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14. Februar 2012

Karg und eindrucksvoll

Marjolijn Hofs Jugendbuch: "Nie ist ganz schön lang".

Das kennen bestimmt viele Kinder: Eine Mutter, die "nicht so gut passt zu jemand anderem". Und die deshalb ihr Kind alleine erzieht. Und die es doch immer wieder versucht mit einem neuen Freund, einer neuen Liebe, die schließlich in endlosen Streitereien endet. Ich-Erzählerin Meta hat so eine Mutter: "Ihre Freunde waren alle gleich schlimm." Sie laufen in Unterhosen durchs Badezimmer und biedern sich bei der Tochter an, die sie vertraulich "Meetje" nennen, was doch allein ihrer Mutter vorbehalten ist.

Nicht zum ersten Mal beeindruckt die niederländische Erfolgsautorin Marjolijn Hof mit ihrer Gabe, besondere Familienkonstellationen einfühlsam aus der Sicht der betroffenen Kinder zu erzählen. Jetzt erfahren wir, wie sich Töchter fühlen, die sich gezwungenermaßen an die häufig wechselnden Partner ihrer Mütter gewöhnen müssen, von denen sie von vornherein wissen: "Kein einziger Freund bleibt lange." Mit Bjarni, wir ahnen es, wird es nicht anders ausgehen. Und doch entwickelt sich auf einer Ferienreise durch Bjarnis Heimat Island etwas grundlegend anderes, nämlich eine ganz eigene Nähe zwischen der Tochter und dem Freund der Mutter. Eine Nähe, die ohne anbiederndes "Meetje" auskommt und die Grenzen respektiert, die in einer solchen Konstellation nötig sind. Während die Mutter sich sehnt nach dem komfortablen Südfrankreich, wo sie sonst ihre Sommerferien verbrachten, und zunehmend genervt ist von dem Mann und seiner Insel, erwärmt sich die Tochter mehr und mehr für deren weite und raue Landschaft, die Flüsse, die mit dem Jeep durchquert werden müssen, für heiße Quellen und Vulkane unter einer dicken Eisdecke. Eine Insel, die "lebt", wie Bjarni ihr erklärt, und wo das Wetter keine Bedeutung hat: "Man nimmt alles, wie es kommt." Das kann Metas Mutter nicht. Aber Bjarni und ihre Tochter sind "wie ein Stückchen Trollbrot". So werden die durch die Kälte in Scheiben zerplatzten Steine genannt. "Verschiedene Scheiben, aber doch aus demselben Stein. Sie gehören zusammen. Und sie verstehen einander."

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Marjolijn Hof hat mit ihrem Buch auch eine Liebeserklärung an Island geschrieben, in lebendigen Dialogen und Sätzen, so knapp und karg wie die isländische Landschaft. Und gerade deshalb so eindrucksvoll. Ein Buch, das lebt.

Marjolijn Hof: Nie ist ganz schön lang. Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik. Bloomsbury Verlag, Berlin 2011. 137 Seiten, 12,90 Euro. Ab 10.

Autor: Anita Rüffer