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15. Dezember 2009 00:06 Uhr
Tanztheater
Straßburg: Kolonialgeschichte im HipHop-Stil
Die Klänge der Banlieues: Eine HipHop-Tanztruppe aus Straßburg arbeitet die Kolonialgeschichte der "Grande Nation" auf. Ist ihr Stil eine Provokation oder die Freiheit der Kunst?
Oberhausbergen liegt im Ballungsgebiet von Straßburg, doch Fachwerkhäuser, Winzerstuben und Blumentöpfe versprühen den Charme elsässischer Dorfidylle. Vor dem neuen Kulturzentrum "PreO" absolviert ein Breakdancer Aufwärmübungen. "Als wir jung waren, haben wir ohne Schutz auf dem Beton getanzt, schau so!" Majid wirbelt grinsend mit Armen und Beinen über den Asphalt. "Wir haben uns alles von HipHop-Videos abgeschaut, damals konnte uns niemand zeigen, wie das geht", erinnert sich der dreißigjährige Sohn marokkanischer Einwanderer. Anfang der 90er Jahre brachten er und seine Kumpels sich in der Plattenbauwüste des Straßburger Stadtteils Elsau die ersten Tanzschritte selber bei, heute arbeitet Majid als professioneller Tänzer und gibt Workshops.
Später steht Majid auf der Bühne des Veranstaltungssaals. Normalerweise werden hier Lesungen oder Konzerte des Blasmusikvereins aufgeführt – heute sind Hip-Hop-Beats mit Zirkusmusik zu hören. Breakdancer stampfen in Anzug und Melone über die Bühne, die weißen Hemden mit Kissen zu riesigen Bäuchen ausgestopft. Die Berliner Kolonialkonferenz von 1884, bei der die europäischen Großmächte die Kolonien untereinander aufteilten, wird als groteske Lotterie persifliert. "Folies Colonies" ( "Verrückte Kolonien") heißt das Musical, das hier geprobt wird – bereits die zweite Produktion, mit der die Straßburger "Companie Mémoires Vives" ("Lebendige Erinnerung"), die französische Kolonialvergangenheit auf die Bühne bringt.
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"Unser erstes Stück ,A nos morts’ (,Unseren Toten’) haben wir in Frankreich mehr als 60 Mal aufgeführt", erklärt ein Mittdreißiger mit Glatze, Militaryjacke und Turnschuhen. Yan Gilg ist Elsässer, Leiter der Tanztruppe und der Einzige im Ensemble mit weißer Hautfarbe. Alle anderen haben einen Migrationshintergrund. Die Geschichte, die sie in "A nos morts" erzählen, könnte die ihrer Vorfahren sein: Das Stück handelt von den "Tirailleurs", jenen Soldaten aus Frankreichs Kolonien, die in den Weltkriegen für die Republik an die Front zogen. Hunderttausende Soldaten aus West- und Nordafrika, Indochina, von den Antillen und den Pazifikinseln kämpften unter der Flagge Frankreichs. Anerkennung bekamen sie kaum. In der Geschichtsschreibung wurden ihre Rolle lange verschwiegen. Ihre schmalen Pensionen wurden auf dem Stand von 1959 eingefroren. Durchschnittlich erhielten sie nur ein Drittel der Bezüge ihrer französischen Kameraden. "Frankreich hat seine Kolonialvergangenheit unter den Tisch gekehrt," kommentiert Yan Gilg. "Das ist so, wie wenn man in Deutschland nie über die Judenverfolgung gesprochen hätte!"
In "A nos morts" wird das Schicksal der Tirailleurs als Drama im HipHop-Rhythmus inszeniert: Rap-Beats mischen sich mit dem Stakkato von Maschinengewehren, Breakdance karikiert Exerzierübungen, Headspins und akrobatische Sprünge versinnbildlichen das Grauen des Krieges. Mit ihrer ungewöhnlichen Art der Geschichtsaufarbeitung erregen die Rapper und Breakdancer auch im Ausland Interesse: Im Senegal standen sie auf der Bühne, es stehen Auftritte in Marokko an. Im September wurde "A nos morts" beim Internationalen Literaturfestivals in Berlin aufgeführt – mit deutschen Übertiteln. Die Freiburger Romanistin Eva Kimminich hatte die Song- und Bühnentexte von ihren Studenten übersetzen lassen. Im kommenden Jahr soll das Stück im Rahmen der Wanderausstellung "Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg" in deutschen Städten gezeigt werden – auch in Freiburg.
Freiheit der Kunst?
Vor kurzem sind "Sons d’la Rue" umgezogen. In Neudorf, einem Multikulti-Viertel in der Innenstadt, haben sie zwei winzige Räume gemietet. "Hier kommen jeden Monat mehrere hundert Besucher vorbei", erzählt Mouss. Der Rapper mit Goldkette und Lederjacke organisiert Rapworkshops und moderiert die tägliche Radioshow der "Sons d’la rue" auf einem Lokalsender. "Unser Publikum ist buntgemischt und kommt aus allen Schichten", ergänzt Nessrine, Sängerin des R’n’B-Duos Djiness und einzige Festangestellte der "Sons d’la rue". "Klar, der HipHop ist in den Banlieues groß geworden, aber mittlerweile ist er ein fester Bestandteil der Kulturlandschaft geworden. Slam-Poetry und Spoken-Word-Lyrik haben das Repertoire des Rap erweitert, landauf und landab entstehen Kompanien, die Breakdance mit Theater und zeitgenössischem Tanz verbinden. Trotzdem stecken immer noch viele den HipHop in die Banlieue-Schublade: Nach den Vorstadtunruhen vom Herbst 2005 machten Politiker die Rapper verantwortlich. Konservative Abgeordnete stellten Monsieur R, Sniper oder La Rumeur wegen "gewaltverherrlichender" und "diffamierender" Texte vor die Justiz. Doch von den Gerichten wurden ihre provokanten Worte als Freiheit der Kunst gewertet.
Auch die Premiere von "Folies Colonies" zeigt, dass der französische HipHop mehr ist als Gangsta-Subkultur: Das Stück zieht ein buntgemischtes Publikum an. Unter Dorfbewohner aus Oberhausbergen mischen sich Lehrer mit Schulklassen und Kids aus den Vorstädten. "Folies Colonies" zeichnet in grellen Farben ein Panorama der Epoche des Kolonialismus. Moderiert von einem Zirkusdirektor wird über Sklaverei, Völkerschauen und Exotismus berichtet. "Wir haben das Stück im Stil eines Varietéspektakels inszeniert", erklärt Gilg. "Sonst würde uns bei einem so düsteren Thema das Publikum gleich wieder aus dem Theater rennen". Trotzdem bleibt vielen das Lachen im Halse stecken: Viele Vorurteile aus der Kolonialzeit haben überlebt, lautet die Botschaft. "Schwarze werden immer noch als Muskelpakete oder als Verbrecher dargestellt", meint Gilg. "In unserer Fußballnationalmannschaft spielen lauter Afrikaner, aber in der Nationalversammlung sitzen fast nur Weiße."
– Weitere Vorstellungen: Heute, 20.30 Uhr, morgen, 15, 20.30 Uhr. Pôle Sud, Straßburg. Tel. 0033/3883923 40.
Autor: David Siebert
