Mies van der Rohes riesige Vitrine

Sigrid Hoff

Von Sigrid Hoff (epd)

Di, 11. September 2018

Kunst

Vor 50 Jahren wurde die Neue Nationalgalerie in Berlin eröffnet.

Ein gläserner Kubus mit weit überstehendem flachen Stahldach, auf einen weiten Sockel gestellt, überragt den Stadtraum wie ein Tempel der Moderne. Vor 50 Jahren, am 15. September 1968, wurde die Neue Nationalgalerie nach einem Entwurf von Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969) am Kulturforum im Tiergarten eröffnet. Sie ist das einzige Bauwerk, das der in Aachen geborene und 1938 in die USA emigrierte Architekt im Nachkriegsdeutschland schuf. Neben seinem berühmten Barcelona Pavillon für die Weltausstellung von 1929 gilt der Museumsbau in Berlin als Ikone der Architektur des 20. Jahrhunderts. Er ist zugleich der Schlussstein im Werk des ein Jahr nach der Einweihung gestorbenen Baumeisters.

1961, anlässlich des 75. Geburtstags von Mies van der Rohe, war der West-Berliner Senat an den in Chicago lebenden Architekten herangetreten und hatte ihn mit dem Entwurf eines Museums für die Sammlung des 20. Jahrhunderts der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beauftragt. Mies van der Rohe reizte der Gedanke, mit seinem Bau das neue kulturelle Zentrum im Westteil der Stadt zu prägen, direkt gegenüber der von Hans Scharoun ab 1960 errichteten Philharmonie.

Für sein Museum griff er auf das Projekt eines Bürogebäudes für die Bacardi-Rumfabrik in Kuba von 1957 zurück, das wegen der Machtübernahme Fidel Castros nicht realisiert wurde. Die Idee hatte er seit 1960 in einem Museumsprojekt für den Schweinfurter Sammler Georg Schäfer weiterentwickelt, das jedoch ebenfalls im Sande verlief. Mit dem Auftrag aus Berlin erhielt Mies van der Rohe die Chance, seine Vision eines stützenfreien transparenten Idealraums zu verwirklichen.

Ein erster in seinem Büro entwickelter Entwurf von 1962 schlug zunächst ein zweigeschossiges rechteckiges Gebäude vor. Dirk Lohan, der in Rathenow geborene Enkel von Mies van der Rohe, hatte gerade als Mitarbeiter im Büro des Großvaters in Chicago angefangen. Er erinnert sich, dass er gemeinsam mit dem damaligen Bürochef das Modell Mies, der sich einer Operation hatte unterziehen müssen, ans Krankenbett brachte. "Als wir ihm das zeigten, rief er aus: Vergesst diesen Entwurf, wir werden das Bacardi-Schäfer-Konzept in Berlin machen, das gehört nach Berlin!"

Für das Kulturforum entwarf Mies van der Rohe einen granitverkleideten Sockel mit breiter Terrasse, die über Freitreppen betreten wird. Darauf stellte er eine freistehende, rundum verglaste quadratische Ausstellungshalle mit einem weit darüber hinausragenden, durch Kassetten gegliederten Stahldach, das von acht Stützen getragen wird. Die eigentlichen Ausstellungsräume befinden sich im Untergeschoss, im Westen öffnen sie sich mit einer Glaswand zu einem von Mauern eingefassten Skulpturenhof. Mit dem aus dem Stadtraum entrückten Bau der Neuen Nationalgalerie, der von 1965 bis 1968 errichtet wurde, stellte Mies van der Rohe die moderne Version eines klassischen Tempels der organhaften Architektur der Scharoun’schen Philharmonie gegenüber – zwei Solitäre, die das Kulturforum bis heute prägen. Berlins Landeskonservator Jörg Haspel schwärmt: "Es sind weltbekannte Zeugnisse des internationalen Stils und des organischen Bauens, die für das Kulturforum die Kriterien des Welterbes erfüllen!"

Die rundum verglaste Eingangshalle wurde bei ihrer Eröffnung 1968 vom West-Berliner Publikum begeistert gefeiert: ein Museumsbau, der einladend wirkt, sich auf seinem Sockel zugleich würdevoll aus dem Alltagsgeschehen heraushebt. Doch die Ausstellungsmacher stellte er von Anbeginn vor große Herausforderungen: Wechselnder Lichteinfall und der Mangel an Hängeflächen für Bilder erschwerten die Inszenierung von Kunst. Mies van der Rohe musste Vorhänge zulassen, um den Raum überhaupt für Wechselausstellungen nutzbar zu machen. Er selbst hatte die Eingangshalle eher als Bühne interpretiert.

Seit 2015 ist die Neue Nationalgalerie geschlossen und wird durch das Büro von David Chipperfield generalsaniert. Der Zustand war so schlecht, dass die originale Verkleidung komplett abgenommen und das Gebäude auf den Rohbau zurückgeführt werden musste. Nachträgliche Ein- und Umbauten wurden entfernt, um den historischen Grundriss wiederherzustellen. Die Glaswände der Eingangshalle müssen komplett ersetzt werden.

Dennoch bleiben die Eingriffe der Modernisierung begrenzt. Für Martin Reichert, Projektleiter im Büro Chipperfield, ist der Kunsttempel der Prototyp eines modernen Museums: "Es gibt gut funktionierende Ausstellungsräume, es ist alles da, was ein Museum braucht. Und oben gibt es den spektakulären Eventraum, der wie eine riesige Vitrine funktioniert." Im Jahr 2020 soll die Neue Nationalgalerie wieder eröffnet werden.