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08. November 2008
Pfeift der Wind im Portemonnaie
Ein guter Rat aus vergangenen Wirtschaftskrisen: Mit einem frechen Lied auf den Lippen lässt sich die Misere besser ertragen / Von Stephan Clauss
Spekulationsblasen, Kursabstürze und Bankenpleiten sind ein mehr abgründiges als unterhaltsames Spektakel, das derzeit viele Emotionen freisetzt: Angst, Wut und Schadenfreude. Auch in den späten zwanziger Jahren verloren Millionen Menschen über Nacht Geld und Vermögen. Und die Jahre nach dem Wallstreet-Crash von 1929 waren für die Mehrheit der Bevölkerung weniger rosig als unsere gut geheizte Gegenwart.
Die unsichere Gemütslage inmitten der lange andauernden Existenzkrise verlangte nach Trost, zumindest nach Abstand. "Humor ist Distanzgefühl", wusste Bertolt Brecht, dessen "Dreigroschenoper" damals gerade Triumphe feierte in Berlin. Mit einem frechen Lied auf den Lippen ließ sich die allgemeine Misere besser ertragen. Viele Schlager jener Epoche, dargeboten in Kabaretts, Varietés und Tanzpalästen, drehten sich nicht allein um das Dauerthema Liebe, sondern ums liebe Geld. Grammophon und Radio liefen auf Hochtouren.
Die in Schellack gepressten Songs und Schlager waren keine Protestlieder. Von Hunger und Elend ist in den Texten nicht die Rede, um die es hier geht, eher von der Kunst der Illusion in der Depression. Aber hören wir doch mal rein...
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Autosuggestion
Schon 1926 beklagt der jüdische Kabarettist Willy Rosen mit schnarrendem Sarkasmus die schlechte Wirtschaftslage in dem Refrain: "Miese Zeiten, miese Zeiten, wo man hinsieht, wo man hinhört, nichts als Pleiten." Früher habe jeder Säugling bereits sein Sparkonto auf der Bank gehabt, "heute schwärmt man für den bargeldlosen, ungedeckten Scheckverkehr". Ist sein Mercedes futsch, bleibe dem Ex-Besitzer nur die "Auto-Suggestion" und der Notsitz vorne auf der Trambahn. Der Unterhaltungspianist tröstet sich mit der Schlusszeile: "Hab ich heute keine Dollar, keine Pfund, denk ich, Gott, die Hauptsach' ist, man ist gesund." Rosen, der eigentlich Rosenbaum hieß, emigrierte 1933 in die Niederlande und wurde 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.
Der Schlager "Mir geht’s gut" nach der berühmten Swing-Melodie "Ain’t she sweet" wurde vom Jazz-Sinfonie-Orchester mit dem Sänger und Schauspieler Max Kuttner im Oktober 1927 aufgenommen, ein halbes Jahr nach dem Freitag, 13. Mai, als die Berliner Börse in den Keller rauschte. Das Lied verrät einen trotzigen Unwillen, sich vom wilden Glamour der Goldenen Zwanziger zu verabschieden, die später oft mit einem Tanz auf dem Vulkan verglichen worden sind. "Mir geht’s gut, ich verliere nicht den Mut, ob ich Geld hab’ oder gerade pleite bin, mir geht’s gut", sang Kuttner mit dezent ironischem Unterton. Selbst wenn der Gerichtsvollzieher schon in der Wohnung steht, will man nicht zugeben, dass es einem noch kurz zuvor wesentlich besser ging.
Stoischer Überlebenswille klingt auch aus dem im Januar 1932 vorgetragenen Solo "So ein Dalles geht über alles" von Fritz Schulz, wobei Dalles ein jiddischer Ausdruck für andauernde Geldknappheit ist. "Der Gerichtsvollzieher kennt schon meine Tür, erst wollt er mich pfänden, doch jetzt pumpt er mir ... Lass die Banken, alle die Banken, mich bedrückt kein Dollarschein, nur der Sonnenschein ist mein." Und dann das Fazit: "Mir kann Gott sei Dank nicht viel passieren, denn ich hab nur Schulden zu verlieren."
Schulz, verheiratet mit der Gräfin Esterhazy, wirkte in rund 150 Filmen mit, nahm 1930 bis 1933 nur acht Schellackplatten auf.
Erwin Hartung, der als Refrainsänger äußerst beliebt war, besang geschätzte 3000 bis 5000 Tonträger ("Oh Donna Clara" ist nur einer seiner Evergreens). Sein Rollenfach war meist der singende Bonvivant. In dem kleinen Song "Ist das nicht wundervoll?" erzählt er, wie man selbst ohne Geld seine gute Laune behält. Auch in diesem Lied klingelt der Gerichtsvollzieher, zeigt aber unverhofftes Mitgefühl: "Er suchte in der Wohnung und sprach nach kurzer Zeit: Hier haben Sie 20 Mark, mein Herr, Sie tun mir schrecklich leid!" Der aus voller Männerbrust geschmetterte Chorus kommentiert: "Ist das nicht wundervoll, ist das nicht wundervoll, dass es in unsrer Zeit noch so was gibt!" Und wenn dann auch noch der Geldbriefträger kommt und mit saurer Miene einen Scheck vom Finanzamt überreicht, ist die Welt wieder in Ordnung.
Die reichen Verwandten
Neben einem ungetrübten Verhältnis zur Finanzjustiz wurden noch ein paar andere Strategien empfohlen, sich in Zeiten des knappen Geldes mehr oder weniger elegant über Wasser zu halten. Wohl dem, der noch reiche Verwandte zum Anpumpen sein eigen nannte, auf deren langes Leben sich freudig anstoßen ließ. Die arbeitsscheue, vom Statusverlust bedrohte Jeunesse dorée der Weimarer Republik tröstet sich zur Melodie von "La Cucaracha" mit dem Refrain: "Der Onkel hat’s ja, ach, der Onkel ist so reich, der Onkel hat’s, heute ist mir alles gleich." Handfester wird die pekuniäre Zuwendung der Sippschaft noch im Stück "Ich hab ’ne alte Tante" eingefordert. Max Mensing und die Four Admirals raten im Februar 1930: "Ich habe eine alte Tante, die pump ich immer an /und wenn du keine Tante hast, Mensch, dann schaff dir eine an!"
Die Schlagertexter schienen damals zu glauben, dass die Ersatzwährung Liebe selbst noch dem bargeldlosen Eckensteher Flügel verleiht und er sich der Rührung seines weiblichen Publikums gewiss sein konnte, legte er nur genügend Pathos in seine Serenade unter dem Balkon. Max Hansen mit dem Odeon-Tanz-Orchester trug im März 1932 die These vor: "Ich bin vom Rockefeller genau das Gegenteil." Und verrät auch, warum er mit dem reichsten Mann der Welt nicht tauschen wolle: "Er hat das Gold im Keller und ich hab keinen Heller, doch er kann pleite gehen, mir kann nichts geschehen." Hansen emigrierte später nach Schweden, wo er den Krieg überstand. Der junge Tenor Rudi Schuricke (1913–1973), der 1931 sogar ein Engagement bei den "Comedian Harmonists" ablehnte, weil er schon seine eigene Band aufbaute, sang schon damals die Penny-Serenade. "Si, si, si, schenkst du mir nur einen Pfennig, si, si, si, sing ich dir mein Pfenniglied." Aber auch die rote Rose, die stattdessen aus dem dunklen Fenster fällt, spornt den Troubadour im Lied zur Höchstleistung an.
"Ich hab kein Auto, ich hab kein Rittergut, alles was ich hab’, ich hab’ dich lieb", lautet das entwaffnende Geständnis, das Austin Egen mit dem Orchester von Marek Weber zum Besten gibt, im November 1929, nur wenige Wochen nach dem Schwarzen Freitag der New Yorker Börse, der die Weltwirtschaftskrise auslöste. Und er trällert weiter: "Ich bin kein Rothschild, bin nicht von blauem Blut, das einz’ge, was ich bin, ich bin dir gut." Auch Englisch und Boxen kann er nicht, "das einz’ge was ich kann – ich kann nicht leben ohne dich". Was ist diese Ansage anderes als das unverblümte Betteln um ein Bratkartoffelverhältnis? Heute hieße das wohl "Bedarfsgemeinschaft".
Doch schon damals war nicht jedes (noch) berufstätige Fräulein bereit, sich einen vielleicht liebestollen, aber arbeitslosen Mitesser in die Küche zu holen. "Ein kleiner Vorschuss" von Rosi Barsony im Juni 1933 eingespielt, handelt vom kleinen Geldsegen "kurz vor Torschluss", nachdem schon an jedem Ersten die alten Schulden bezahlt werden müssen. "Das macht so selig, das macht so fröhlich, wenn man mal Geld hat, es auszugeben". Im Tanzlied reicht das für eine Flasche Wein, zu der dann allerdings exklusiv die beste Freundin eingeladen wird. Barsony kam 1909 in Budapest zur Welt und machte vor allem als Schauspielerin Karriere.
Liebe als Ersatzwährung
Das Warten auf den rettenden Versorger in der Not trieb aber auch das weibliche Geschlecht um. Manche Damen gaben sich – jedenfalls im Chanson – schon mit bestürzend wenig zufrieden, ihre Bescheidenheit bei der Partnerwahl kannte scheinbar keinen Mindestlohn. Ein Blick voll Sehnsucht und der Mann der Träume, wenn er dann kommt, wusste Bescheid: "Für ’nen Groschen Liebe, für ’nen Groschen Treue, für ’nen Groschen Zärtlichkeit, mehr will man wirklich nicht, mehr will man wirklich nicht", sang Maria Colm mit dem Orchester Lewis Ruth im September 1932 in Berlin. Irgendwie Lichtjahre von jeder Frauenbewegung entfernt. Aber mit hübsch geschmetterter Swing-Melodie.
"Ich brauche keine Millionen", 1939 von Rudi Godden gesungen, später auch noch von Peter Alexander, ist ein Evergreen der Selbsthypnose. "Ich hab am Anzug viele Taschen, doch in den Taschen ist nichts drin, als nur ein kleines Bild der Frau, mit der ich glücklich bin. Doch andererseits hab ich noch Noten, doch keine Noten von der Bank, nur Noten einer Melodie, die sing ich stundenlang: Ich brauche keine Millionen, mir fehlt kein Pfennig zum Glück, ich brauche weiter nichts als nur Musik, Musik, Musik!" Und dazu natürlich die Liebe seiner Braut, die sich vermutlich auch nur mit Luft und Liebe ernähren ließ. Aber in der Schlagerwelt war schon immer alles möglich. Der Sänger Rudi Godden, der zwei Jahre später an einer Blutvergiftung starb, war ein Sonnyboy – auf der Bühne wie in der Wehrmachtsuniform.
Gar nicht komisch klingt der Zwei-Minuten-Ländler "Ich bin lustig – ob ich Geld hab oder keins", den Jenny Jugo 1935 zum Akkordeon vortrug:
"I bin lustig, ob die Welt zum Deifl geht,
i bin lustig, morgen ists vielleicht zu spät/
I bin lustig, wann i auch in Lumpen geh’/
i bin lustig, pfeift der Wind durchs Portemonnaie".
Auch das war kein Protestlied. Sondern eine der vielen Facetten der österreichischen Komödiantin. Ihre Beliebtheit bei den Nazigrößen nutzte sie, um ihren Partner Erich Engel zu schützen. 1949 spielte sie in dem Trümmerfilm "Wir Königskinder" von Helmut Käutner. Sie wurde fast hundert Jahre alt, lebte bis 2001.
Rudi Schuricke, vom dem heute nur noch die schmalztriefenden "Capri-Fischer" bekannt sein dürften, ließ eine schlichte Botschaft vom Stapel, an die noch heute jeder Lottospieler glaubt: "Wenn Du Glück hast, fallen 1000 Mark vom Himmel." Und sein im März 1939 geträllertes Lamento "Warum kam ich nicht reich zur Welt?" stellt eine Frage, die ungebrochen populär ist, aber die Gründe ungerechter Vermögensverteilung schon stets verschleierte.
Ob es erstrebenswert ist, Millionär zu sein, ob Geld überhaupt glücklich macht, darüber wird man streiten bis zum Ende des Kapitalismus und der Rückkehr zur Naturalienwirtschaft. Doch, und das sollte dieser kleine Griff in die Musiktruhe zeigen: Es kommt auf die innere Haltung an. Man kann sich entweder schwarz ärgern, nicht im richtigen Moment VW-Aktien im Depot gehabt zu haben, oder sich an der klammheimlichen Freude erwärmen, dass man immer stets weniger zu verlieren hat als die Reichen. Erst wenn der Humor uns verlässt, stecken wir richtig tief in der Tinte.
Autor: Von Stephan Clauss


