachkriegs, Margarinebildchen, die die Zigarettensammelalben der Nazis fortsetzten; das Nibelungische in Kitschform.

Der Sonntag: Warum dichtet jede Zeit ihr eigenes Nibelungenlied?

Es hat sich im Lauf des 19. Jahrhunderts eingebürgert, dass die Nibelungen so etwas wie das deutsche Nationalepos seien. Siegfried wird der Held, der sozusagen nachträglich Napoleon besiegt und dann zur Leitfigur des deutschen Imperialismus wird. Die Welt drumherum wird als eine aus lauter "Drachen" phantasiert, die getötet werden müssen. Dann fällt der Held einem Verrat zum Opfer. Deutschland, heißt das, kann eigentlich nur hinterrücks besiegt werden. Ausgebaut als "Dolchstoß" nach dem Ersten Weltkrieg durch die Nazis.

Der Sonntag: Das Nibelungenlied entstand zur Zeit der Völkerwanderung und ist eigentlich eine Art Weltliteratur, die Handlung erstreckt sich über halb Europa. Wie konnte es zu so einer nationalistischen Verengung kommen?

Das wird mit der Umwandlung der deutschen Kleinstaaterei im 19. Jahrhundert zur deutschen Großnation zusammenhängen. Der Sieg über Frankreich 1870/71 ist die Geburtsstunde des Übermenschen deutscher Nation. Mit Schwertschwinger Siegfried on top. Im Nibelungenlied selbst ist er ein eher ausgleichender Held zwischen den Parteien.

Der Sonntag: Wird er durch die Opern Wagners erst zu der Figur, die die Nazis instrumentalisierten?

Weitgehend ja. Einmal durch die persönliche Verbindung Hitlers zum Haus der Wagners, Stichwort Ernennung zum Staatskünstler. Dann durch die Verbindung der Komplexe "Unbesiegbarkeit" und "Untergangslust", die der Nazibewegung inhärent ist. Im Grunde ist ihr Wissen vom eigenen Untergang dauerpräsent. So dass Hermann Göring gegen Kriegsende den Kampf der Wehrmacht im Osten mit dem "größten Heroenkampf unserer Geschichte", dem Kampf der Nibelungen gegen Attilas Hunnen, vergleicht und über Radio die "Nibelungentreue" einfordert. Eine Art Todeskult.

Der Sonntag: Warum arbeitet sich der moderne Dramatiker Heiner Müller bis in sein letztes Stück am Nibelungenstoff ab?

In einem Gespräch mit dem Berliner Philosophen Klaus Heinrich 1986 kommt Müller auf die Formulierung, die Aufgabe der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg sei es gewesen, "die Nation zu beerdigen". Das sei weder im Westen noch im Osten geschehen. Das läge auch daran, dass das "Nibelungische" weitergeistere; gemeint ist: Die Deutschen hätten die Opfer ihrer Kriege nicht bestattet. Sie seien ständig unter uns als Gespenster. Kriemhild wird bei ihm zu einer Offizierin der Roten Armee, Hagen zu einem Hitlergeneral. Die Mauer stand noch. Im Kalten Krieg war alles weitergegangen.
Der Sonntag: Ist denn die Nation inzwischen beerdigt worden?

Eine Weile sah es so aus; Jugendliche heute kennen die "Nibelungen" kaum. Der ganze Komplex schien, außer in der Germanistik, untergegangen. Inzwischen erleben wir allerdings aus manchen Ecken eine Wiederbelebung des "Nationalen", in der überwunden geglaubte Gespenster aus "deutscher 1000-jähriger Geschichte" gern auferstehen würden. Die Opferrhetorik, vorgebracht – wie immer – von eher Täterseite, ist jedenfalls schon da. Das Gespräch führte Annette Hoffmann
Nibelungen X-Large, Mittelalterliche Symbolpolitik im Nationalsozialismus. Podiumsgespräch zwischen Joachim Heinzle und Klaus Theweleit am Freitag, 14. Dezember, 19 Uhr im Literaturhaus Basel, Barfüssergasse 3. Infos: http://www.literaturhaus-basel.ch

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