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10. Juli 2014

Bilder und Plastiken

Karton, zivilisierte Natur, Figuren: Ein Ausstellungsrundgang in Badenweiler

Bernd Wehner
Bernd Wehners Arbeiten sind nicht klinisch rein. Der Bildhauer aus Freiburg verwendet "arme Materialien" wie Wellpappe und Karton, die in seiner Ausstellung in der Freiburger Galerie Foth zudem Spuren des Gebrauchs zeigen, Abnutzungserscheinungen, wie sie der achtlose Umgang mit wertlosen Dingen, auch zweckgerichtetes Traktieren verursacht: Reibespuren, Einritzungen, Beschädigungen der Oberfläche, etwa durch das Abreißen von Klebestreifen.

Ob Wehner selbst an einer Stelle seines schmalen Felsdurchgangs aus Karton die beiden Pfeile mit Bleistift auf den Karton gezeichnet hat? Man weiß es nicht, und auch dafür, dass die Farbspuren auf einer Pappskulptur von Künstlerhand stammen, würde man als Kritiker die seinige nicht ins Feuer legen. Selbst wenn Wehner den Eindruck des Poweren und Morbiden gezielt verstärkt, wie nicht zuletzt eine Gruppe von Arbeiten bezeugt, die hemdsärmelig auf einer gleichfalls deutliche Gebrauchsspuren aufweisenden Arbeitsplatte abgestellt sind.

Fenster öffnen sich ins Leere

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Dieses gute halbe Dutzend verwinkelter Kartonagen erinnert an Architekturen, kleine Gebäudekomplexe, in der Summe an eine reizvoll zusammen gewürfelte südländische Vorstadtkolonie – freilich nicht, ohne dann doch jedem Gedanken an Nutzung Hohn zu sprechen. Fenster öffnen sich da ins Leere, Räume nach oben oder seitlich – ein Fehltritt bedeutete den Sturz ins Bodenlose. Auch die komplexen Wandreliefs und -skulpturen wecken architektonische Assoziationen – diesmal die Vorstellung mediterraner Dachlandschaften in ihrem regellosen Eigensinn. Als Stadtplaner würde man Wehner nicht unbedingt favorisieren. Als Künstler, der der Funktionalität unserer Lebenswelt mit dekonstruktiver Lust und spöttischer Zweckferne gestaltend in die Parade fährt, zählt er zu unseren Favoriten.

Bernd Wehner,
Rocco Schelletter
Arbeiten Wehners zeigt auch das Kunstpalais Badenweiler: Stelen sowie "Zeichnungen", wenn man so will, aus Eisenspänen auf Karton mit Stelenmotiven. Auch hier: powere Materialien. Die Bleiplatten für die plastischen Stelen stammen von Schrottplätzen. Die rostigen Eisenspäne der Papierarbeiten bringen Konnotationen des Ärmlichen und Veralteten ein, somit das Moment von Zeitlichkeit und Vergänglichkeit, das der Stele in ihrer antiken Funktion als Grabmarkierung ohnehin eignet. Im formalen Anklang der Stelen an Brancusis "Unendliche Säulen" indes findet das Endlichkeitsmoment seinen dialektischen Widerpart. Und wenn Wehners Stelen in Größe und Proportion zugleich die menschliche Gestalt zitieren, erscheint menschliche Existenz in den bei aller metallischen Robustheit ge- oder zerbrechlich wirkenden Skulpturen sinnbildlich zwischen Zeit und Ewigkeit ausgespannt.

Der Freiburger Rocco Schelletter, dessen Acrylmalereien einen buntfarbigen Kontrast zur blei- und rostfarbenen Stelen-Monochromie setzen, war Fußballprofi, Physiotherapeut und Tänzer, ehe er 2011 zu malen begann. Seine abstrakten und pastos über den Bildrand hängenden "Bouquets" erinnern tatsächlich an Blumensträuße und also an von Menschenhand geformte, "zivilisierte" Natur. Dagegen rufen die "Gewebe" Bilder der ungebändigten Natur von Dschungel und Schlangennest vors geistige Auge. Mit ihren regellos-abstrakten Strukturen halten sie der Gesellschaft den Spiegel blinder Naturwüchsigkeit vor.

Lydia Leigh Clarke
Kultur wiederum, mindestens aber kultivierte Natur in der Freiburger Galerie Claeys. Lydia Leigh Clarkes "schwarzwald" ist kein Urwald, ihr "Wächter" der treueste Gefährte des Menschen, der Hund; der Kopf ihres Schimmels oder Schecken tritt erst mit Kenntnis des Titels ("horse’s head in a dream") aus informellen Farbsetzungen hervor. Die Figuren ihrer Leinwandbilder aus lasierend aufgetragenem, manchmal mit Sand untermischtem Bienenwachs mit Pigmenten werden durch ein Kleidungsstück charakterisiert ("erinnerung an einen roten Rock", "another red skirt"). Ihr Gestus ist der des Entzugs: Wir sehen sie von hinten – und falls doch einmal von vorn, bleibt uns das Antlitz verwehrt.

Das mit Abstand häufigste Sujet der in Freiburg lebenden US-Amerikanerin aus Los Angeles freilich sind Gefäße. Nicht selten sind sie in den Gouachen kleineren Formats wie den mitunter geräumigen Leinwandarbeiten bildfüllend in Szene gesetzt: oft angeschnitten, in erdigen Tönen farblich, in der klobigen Gestalt zudem formal reduziert. Nicht wenige bewegen sich am Rande des Verschwebens, in einer Zone des Übergangs zu Gedanke ("a thought", 2008), Traum und Abstraktion. Was sich in ihnen sammelt, ist Zeit und Erinnerung. Und manchmal Farbe – ein "giotto blue", ein "blue" oder "red".

– Kunstraum Foth, Barbarastr. 4, Freiburg. Bis 18. Juli, Mittwoch bis Freitag 16–19 Uhr;
– Kunstpalais Badenweiler, Blauenstr. 2. Bis 27. Juli, Montag, Freitag, Samstag 14-18 Uhr, Sonntag 11–18 Uhr;
– Galerie Claeys, Kirchstraße 37, Freiburg. Bis 25. Juli, Donnerstag 9–13 Uhr, Freitag 15–18.30 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz