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13. Januar 2012
Redshape: Ein Unbekannter mit roter Maske
Der Musiker Redshape bringt seine schroffen elektronischen Klanglandschaften ins Freiburger Drifter’s.
"Geht es noch um die Wahrung von Identitäten oder vielmehr um die Erwartungshaltung meines Publikums?", hinterfragt sich der Technomusiker Redshape selbstkritisch, spricht man ihn auf sein äußerliches Markenzeichen an. Dieses ist eine karmesinrote Maske aus Hartplastik. Er trägt sie bei Interviews genauso wie bei seinen Auftritten auf Festivals und in Clubs. Am heutigen Freitag kommt Redshape ins Freiburger Drifter’s.
Die Maske verbirgt vollständig Redshapes Gesicht. Nur kleine Lochöffnungen für Augen, Mund und Nase lässt sie frei. Mit ihr hat der Musiker erreicht, was in einer digital vernetzten Welt und in Zeiten proaktiver Datenweitergabe in sozialen Netzwerken nur noch wenigen Künstlern gelingt: Eine Kunstfigur zu erschaffen, die völlig losgelöst von der tatsächlichen Identität ihres Schöpfers agiert und ihm dadurch Anonymität gegenüber der Öffentlichkeit verleiht.
Seit nunmehr sechs Jahren bewegt sich der Unbekannte mit der roten Maske auf dem Parkett der elektronischen Musik. Zu Beginn seiner Laufbahn, mit den ersten Veröffentlichungen von 12-Inch-Vinylschallplatten auf so traditionsreichen Labels wie Music Man oder Delsin, beherrscht vor allem ein Thema die Szenemagazine wie die englischsprachigen Pitchfork, Fact und XLR8R: Wer ist Redshape? Ein erster Verdacht wird in Umlauf gebracht: Hinter dem klangstarken Namen verberge sich ein berühmter Produzent aus der US-amerikanischen Stadt Detroit, die als eine der Geburtsstätten des Techno gilt.
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Anlass für diese Vermutung gibt die Musik. In seinen Stücken dringt Redshape tief vor in subsonische Basswelten. Dort lässt er schroffe Klanglandschaften entstehen, indem er sphärische, mehrheitlich melancholisch eingefärbte Synthesizerflächen aufeinander schichtet. Dieser düstere, verträumte Ambient entfaltet seine volle Wirkung jedoch nur im Zusammenspiel mit dem Rhythmus. Der besteht aus kantigen Snares und körperreichen Bassdrums, die eine enorme Schubkraft entwickeln. Das Ganze ist eine Musik, wie sie nur analogen Drumcomputern, Synthesizern und Sequenzern entlockt werden kann. Sie entspringt zwar kalten Geräten, transportiert aber eine organische Wärme. Detroiter Technomusiker, die sich ganz dem Erbe Motowns verpflichtet sehen, nennen sie entsprechend Hi Tech Soul.
Und Redshape? Zunächst entkräftet er den Verdacht, indem er Interviewfragen auf Deutsch beantwortet. Zudem bezieht er zum Thema Detroit als musikalischem Sehnsuchtsort ausdrücklich Stellung: "Die Musik dieser Stadt bestimmt zwar meine Vorstellung von elektronischer Musik. Doch mir geht es dabei weniger um tatsächliche Faktoren, sondern vielmehr um eine romantische, ja fast schon sentimental wirkende Beziehung zu dieser Art von Musik." Mit dieser Aussage stellt sich Redshape in die Tradition des Techno Detroiter Prägung und geht gleichzeitig auf Distanz zu ihm. Der Sound dieser Stadt dient ihm lediglich als gedanklicher Ausgangspunkt für eine wehmütige Auseinandersetzung mit der Maschinenmusik.
Vorläufiger Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens ist das Album "The Dance Paradox". Darauf spannt der – soviel weiß man mittlerweile – in Berlin beheimatete Musiker einen Bogen von astreinen, druckvollen Techno-Stücken bis hin zu Soundentwürfen, die eine tiefe innere, fast schon meditative Ruhe kennzeichnet. Er gibt Einblick in seinen weiten musikalischen Kosmos, der mitgeprägt ist von den traumwandlerischen Synthesizer-Harmonien eines Jean Michel Jarre.
Momente, wie sie der Besucher einer Live-Darbietung von Redshape nur in der Interaktion mit tiefbohrenden Bassgrooves und treibenden Drumpattern erleben wird. In seinen Performances verfremdet der Künstler die Themen seiner Stücke immer wieder und mischt sie mit Entwürfen, die erst im Moment des Auftritts entstehen. Durch dieses Live-Spielen entsteht eine intime Beziehung zu seinem Publikum. Redshape sagt dazu: "Diese direkte Verbindung hat etwas Erotisches." Letztendlich geht es in der Nacht, in der Dunkelheit eines Clubs, auch um die sinnlich-körperliche Erfahrung der Musik. Dort kann ein Musiker wie Redshape diese beiden Ebenen zusammenführen und erlebbar machen. Und die Maske? Längst dient sie nicht mehr dem Schutz einer Identität. Sie ist selbst eine geworden.
– Drifter’s, Freiburg, Schnewlinstr. 7-9, heute, Freitag, ab 23 Uhr.
Autor: Bernhard Amelung
